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Von ihm könnte Karl May lernen

Der Kötztinger Peter Niebergall hat die Lebens- und Arbeitsweise der Prärieindianer studiert und ihr Handwerk perfektioniert.
Von Alois Dachs

Peter Niebergall mit einer typischen indianischen Streitaxt, Tomahawk genannt, die es in vielen Formen gibt.
Peter Niebergall mit einer typischen indianischen Streitaxt, Tomahawk genannt, die es in vielen Formen gibt. Foto: Simon Tschannerl

Bad Kötzting.Der Mythos Prärieindianer hat Peter Niebergall sein Leben lang begleitet. Schon in seiner Kindheit in der damaligen DDR verschlang der heute 65-jährige, studierte Agraringenieur aus Thüringen, nicht nur die Schilderungen seines berühmten Landsmanns Karl May über das Leben der Sioux, Crow, Blackfeet, Cheyenne und Arapahoe-Indianer mit Leidenschaft und ließ sich von Verwandten informieren, die in die Vereinigten Staaten ausgewandert waren. Seine Sammelleidenschaft für „alles Indianische“ aber trieb erst in den vergangenen 25 Jahren wahrlich „bunte Blüten“, die ihn zum Experten für die Naturvölker der nördlichen Plains in den USA werden ließen.

Peter Niebergall aus Bad Kötzting lebt für die Ind

Begonnen hatte die Sammelleidenschaft mit der Herstellung von Bausätzen für Repliken von Vorderladerwaffen. Als der Indianerfan vor über 30 Jahren zusammen mit seiner Frau, der Augenärztin Dr. Heidi Niebergall, nach Kötzting kam, begann er sich für Details des indianischen Handwerks zu interessieren, denn die Prärieindianer der Great Plains waren nicht nur gefürchtete Krieger, sondern erzeugten auch fast alles selbst, was sie an Waffen oder Gegenständen des täglichen Gebrauchs benötigten. Wie viele Naturvölker waren die Indianer bestrebt, alles zu verwerten, was bei der Jagd auf Büffel und Wild erbeutet wurde.

Die Muster der Stämme

Der Indianer-Experte Peter Niebergall

Aus jahrhundertelanger Erfahrung hatten die Prärieindianer Fertigkeiten entwickelt, die ihre Erzeugnisse unverwechselbar machten. Bei Reisen in den einst „Wilden Westen“ lernte Peter Niebergall in verschiedenen Museen nicht nur unterschiedliche Techniken zur Bearbeitung von Leder, Horn, Stein und Metall, er konnte bald auch an den Perlenstickereien oder Ziernägeln erkennen, von welchem Stamm das Erzeugnis stammte.

Die Herstellung von Messerscheiden und deren Besticken mit bunten Glasperlen, genau nach überlieferten Mustern bestimmter Indianerstämme, wurde für ihn zu einem entspannenden Hobby nach dem Praxisalltag. Wo eine Messerscheide ist, wird natürlich auch ein Messer gebraucht, und so ließ Peter Niebergall nach seinen Vorgaben von örtlichen Schmieden Messerklingen aus alten Feilen, LKW-Blattfedern und ähnlichem Grundmaterial fertigen.

„Ein Fachmann erkennt am Design, am Muster und der Farbzusammenstellung einer Perlenstickerei sofort, welchem Stamm die jeweilige Perlenarbeit zuzuordnen ist.“

Peter Niebergall

Die mit winzigen bunten Glasperlen bestickten Messerscheiden sind so geformt, dass die Messer auch bei einem Ritt nicht herausfallen können.
Die mit winzigen bunten Glasperlen bestickten Messerscheiden sind so geformt, dass die Messer auch bei einem Ritt nicht herausfallen können. Foto: Simon Tschannerl

Eine große Hilfe waren ihm ortsansässige Handwerker, vom Huf- bis zum Goldschmied, vom Dreher, Drechsler und Steinmetz bis zum Sattler, die oft mit Rat und Tat weiterhalfen. Vieles aber musste sich Peter Niebergall selbst erarbeiten, beispielsweise, wie durch die lange „Pfeifenstange“ ein genau zentriertes Loch zu bohren, oder sie durch Schnitzereien zu verzieren ist.

Weil die Indianer fast alle Materialien für ihre Erzeugnisse selbst besorgten, nahmen sie oft weite Ritte auf sich. So kommt zum Beispiel der Catlinit-Stein, aus dem Peter Niebergall ein Kalumet mit einem Bison formte, nur in einem Steinbruch bei Pipestone, in den Bergen von Minnesota, vor. Manche Stämme mussten Hunderte von Kilometern reiten, um diesen Stein zu ergattern.

