MyMz
Anzeige

Menschen

Zurück von drei Jahren auf der Walz

Zimmerer Josef Irlbeck aus Bad Kötzting hat auf der Walz ein halbes Dutzend Länder gesehen – und viele Erfahrungen gesammelt.
Von Roman Hiendlmaier

Nicht mehr zu toppen: In Zimmer-Kluft auf Wanderschaft in den südamerikanischen Anden. Mehr Walz geht nicht...
Nicht mehr zu toppen: In Zimmer-Kluft auf Wanderschaft in den südamerikanischen Anden. Mehr Walz geht nicht... Foto: Irlbeck

Bad Kötzting.„Eigentlich geht es nur um die Menschen,“ sagt Josef Irlbeck. Es ist ein ungewöhnlicher Satz für einen jungen Mann, der vor wenigen Tagen wieder zurück in seine Heimatstadt Bad Kötzting gekommen ist – von einer „Wanderschaft als zünftiger Geselle“, wie die Walz der Bauhandwerker offiziell heißt.

Mehr als drei Jahre war der Zimmerer-Geselle unterwegs, meist zu Fuß oder per Anhalter. Er hat ein halbes Dutzend Länder und dutzende Städte auf zwei Kontinenten gesehen, Hunderte neuer Leute kennengelernt und tausende Erfahrungen gemacht. Und nun sitzt vor ihm im Café Goggolori, das bei seinem Abgang auch ein wenig anders aussah, der Typ von der Zeitung mit Block und Kuli und schaut ihn erwartungsvoll an.

Was für eine Rückkehr: Ortsschild-Ritt mit nem Lindner...
Was für eine Rückkehr: Ortsschild-Ritt mit nem Lindner... Foto: Inge Wittenzellner

Was soll er ihm sagen? Kann sich der vorstellen, wie es ist, bei 37 Grad im Schatten in voller Zimmerer-Montur mit Helm, Weste und langer Hose in Trinidad und Tobago eine Radrennbahn aufzubauen? Wohl eher nicht. Oder kann der nachvollziehen, wie man sich fühlt, wenn einem der Zunftkollege in den Armen liegt, blutüberströmt, weil sie einen Streit schlichten wollten, aber einer ein Messer zog? Auch unwahrscheinlich.

Für den Beruf und das Leben lernen

Aber trotzdem, Josef Irlbeck fängt an zu erzählen, wie es war vor rund vier, fünf Jahren. Damals reifte in ihm nach der Gesellenprüfung der Wunsch, mal etwas anders zu sehen. Er machte sich schlau über Schächte, wie die Vereinigungen heißen, von Bauhandwerkern, die auf Wanderschaft waren. Deren Ziele: neue Arbeitspraktiken, fremde Orte, Regionen und Länder kennenlernen und Lebenserfahrung sammeln – das war auch Josef Irlbecks Ding.

Zwar schluckte er, als er die Regeln hörte: „Auf die Wanderschaft darf nur gehen, wer die Gesellenprüfung bestanden hat, ledig, kinderlos, schuldenfrei und unter 30 Jahre alt ist.“ Und, wie gesagt, nur zu Fuß oder per Anhalter, Übernachtung in einfacher Umgebung, und als Außenauftritt nahezu immer in Kluft. Vor Letzterem graute es ihm besonders: „Die Kluft ist zwar maßgeschneidert und aus besonders hochwertigem Stoff – wie das aber über Jahre hinweg funktionieren soll, wusste ich damals nicht.“ Wie so vieles, was sich erst unterwegs ergab, fügt der heute 25-Jährige hinzu.

„Die Kluft ist zwar maßgeschneidert – wie das aber über Jahre hinweg funktionieren soll, wusste ich damals nicht.“

Josef Irlbeck

Es war schon was los, als er zu Hause abgeholt wurde, um mit Zunftkollegen loszuziehen, raus aus dem „Bannkreis“ mit 50 Kilometern Radius um Bad Kötzting. Was sich wie eine Mischung aus Männerausflug und Praktikums-Roulette anhört, wurde schon nach wenigen Wochen zur großen Erfahrung: „Du musst dich auf andere Menschen einstellen und auf dir nahestehende verlassen können.“ Er arrangierte sich. Mit Zunftkollegen, mit Arbeitgebern, die sich nahezu ausnahmslos als kooperativ herausstellten. „An Arbeit mangelte es nicht,“ sagt Irlbeck und damit auch nicht an Geld zum Weiterwandern.

