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Autorenlesung: Narben, die nie verheilen

Es wäre töricht, den Frieden als selbstverständlich zu betrachten.

Der gebürtige Lamer Klaus Willmann las aus seinem neuen Werk „die Schreie der Ertrinkenden“. Foto: kli
Der gebürtige Lamer Klaus Willmann las aus seinem neuen Werk „die Schreie der Ertrinkenden“. Foto: kli

Lam.„Dieser fragile Zustand kann mit unbedachten Handlungen oder unklugen Worten allzu leicht gefährdet werden.“ Davor warnte der Buchautor Klaus Willmann am vergangenen Freitag im Hotel „Zur Post“ zum Auftakt seiner Lesung aus seinem neuesten Werk „Schreie der Ertrinkenden – Von der Ostfront bis zum Untergang der Gustloff“. Wie schon in den beiden letzten Büchern von Klaus Willmann handelt es sich auch diesmal um einen Zeitzeugenbericht aus dem Zweiten Weltkrieg.

Klaus Willmann lebt in Grafling. „Das Buch ist in einer Rekordzeit von einem Jahr entstanden, weil Hans Fackler sehr redselig war“, erinnert sich der Autor an den Zeitzeugen. Dessen Körper war von Narben gezeichnet, die die Splitter einer Granate unter dem Auge, um die Nasenspitze und auf dem Unterarm hinterlassen hatten. Noch schlimmer wiegen aber die seelischen Verwundungen, die sich selbst nach sieben Jahrzehnten nicht abschütteln lassen, sondern im Alter präsenter denn je sind.

Hans Fackler war als verwundeter Soldat an Bord, als am 30. Januar 1945 die „Wilhelm Gustloff“ von einem russischen U-Boot vor der heute polnischen Ostseeküste versenkt wurde. Mutmaßlich kamen damals 9000 Menschen ums Leben, obwohl das Schiff als Kreuzfahrer nur für 1000 Passagiere konzipiert war. Dass sich, wie heute vermutet wird, tatsächlich über 10 000 Menschen an Bord drängten, die meisten von ihnen Zivilisten auf der Flucht vor der russischen Armee, wusste er nicht.

Die Erinnerungen holen ihn immer häufiger ein, bestimmen fast schon seinen Lebensabend. Seine Freunde rieten ihm, zur Aufarbeitung ein Buch zu schreiben. „Als wenn dies so einfach wäre“, sah sich Fackler überfordert. Doch immerhin hat er sich zu drei Seiten durchgerungen, auf denen er beschrieb, wie ihn ein Sanitäter vom Schlachtfeld rettete, ihn mit einem Pferdeschlitten in einer Kirche in Sicherheit brachte. Dann wurde er in eine kleine Holzbaracke an der Küste gebracht. Fünf verletzte Soldaten lagen am Abend in der Hütte, am nächsten Morgen wachten nur drei von ihnen wieder auf. Er ist einer von ihnen, wurde heimlich über einen Flaschenzug auf das Schiff gehievt.

Auf den drei Seiten schilderte er, dass er viel Glück hatte – im Gegensatz zu tausenden anderen, die starben. „Der Krieg, das haben wir am eigenen Leib erfahren, ist die schlimmste Geißel der Menschheit, der nicht nur Soldaten, sondern unschuldige Frauen und Männer und Kinder trifft“, resümiert der Autor. Deshalb müsse man dafür eintreten, dass die verantwortlichen Politiker und Machthaber der jüngeren Generation den bisher geschenkten Frieden für die Enkel und die nachfolgende Zeit bewahren. (kli)

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