Ein günstiger Umstand

Ohne Frage: Über Arbeiten wie diese wird in Bad Kötzting eine fremde Kultur lebendig.
Ohne Frage: Über Arbeiten wie diese wird in Bad Kötzting eine fremde Kultur lebendig. Foto: Simon Tschannerl

Die Sammelleidenschaft von Peter Niebergall wird seit Jahren durch einen besonderen Umstand begünstigt: Die „Hudson’s Bay Indian Trading Post“ von Robert Wagner in Zell ist für den Bad Kötztinger eine wahre Fundgrube in der Nähe. Dort bekommt der Sammler allerlei Zubehör, das für neue Repliken gebraucht wird.

So kann er nach historischen Vorlagen Schilde fertigen, Teile von Lanzen, Peitschen, Streitäxten (Tomahawks), Pulverhörnern ermöglichen individuelle Kreationen, wobei der „Indianersammler“ großen Wert auf Authentizität legt. „Ein Fachmann erkennt am Design, am Muster und der Farbzusammenstellung einer Perlenstickerei sofort, welchem Stamm die jeweilige Perlenarbeit zuzuordnen ist“, sagt Peter Niebergall.

Das Interesse für Schlangen

Detailverliebte Arbeiten
Detailverliebte Arbeiten Foto: Simon Tschannerl

Seine Amerikareisen brachten ihn auch mit Tieren in Kontakt, mit denen er sich ebenfalls seit vielen Jahren beschäftigt. Niebergall gilt als Experte für heimische Schlangen, hat unter anderem die Kreuzottervorkommen im Landkreis dokumentiert und in seinem Haus ungiftige Nattern gezüchtet. In den USA traf er auch auf die berüchtigten Klapperschlangen.

Durch Museumsbesuche in Amerika und den Nachbau vieler Gebrauchsgegenstände hat Peter Niebergall ein enormes Wissen über die Prärieindianer erworben. „Damals wurde ja nichts aufgeschrieben“, sagt der Fachmann und die Überlieferung alter Handwerkstraditionen ging deshalb zum Teil schon vor der Umsiedlung in Reservate verloren. Bedauerlich sei, dass sich die Indianer von heute oft mit dem Handel von billigem Tand zufriedengeben, statt sich auf das handwerkliche Können ihrer Vorfahren zu besinnen, und Dinge anzufertigen, die nur aus den Fellen, Federn, Knochen, Zähnen, dem Leder aus Büffelhaut, den Krallen von Bären und Pumas, oder den „Abwehrwaffen“ der Stachelschweine bestehen.

Waffen waren Männersache

Eine besondere Form von Kriegskunst
Eine besondere Form von Kriegskunst Foto: Simon Tschannerl

Aus den Überlieferungen ist bekannt, dass vor allem die Frauen der Prärieindianer das überlieferte Handwerk beherrschten und unzählige Arten von Verzierungen kannten, während die Männer meistens mehr auf die Herstellung von Waffen fixiert waren.

Allein die Vielfalt an kunstvoll hergestellten Streitäxten, die zur Sammlung von Peter Niebergall gehören, zeigt die große Fantasie der Hersteller. Klassische Beilklingen gehören ebenso zu den „Accessoires“, wie hintereinander angeordnete Messerklingen, Steinhämmer, Kugelkopfkeulen mit und ohne Messerklingen, oder Gewehrkolbenkeulen.

Weitere Beiträge aus unserer Sammler-Serie lesen Sie hier

Zur Person: Peter Niebergall

  • Lebenslauf:

    Geboren und aufgewachsen in der ehemaligen DDR, studierte Peter Niebergall Meliorationswesen bis zum Diplom-Ingenieur und arbeitete viele Jahre in seinem Beruf im Spreewald. Mit seiner Frau Heidi war er nach der Übersiedlung in die Bundesrepublik rund 30 Jahre in deren Kötztinger Augenarztpraxis tätig.

  • Hobby:

    Zur Entspannung nach der Praxisarbeit begann Peter Niebergall vor über 25 Jahren, zunächst Messerscheiden zu bauen und sie mit bunten Glasperlen zu besticken, wobei er sich stets an den Oiginalartefakten bestimmter nordamerikanischer Indianerstämme orientierte.

  • Reisen:

    Bei mehreren Reisen in die USA besuchte er vor allem die Reservate von Prärieindianern der Great Plains, gewann in Nord- und Süddakota, Wyoming, Nebraska, Montana und Minnesota Eindrücke vom früheren Leben der Indianer.

  • Wissen:

    Eine gut sortierte Bibliothek ist eine wichtige Grundlage für seine Sammlertätigkeit, die ihm auch viel handwerkliches Können abverlangt.

  • Fundgrube:

    Die Hudson’s Bay Indian Trading Post in Zell (Landkreis Cham) ist für Peter Niebergall eine Fundgrube bei der Beschaffung der Grundmaterialien.

  • Repliken:

    Weil Originale von Tomahawks, Lanzen, Schilden , Kalumets und Messern selten und teuer sind, fertigt Niebergall originalgetreue Repliken. (kad)

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