Thumbs up: Trinidad und Tobago haben nun ein Velodrom – und wer hat‘s (mit)gebaut?
Thumbs up: Trinidad und Tobago haben nun ein Velodrom – und wer hat‘s (mit)gebaut? Foto: Irlbeck

Mal allein, mal zu zweit oder zu dritt arbeitete er sich durch die Republik und lernte fürs Leben: fürs Arbeitsleben einen Kniff, einen Trick, wie man mit einfachen Mitteln mehr bewerkstelligen kann. Fürs Leben beispielsweise die Erkenntnis, warum manche Länder unseren Standard und Wohlstand wohl nie erreichen werden: „Wenn dort schon Baustellen immer wieder stundenlang stillstehen, weil kein Material da ist – warum sollte das in anderen Bereichen anders sein?“ Kurz: In 40 Monaten on tour hat er auch gelernt, wo er nicht leben und arbeiten möchte.

Wann es Zeit für die Rückkehr ist

„Nach so gut einem Jahr hast du‘s langsam drauf,“ erzählt Josef Irlbeck. Man bekomme die Zunft-Auflagen auf die Reihe, wisse, wie man am besten vorwärtskommt, oder wo gute Arbeitgeber sind, auf die man im Notfall zurückgreifen kann. Heimweh ist natürlich ein Thema, doch wer mittels einer Mönchengladbacher Spezialfirma Projekte in Südamerika realisiert, wer in Kluft das Inka-Dorf Machu Picchu erklimmt, der ist buchstäblich so am Höhenflug, dass es auf ein paar Wochen auch nicht ankommt.

Was aber nicht bedeutet, dass die Walz für ihn ewig hätte so weitergehen können. Knackpunkt war – unter anderem – die Kluft: „Die hab ich natürlich nicht Tag und Nacht angehabt. Schließlich heißt es am Strand, am Schiff und beim Sport ist normale Kleidung erlaubt. Aber irgendwann kannst du’s nicht mehr sehen.“

„Nach so gut einem Jahr hast du‘s langsam drauf.“

Josef Irlbeck

Lesen Sie hier: Ein 19-jähriger Zimmergeselle aus Atzlern startete ins Abenteuer und geht für drei Jahre auf die Walz.

Der Kontakt zur Familie und guten Freunden sei ohnehin nie abgerissen und der eine oder andere persönliche Kontakt war auch mal drin – natürlich außerhalb der Bannmeile. Entsprechend groß war das Hallo, als er im Juli mit großem Bahnhof zu Hause in Bad Kötzting empfangen wurde. Als sich die Freude und der Kater wieder ein wenig gelegt hatten, begann sein nächster, wichtiger Teil der Prüfung – die Frage: Was hat die Walz aus mir gemacht und wie setze ich diese Erfahrung zu Hause um?

Dieser Prozess sei nicht abgeschlossen, sagt er. Ruhiger sei er geworden, sagen andere, offener... Kann sein, sagt er, es entspannt, wenn man sieht, wie schön die Landschaft hier ist, wie sauber und geregelt der Tagesablauf. Auch sind Freunde aus der Kinder- und Jugendzeit unersetzlich, selbst wenn man man neue rund um den halben Globus dazugewonnen hat. Und natürlich bleibt man auch „der Bua“ und der kleine Bruder, auch wenn man zig Baustellen und zigtausend Kilometer am Buckel hat.

Und wohin geht’s nun?

Wohin der weitere Weg des ehemaligen Wandergängers Josef Irlbeck in Zukunft führt, ist noch nicht ganz klar. Erstmal im Familienbetrieb mitarbeiten, klar. Dann vielleicht die Meisterprüfung machen und sein eigener Herr werden? Möglich. Oder in das Land übersiedeln, in dem es ihm in den drei Jahren am besten gefiel, in die Schweiz? „Dort sind Natur, Lebensgefühl und Komfort in einem sehr, sehr angenehmen Verhältnis.“

Doch an äußeren Umständen entscheiden wird sich das seiner Ansicht nach nicht, sondern an der wichtigsten Erfahrung aus mehr als drei Jahren auf Achse: „Eigentlich geht es nur um die Menschen.“

Hier lesen Sie weitere Meldungen aus dem Landkreis Cham.

Aktuelle Nachrichten von mittelbayerische.de auch über WhatsApp. Hier anmelden: https://www.mittelbayerische.de/whatsapp

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht