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Spaß am Klang der alten Wurlitzer

Der Bad Kötztinger Schreinermeister Franz Lendl pflegt alte Musikboxen, die einst der Stolz der Wirtshäuser waren.
Von Alois Dachs

Franz Lendl mit einer Rock-ola-Musikbox. Diese Marke war bei uns am meisten verbreitet und sehr beliebt.
Franz Lendl mit einer Rock-ola-Musikbox. Diese Marke war bei uns am meisten verbreitet und sehr beliebt. Fotos: Simon Tschannerl

Bad Kötzting.„Der größte Feind der Musikboxen ist das Nikotin“, sagt Franz Lendl. Als er 1995 von einem Bekannten eine nicht mehr funktionsfähige Musikbox geschenkt bekam, ahnte der leidenschaftliche Sammler, der auch viele Jahre alte Möbel und Uhren gehortet hatte, noch nicht, dass damit eine große Leidenschaft in ihm geweckt war. Aus seiner Jugendzeit kannte der Bad Kötztinger Schreinermeister die Musikboxen als „Hauptunterhalter“ in jedem Wirtshaus, das in den 50er bis 70er Jahren etwas auf sich hielt.

Welche Bedeutung eine funktionierende Musikbox aber für das Geschäft hatte, machte ihm später ein Gespräch mit einem Mechaniker deutlich, der als Servicemann für einen Musikboxen-Aufsteller tätig war. Der berichtete, dass er nicht selten nachts um 23 oder 24 Uhr angerufen und dringend um eine sofortige Reparatur gebeten wurde, „sonst laufen mir die Leute davon“.

Originalzustand ist wichtig

Seine erste Musikbox wollte Franz Lendl selbst wieder zum Laufen bringen. Er baute die komplette Mechanik auseinander, studierte die Schaltpläne und schaffte es nach über 200 Stunden Reinigung und Instandsetzung tatsächlich, die Box wieder so funktionieren zu lassen, „dass auch die Platte B7 gespielt wird, wenn ich B7 drücke“. Die Mechanik habe er nach ausgiebiger Reparatur schon durchschaut, bei Problemen mit der Elektronik aber musste er gelegentlich einen Fachmann dazuholen.

Franz Lendl, der Jukebox-Sammler aus Bad Kötzting

Aber das war erst der Anfang einer interessanten Sammlertätigkeit, die ihm mittlerweile 13 funktionsfähige Musikboxen in fast allen Zimmern seines Hauses bescherte. „Die meisten Boxen habe ich aus Partykellern bekommen“, erzählt Franz Lendl, denn als die Zeit der Discotheken anbrach, konnten viele Wirtshäuser nicht mehr mit ihren „Tonautomaten“ locken, die für 20 Pfennige eine Single, für 50 Pfennige drei, oder für eine D-Mark sechs Platten nacheinander abspielten. Die Musikboxen wurden an Privatleute abgegeben, wo sie aber nur solange eine Attraktion im Partykeller waren, solange sie fehlerfrei funktionierten.

Nach Belgien zum Verchromen

In über 20 Jahren hat sich Franz Lendl ein enormen Wissen über Musikboxen angeeignet. So fand er zum Beispiel heraus, dass die für die Geräte charakteristischen Verchromungen – in den 50er und 60er Jahren gab es sogar sogenannte „Cadillacflügel“ an einigen Boxen – am besten von Fachfirmen in Belgien erledigt wurden. Trägermaterial sei Spritzguss und der könne nur optimal verchromt werden, wenn er zuvor besonders fein geschliffen wurde, weiß der Sammler.

Umfangreich und zeitaufwendig war bei jeder Box die Reinigung von Nikotinrückständen. „Damals hat ja jeder im Wirtshaus geraucht“, erzählt der 63-Jährige, dementsprechend klebte Nikotin in allen Fugen und der gesamten Mechanik.

Der Wirt war der „Boxenchef“

Die Wirtshauswelt der 50er und 60er Jahre prägten die Musikboxen.
Die Wirtshauswelt der 50er und 60er Jahre prägten die Musikboxen.

Das System des Boxenbetriebs war fast überall gleich: Ein Aufsteller brachte die Musikbox, befüllte sie – je nach Modell – mit 60 bis 100 Single-Schallplatten, die beidseitig unterschiedliche Titel aufwiesen, so dass eine „100er-Musikbox“ insgesamt 200 Titel spielen konnte. Die Gäste warfen Geld ein, wählten ihre Lieblingslieder und der Wirt konnte von der Theke aus die Lautstärke einstellen. Der Aufsteller sorgte auch für die Wartung des Gerätes und der damit beauftragte Mechaniker – im Raum Kötzting machte das viele Jahre Fritz Kroher sen. – bestückte die Box auch jeweils mit neuen Schallplatten.

