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Jubiläum

Zwei Jahrzehnte tolle Geschichts-Arbeit

Seit Oktober 1996 beschäftigt sich der Kötztinger Arbeitskreis für Heimatforschung mit allem, was die Bürger einst bewegte.
Von Stefan Weber

Der Text über die Sagmühle (unten rechts in einer Darstellung von 1653) in Kötzting war der erste beim Lesestammtisch im Oktober 1996. Er wird auch beim Jubiläum am kommenden Mittwoch noch einmal für die Teilnehmer auf den Tisch kommen.
Der Text über die Sagmühle (unten rechts in einer Darstellung von 1653) in Kötzting war der erste beim Lesestammtisch im Oktober 1996. Er wird auch beim Jubiläum am kommenden Mittwoch noch einmal für die Teilnehmer auf den Tisch kommen. Foto: koetzting.blogspot.de/Quelle: Staatsarchiv Landshut

Bad Kötzting.Gut 7000 Menschen leben heute in der Stadt Bad Kötzting im Landkreis Cham in der Oberpfalz. Manche von ihnen haben ihren Wohnort seit ihrer Geburt nicht verlassen, sind aber im Markt Kötzting in Niederbayern geboren. Die Stadt hat eine wechselvolle Geschichte, und das nicht erst seit der Gebietsreform in den 1970er-Jahren. Ein für die heimischen Geschichtsforscher äußerst denkwürdiges Datum ist der 16. Oktober 1996. An diesem Tag kam es in der Stadt zur Gründung des heute noch aktiven Kötztinger Arbeitskreises für Heimatforschung.

Die Geschichte zur Geschichte

Aber auch dazu gibt es natürlich eine Vorgeschichte. Denn historisch interessierte Bürger, die gab es natürlich auch schon vor diesem Datum in der Stadt. Wer aber nach der Initialzündung sucht, der landet ein Jahr zuvor bei einer Ausstellung über Altbayerische Volkskunst, die von Brigitte Ertl auch mit Fotos aus den Archiven von Marianne Kretschmer und Christa Rabl-Dachs bestritten worden war. Eine weitere Ausstellung „Wirtshäuser in Kötzting“ folgte, das Interesse der Besucher war riesig.

Der damalige Bürgermeister Wolfgang Ludwig, sein Stellvertreter Frieder Costa, Stadtrat Dr. Dieter Casaretto sowie Karl Amberger, Ludwig Baumann, Stadtpfarrer Max Heitzer, Clemens Pongratz, Georg Prantl, Christa Rabl-Dachs, Haymo Richter, Poidl Sperl und Marianne Kretschmer gehörten zu den ersten, die bereits im Juli 1996 die Gründung eines Arbeitskreises auf den Weg brachten.

Was in den vergangenen zwei Jahrzehnten folgte, ist eine Erfolgsgeschichte, die auf unzähligen Stunden ehrenamtlicher Arbeit fußt. Viele der Mitglieder des Arbeitskreises hatten schon vor der Gründung einzeln und privat Zeit in die Erforschung der Geschichte ihrer Heimat investiert, nun wurde die Möglichkeit geboten, alles zusammenzuführen und durch neues Material zu ergänzen. Die Spanne reicht von alten Gerichtsakten über Interviews mit Zeitzeugen, Ausstellungen, Mitarbeit an Büchern und jede Menge Fotos. Zum Start gab es nicht nur eine Spende in Höhe von 3000Mark von der Stadt, sondern auch Bürger beteiligten sich finanziell am Ziel des Arbeitskreises – so etwa bei der Finanzierung von gebundenen Kopien der Briefprotokolle des Marktes Kötzting, die im Staatsarchiv in Landshut lagern.

Rund um den Arbeitskreis

  • 2700:

    So viele alte Fotos wurden bislang auf Diafilm reproduziert und sind zwischenzeitlich auch digitalisiert worden.

  • 1300:

    So viele historische Aufnahmen liegen dem Arbeitskreis Heimatforschung im Original vor.

  • 815:

    Die Zahl der Ansichtskarten, die in den Archiven für jedermann einsehbar sind.

  • 1400:

    So viele Sterbebilder wurden bislang gesammelt und Teile davon bereits in einer eigenen Ausstellung zu dem Thema gezeigt.

  • 680:

    Die Anzahl der Rechnungen, die dem Arbeitskreis vorliegen – vor allem in früheren Jahrhunderten eine unschätzbare Quelle für das Wissen um das Leben von einst.

