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Literatur

Skrupellosigkeit scheint zeitlos gültig

Ulrich Effenhauser stellte „Alias Toller“ in Bad Kötzting vor – eine wahre Geschichte, die nichts an Aktualität verloren hat.
Von Dietrich Donath

Autor Ulrich Effenhauser liest aus seinem Roman „Alias Toller“.
Autor Ulrich Effenhauser liest aus seinem Roman „Alias Toller“. Foto: kdd

Bad Kötzting.Ein wenig Bauchweh habe er schon gehabt vor der ersten Lesung in seiner Buchhandlung, erzählt Wilfried Oexler bei der Begrüßung zur Autorenlesung von Ulrich Effenhauser am Freitagabend. Doch das war völlig unbegründet, wie sich zeigt. Der Ort ist ideal. Hier kommen die Zuhörer dem Autor nahe. Außergewöhnlich ist auch die Geschichte der Person, um die es in Effenhausers Buch „Alias Toller“ geht: ein angesehener Kötztinger Bürger, der sich als Doppelagent der Sowjetunion herausstellt. Etwas zu freundlich, süßlich, wie sich Oexler an das historische Vorbild der Romanfigur erinnert, aber die Abgründe hinter dem Mann habe damals niemand geahnt.

Der Basis-Stoff für seinen Roman „Alias Toller“ ist eine wahre Geschichte aus der Nachkriegszeit. Effenhauser betont in seinen Erläuterungen zur Lesung, sein Roman sei ein literarischer Krimi, wie er es nennt, und basiert auf authentischen Tatsachen – gemischt mit freier Erfindung. Obwohl die Geschichte fast 40 Jahre zurück liegt, hat sie im Zeichen von den Affären um NSA, BND und den NSU-Prozess nichts an Aktualität verloren. Die Skrupellosigkeit der Geheimdienste, der Behörden und Politiker im Buch scheint zeitlos gültig.

Zwei Morde stehen im Zentrum

Auch hier fehlt jedes Verantwortungsbewusstsein für die Opfer. Täter wurden und werden aus fragwürdigen Gründen nicht belangt, Verbrechen nicht aufgeklärt, Tatsachen und persönliche Schuld verschleiert. So wurden nicht nur in der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit NS-Verbrecher von den Geheimdiensten angeworben, um im jeweiligen „Feindesland“ zu spionieren. Auch in Tschechien setzten kommunistische Funktionäre solche Spione ein. Doch einige solcher Funktionäre, die solche Spione geleitet und gedeckt hatten, kamen nach der Wende in Prag vor Gericht.

Zu diesen Prozessen wird Kriminalkommissar Heller im Buch als Zeuge geladen. Und findet 30 Jahre nach zwei unaufgeklärten Morden heraus, wer und was in diesem Fall eine Rolle spielte. Seine anschließenden Ermittlungen führen ihn nach Prag, Regensburg und Rom. Am Anfang des Romans steht ein Mord an einem Musiklehrer in Regensburg Ende der 70er Jahre. Zu dessen Aufklärung wollte Kriminalkommissar Theodor Kolnik, Hellers einstiger Chef, unbedingt nach Prag fahren und wird dort selbst Opfer eines Mordes.

Zur Person

  • Beruf

    Ulrich Effenhauser wurde 1975 in Burglengenfeld geboren, studierte in Regensburg Deutsch und Geschichte. Effenhauser arbeitet als Studienrat am Benedikt-Stattler-Gymnasium und lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Runding.

  • Erfolge

    2009 errang er den 3. Preis beim Literaturwettbewerb des Bundesverbands junger Autoren, 2011 war er im Finale beim MDR-Literaturwettbewerb und wurde für den Bayerischen Kunstförderpreis nominiert. 2015 erhielt er für die Kurzgeschichte „Der Auftrag“ den Irseer Pegasus.

Der Autor Ulrich Effenhauser will in seiner Lesung natürlich nicht zu viel verraten. Doch er gewährt Einblicke in dunkle Verflechtungen der Handlung von „Alias Toller“. Farbig und detailreich zeichnet der Literat Personen, Orte und Ereignisse in einer geschliffenen Sprache. Der Zuhörer erlebt die Ereignisse regelrecht mit.

Bei der Lesung hören die Besucher Effenhausers Schilderungen der Person des Kriminalkommissars Theodor Kolnik, so wie seine höchst ungewöhnlichen, jedoch erfolgreichen Arbeitsmethoden. So liest Kolnik meist die Bibel oder Dostojewskis „Schuld und Sühne“ – und nur dazwischen kurz die Akten, Tatorte besucht er aus Prinzip nie. Die nächste Szene, die Effenhauser liest, spielt nach der Ermordung Kolniks, als Heller seine Ermittlungen beginnt. Er schildert eine Episode aus dem Reisequartier Hellers und seiner ungeliebten Assistentin Charlotte Kolnik, der Tochter seines ermordeten Chefs, in der die Atmosphäre eines bayerischen Dorfgasthofes an Kirchweih aufblitzt. Spannend auch die Passage, in der Heller im altrömischen Theater bei Ostia auf eine Schlüsselfigur des Romans wartet. Hier zeigt sich die tödliche Gefahr, in der er selbst lebt. Nur einem Autodieb, der unwissentlich die Bombe in Hellers Ford 17M zündet, verdankt der Kommissar sein Leben.

Geschichtlicher Hintergrund

Den geschichtlichen Hintergrund des Romans bildet die Person des Werner Tutter: Der wurde 1909 in Prag geboren, absolvierte ein Ingenieurstudium und beherrschte acht Sprachen. Er war technischer Beamter, betätige sich politisch in deutsch-nationalen Kreisen. Ab 1943 gehörte er zur „Division Brandenburg“ der SS, für die der Offizier Tutter in der besetzten Tschechoslowakei auf der Partisanenjagd brutal gemordet hat. Nach 1945 von den Kommunisten inhaftiert, ungewöhnlich milde bestraft und bald wieder freigelassen – unter der Bedingung, fortan unter falschem Namen für die tschechische Staatssicherheit in der Bundesrepublik zu spionieren.

Nach der Errichtung der NATO-Abhöranlage auf dem Hohenbogen wurde Tutter wegen seiner Sprachkenntnisse ab 1962 als Zivilangestellter der Bundeswehr Horchfunker, dort trieb er Spionage für den tschechoslowakischen Geheimdienst.

Als 1972 in der Sicherheitsschleuse im Fernmeldesektor „F“ ein verlorener Umschlag mit Geheimunterlagen aufgefunden wird, geriet auch Tutter ins Visier der Ermittlungen des Landeskriminalamtes, Tutter konnte jedoch den Verdacht auf einen Zivilangestellten abwälzen. Tutter, der offenbar auch für den AMD der Bundesrepublik gearbeitet hatte, wurde mit fadenscheinigen Begründungen entlastet. 1974 ging Tutter in den Ruhestand. Wegen seines vielfältigen gesellschaftlichen Engagements war Tutter ein geachteter Bürger von Kötzting und wurde 1983 unter großer öffentlicher Anteilnahme beigesetzt.

Berichte in tschechischen Medien veranlassten den aus Kötzting stammenden Germanisten und Slawisten Winfried Baumann zu Recherchen über den verstorbenen Kötztinger Bürger Kurt Werner Tutter, bei denen sich dessen Identität mit dem Kriegsverbrecher ergab.

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