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Trailrunning

Mystik pur am Großglockner

Eine Sommergrippe setzte Markus Mingo zu. Der Kötztinger wagte sich auf die Monster-Runde und erlebte ein Naturschauspiel.
Von Markus Mingo

Als einen der spektakulärsten, prägendsten und erlebnisreichsten Trailruns seines Lebens bezeichnet Markus Mingo den Großglockner Ultra Trail. Fotos: Frank, Frühmann
Als einen der spektakulärsten, prägendsten und erlebnisreichsten Trailruns seines Lebens bezeichnet Markus Mingo den Großglockner Ultra Trail. Fotos: Frank, Frühmann

Bad Kötzting.Trailrunner Markus Mingo war am Start beim Großglockner Ultra Trail (GGUT). Er berichtet über seine Erfahrungen: Fieberwahn? Midlife Crisis? Todessehnsucht? Ich weiß es nicht genau, was mich dazu bewogen hat zusammen mit 300 „Verrückten“ um 22 Uhr an der Startlinie zum „anspruchsvollsten Trailrun der Ostalpen“ zu stehen – dem Großglockner Ultra Trail. 110 Kilometer, 6500 Höhenmeter – die Hälfte der Strecke bei Nacht - und das im teilweise hochalpinen Gelände auf Höhen bis knapp an die 3000 Meter Grenze.

Vier Strecken stehen zur Auswahl beim GGUT. Da sind die 30 Kilometer ab der Weissee Gletscherwelt, der schnelle 50er mit dem technisch anspruchsvollen Mittelteil. Die neue e 75k Strecke durch die „schönsten Teile der Glocknergruppe“. Oder eben die Königsdisziplin – dieses Monster mit 110 Kilometern auf der sogenannten „Glocknerrunde“ rund um Österreichs höchsten Berg (3798 m).

Erlebnis, kein Wettkampf

Hochalpine Pfade, schneebedeckte Berggipfel und endlose Stille beeindruckten Markus Mingo beim Großglockner Ultra Trail. Fast mystisch empfand er die Stimmung, zumal die Trailrunner dem Blutmond ganz nahe waren. Fotos: Frank, Frühmann
Hochalpine Pfade, schneebedeckte Berggipfel und endlose Stille beeindruckten Markus Mingo beim Großglockner Ultra Trail. Fast mystisch empfand er die Stimmung, zumal die Trailrunner dem Blutmond ganz nahe waren. Fotos: Frank, Frühmann

Gemeldet war ich auf der 75k Strecke, doch eine Sommergrippe im Vorfeld machte jegliche sportliche Ambition zunichte. So entschied ich mich kurzfristig für das Abenteuer – die Strecke mit dem höchsten Erlebniswert: In der einzigartigen Landschaft des Nationalparks Hohe Tauern geht es durch drei Bundesländer, sieben Täler, sechs Gemeinden, zweimal über die Alpen, vorbei an 14 Gletschern, rundherum rund 300 Gipfel mit mehr als 3000 Meter. Garniert wurde das Ganze durch eine Jahrhundertmondfinsternis.

Lesen Sie hier ein Porträt über Trailrunner Markus Mingo

Eine schier endlose Lichterkette, erzeugt durch hunderte Stirnlampen, ging auf den Berg. Mingo, der zum ersten Mal einen Nachtlauf absolvierte und ohne sportliche Ambitionen unterwegs war, sammelte unvergessliche Eindrücke. Fotos: Frank, Frühmann
Eine schier endlose Lichterkette, erzeugt durch hunderte Stirnlampen, ging auf den Berg. Mingo, der zum ersten Mal einen Nachtlauf absolvierte und ohne sportliche Ambitionen unterwegs war, sammelte unvergessliche Eindrücke. Fotos: Frank, Frühmann

Auf 110k statt der angepeilten 75k umzumelden, wenn man sich nicht ganz fit fühlt, hört sich erst einmal dämlich an, aber meine Gedanken waren folgende: Wenn ich das Ganze als Erlebnis anstatt als Wettkampf sehe, würde es mir leichter fallen, ein Wohlfühltempo zu finden, auf meinen Körper zu hören und die Notbremse zu ziehen. Wohl ist mir nicht: Gerade zog noch ein mächtiges Gewitter über Kaprun, mein Tag begann um 4.30 Uhr mit meinem Jüngsten, dann Zeugnisse austeilen, sechs Stunden Anfahrt am heftigsten Verkehrswochenende des Jahres, Medienmeeting als Pressevertreter, Abendessen versäumt, Rucksack 100 Mal umgepackt – perfekte Vorbereitung auf den ersten Lauf über 100 Kilometer sieht anders aus. Auch in Sachen Nachtlauf war ich absoluter Rookie.