  • 3815:

    Die Zahl der Datensätze zur Häusergeschichte Kötztings.

  • 1000:

    Maximal so viele Besucher kamen zu den zahlreichen Ausstellungen, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten an verschiedenen Orten und zu zahlreichen Themen organisiert wurden.

  • 20:

    So viele Jahre gibt es den AK Heimatforschung. (wf)

Die Stadt stellt heute Räume im Rathaus für den Arbeitskreis zur Verfügung, wo neues Material gesichert und gesichtet werden kann. Zwei Nachlässe aus privater Hand – die von Renate Serwuschok und von Karl B. Krämer – machen einen großen Teil der Dokumenten-Sammlung des Arbeitskreises aus, der bis zum heutigen Tag gesichert wird. Aber auch Material über die Geschichte der Kapitulation der 11. Panzerdivision zum Ende des Zweiten Weltkrieges etwa lagert im Archiv des Arbeitskreises.

Dabei steht nie zu befürchten, dass die Schränke jemals „voll“ werden könnten, ganz im Gegenteil. Die Mitglieder freuen sich auch heute noch über alles, was von geschichtlichem Wert an sie herangetragen wird. Fotos, Dokumente, aber auch einfach das Wissen, mündliche Überlieferungen – alles kann für einen Heimatforscher interessant sein. Die moderne Technik macht es dabei möglich, dass sich die Besitzer nicht von ihren Dokumenten oder Fotos trennen müssen. Im digitalen Zeitalter sind Kopien schnell und platzsparend herzustellen. Zudem betreibt Clemens Pongratz seit einigen Jahren einen eigenen Geschichts-Blog, in dem er monatlich aktuelle Forschungs-Ergebnisse, aber eben auch die Geschichte des Arbeitskreises vorstellt, wie sie an dieser Stelle geschildert ist.

Kein Wissen nur für die Archive

Was früher dem fleißigen und privaten Sammler vorbehalten war, hat durch den Arbeitskreis eine öffentliche Dimension erreicht. Denn der hat es sich seit 1996 nicht nur zur Aufgabe gemacht, Geschichte zu erforschen, sondern auch, sie öffentlich zugänglich zu machen. Das geschieht nicht nur, indem man eine Anfrage an die Stadt stellt, sondern auch durch zahlreiche Ausstellungen und die Mitarbeit der Mitglieder an mehreren Publikationen in gedruckter Form. Von „Bürger, Häuser und Geschichten“ über „Familien, Feiern, Feste“ oder auch – das große Fest der Kötztinger darf natürlich nicht fehlen – „Pfingstreiter einst und jetzt“ oder 2012 die größte Ausstellung von Pfingstkranzln aus drei Jahrhunderten in der Jahnhalle. Der Arbeitskreis „sitzt“ nicht auf seinem Material, sondern es sollen alle von der Arbeit profitieren. Die Geschichte der Stadt hat durch den Arbeitskreis enorm an Lebendigkeit gewonnen, was den Wert der Arbeit umso höher ansetzen lässt. Sie ist ja auch nicht beendet, sondern wird immer weiter fortgeschrieben – nur eben zurück in die Vergangenheit.

Zu den festen Institutionen gehört seit dem Beginn des Arbeitskreises Heimatforschung ein monatlicher Lesestammtisch, bei dem die Teilnehmer Texte vom 16. bis zum 19.Jahrhundert im Original bearbeiten. Das Jubiläum dieser Tage bietet natürlich den perfekten Anlass, noch einmal den Text „der ersten Stunde“ zu bearbeiten. Wenn sich am kommenden Mittwoch um 18.30 Uhr nicht nur Mitglieder, sondern gerne auch interessierte Bürger im Hotel zur Post zum Lesestammtisch treffen, dann geht es um die Sagmühle – eine „Baugeschichte“ aus dem 17. Jahrhundert.

Die Geschichte hat immer einen Platz in der Gegenwart, dazu muss man die Vergangenheit nur kennen. Der Arbeitskreis Heimatforschung verschafft ihr diesen Platz seit 20 Jahren – im Vergleich zu 931 Jahren Ortsgeschichte wenig, als Wert für die Gegenwart allerdings unschätzbar.

Den Geschichts-Blog von Clemens Pongratz finden Sie hier.

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