Jede Musikbox hatte einen „Popularitätsteller“ eingebaut, erzählt Franz Lendl. Dieses Spezial-Zählwerk sagte dem Mechaniker, welche Platten am meisten gewählt wurden. „Musikalische Ladenhüter“ konnten so einfach ermittelt und gegen aktuelle Schlager ausgetauscht werden.

Zur Person und zur Sammlung

  • Franz Lendl

    ist Jahrgang 1953, von Beruf Schreinermeister und führt einen eigenen Betrieb in der Waldschmidtstraße in Bad Kötzting, der seit vielen Jahren vor allem auf Messebau spezialisiert ist.

  • Die Musikboxen

    Musikboxen kennt er schon aus der Jugendzeit, als diese Unterhaltungsgeräte in allen größeren Gasthäusern zur Einrichtung gehörten. Als Sammler legt Franz Lendl besonderen Wert auf „Echtheit“. So baut er bei Reparaturen nur Originalteile ein, die er in Sammlercommunities erwirbt oder dort eintauscht.

  • Die Platten

    Bei der Bestückung der Musikboxen legt er großen Wert darauf, dass ausschließlich Schallplatten hineinkommen, die in der Zeit aktuell waren, als die Box in Wirtshäusern lief.Die Musiktitel hat zum großen Teil seine Frau Maria per Hand auf die kleinen Täfelchen eingetragen. Inzwischen gibt es dafür auch passende Computerschriften.

  • Juke-Box

    Der Begriff Juke-Box war früher nur dort gebräuchlich, wo amerikanische Soldaten stationiert waren. In bayerischen Wirtshäusern aber spielte immer die Musikbox. (kad)

„Die Musikboxen hatten vergleichsweise riesige Lautsprecher, mit einem Durchmesser von 15 bis 17 Zoll“, deshalb haben viele der Geräte einen ganz besonderen Klang, so Lendl. Vor allem handle es sich bei den alten Musikboxen um Röhrengeräte, die ohnehin eine bessere Musikqualität bringen als die späteren Transistorgeräte. Alle seine 13 Musikboxen sind entweder auf Rollen, um ein leichtes Verschieben zu ermöglichen, oder für eine Wandmontage ausgelegt. „Im Keller sind schon noch ein paar Boxen, aber die muss ich noch herrichten“, erklärt der Sammler.

Die Sammler: Der Jukebox-Sammler aus Bad Kötzting

„Königin“ spielt Schellackplatten

Rund 150 bis 200 Stunden arbeitet er im Schnitt, bis alle Ersatzteile beschafft und die notwendigen Reparaturen erledigt sind. Hilfreich seien dabei sowohl die vollen Ersatzteillager der amerikanischen Hersteller, als auch der Austausch über die Community. „Wirklich seltene Ersatzteile kann man praktisch nicht kaufen, das funktioniert nur im Tausch“, sagt Franz Lendl. Deswegen kauft er auch Teile, die er selbst gar nicht benötigt, um sie als „Tauschobjekte“ zu nutzen.

Das Lieblingsstück des Sammlers ist eine Wurlitzer 1100 aus dem Jahr 1948, die ausschließlich Schellack-Platten spielen kann. „Die war das letzte Design von Paul Fuller“, sagt Franz Lendl und zeigt uns stolz, dass die Box nicht nur einen Zusatzlautsprecher hat, der über dem Gerät an der Wand montiert ist, sondern auch beleuchtete, farbige Säulen, die in der Nacht rotieren und zur Musik ein faszinierendes Lichtspiel bieten.

In den Geräten aus den 60er Jahren finden sich die Schallplatten aus jener Zeit. Mit über 900 Singles sind die 13 Musikboxen bestückt und wenn Oldies wie „Es geht eine Träne auf Reisen“ von Adamo, oder „Marmor, Stein und Eisen bricht“ von „Reibeisenstimme“ Drafi Deutscher, oder „Die letzte Rose der Prärie“ von Martin Lauer erklingen, sind Franz und Maria Lendl ganz in ihrem Element.

Mehr Fotos und alle Teile der Sammlerserie finden Sie unter hier!

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