Atemlos durch die Nacht

Glücklicherweise bekam ich während meiner Anreise auf einem Parkplatz der B20 vom Silva-Vertreter meines Vertrauens noch eine Teststirnlampe überreicht. Keine Ahnung, ob ich nachts überhaupt laufen kann, wie mein Körper auf die nächtliche Nahrungsaufnahme reagiert und wie sehr mir die Müdigkeit zu schaffen machen würde – ein echtes Abenteuer also. Begleitet von begeisterten Zuschauern und Helene Fischer aus den Boxen laufen wir also los – atemlos durch die Nacht. Die 2,5 Stunden bis zur ersten Verpflegung nach Ferleiten vergehen wie im Flug. Zu hoch das Adrenalin, zu spannend dieser Nachtlauf, um an Schlaf überhaupt zu denken. Die Pfade sind noch nicht zu technisch, so dass der Blick immer wieder gen Himmel wandert, um diese beeindruckende Mondfinsternis zu begutachten. 1500 Höhenmeter und 22 Kilometer haben wir hier bereits in den Beinen, bevor wir die Zivilisation endgültig verlassen und in die faszinierende Bergwelt der Hohen Tauern eindringen.

Durch das Käfertal arbeiten wir uns kompromisslos hoch zu Pfandlscharte auf 2.663 Meter. Es folgen einige der beeindruckendsten Momente meines bisherigen Trailrunnerlebens – der Blutmond leuchtet teilweise zum Greifen nah, darunter der nicht weniger rote Mars, um kurz darauf wieder völlig zu verschwinden und die Szenerie in vollkommene Dunkelheit zu hüllen. Hochalpine Pfade, schneebedeckte Berggipfel und endlose Stille um mich herum. Beim Blick nach hinten – teilweise noch weit unten im Tal – eine schier endlose Lichterkette, erzeugt durch hunderte Stirnlampen. Kurz vor dem Gipfel sind 200 Höhenmeter über ein Schneefeld zu bewältigen. Kräftezehrendes Stufenschlagen, Abrutschen, Akkuwechsel bei vollkommener Dunkelheit und klammen Fingern inklusive. Eine echte alpine Herausforderung also. Über den Wiener Höhenweg zur Salmhütte bis hoch zur Pfortscharte auf 2838 Meter folgt ein weiterer unvergesslicher Streckenabschnitt.

Lesen Sie hier: Markus Mingo aus Bad Kötzting startete mit deutscher Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft im Trailrunning in Spanien.

Ein fast meditatives Laufen

Der Vollmond auf dem hochalpinen Singletrail erzeugt in der einsamen Bergwelt eine fast mystische Stimmung. Ich laufe mittlerweile mutterseelenalleine, nichts anderes wahrnehmend als meine Atmung, den Trail und die An- und Entspannung der Muskeln. Es ist ein meditatives, fast spirituelles Laufen und noch nie in meinem Leben war ich so eins mit Körper, Geist und der Natur. Abwärts ins Ködnitztal bis zur Lucknerhütte dann diese Morgendämmerung mit Sonnenaufgang in den Hohen Tauern. Siebeneinhalb Stunden bin ich jetzt unterwegs und keine Sekunde davon müde. Zu zahlreich die Highlights, zu beeindruckend das Naturschauspiel.

Lesen Sie hier: Das Trailfieber im Bayerischen Wald

Markus Mingo erlebte das Finsh als Zuschauer mit. Fotos: Frank, Frühmann
Markus Mingo erlebte das Finsh als Zuschauer mit. Fotos: Frank, Frühmann

Wohlwissend, dass die Reise für mich in Kals zu Ende ist, genieße ich auch die letzten zehn Kilometer. Gerade in den Höhenlagen zeigten mir Hustenanfälle, die triefende Nase und Halsschmerzen, dass die Sommergrippe immer noch nicht zu 100 Prozent auskuriert war. Ich hatte mir und meiner Frau im Vorfeld versprochen, bei den kleinsten gesundheitsgefährdenden Anzeichen in Kals auszusteigen. Trotzdem fällt es mir schwer nach 61 Kilometern, 4500 Höhenmetern, 8:45h und auf Rang acht liegend loszulassen. Zu gut die Beine, zu aussichtsreich die Platzierung. Aber was solls: Ich hatte einen der spektakulärsten, prägendsten und erlebnisreichsten Trailruns meines Lebens hinter mir.

Dieser Großglockner Ultratrail ist zu spektakulär, zu selektiv, zu atemberaubend schön, um ihn nicht zu beenden. Ich werde also ganz bestimmt wiederkommen. Mit einem Plan, einer Vorbereitung, einem Gesundheitszustand und einem klaren Ziel vor Augen. Wie es sich für so ein „Monster von Trail“ gehört. Diesmal nicht als laufender Redakteur, sondern als Sportler!

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