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Natur

Der Borkenkäfer lernt Klettern

In der warmen Karwoche breitete sich der Schädling bis in Höhenlagen von 1100 Meter aus. Fachleute sind alarmiert.
Von Maria Frisch

In den Höhenlagen des Bayerischen Waldes war bisher meist die Witterung für solche kahle Stellen verantwortlich. Fachleute befürchten künftig den Borkenkäfer als Ursache. Foto: Armin WEigel / dpa
In den Höhenlagen des Bayerischen Waldes war bisher meist die Witterung für solche kahle Stellen verantwortlich. Fachleute befürchten künftig den Borkenkäfer als Ursache. Foto: Armin WEigel / dpa

Lam.Der Hinweis eines Waldbauern, dass er auf 1100 Meter Höhenlage vom Borkenkäfer befallenes Schneebruchholz entdeckt habe, ließ den Bereichsleiter Forsten, Dr. Arthur Bauer, und Förster Martin Hupf erst erstaunen, dann zum Zwercheck aufsteigen.

Und siehe da – die Sichtung des Waldbesitzers hat sich bestätigt. „Da liegen noch Gipfel über Gipfel abgebrochenes und fängisches Holz“. Wir haben auf 1100 Metern Bohrmehlhaufen und frisch eingebohrte Käfer gefunden“, sagte Dr. Bauer nach dem Ortstermin.

Der Befall müsse in der warmen Karwoche passiert sein. Der Schädling habe sich eingebohrt und werde weiterarbeiten. „Das ist gerade für die Schutzwälder der Hochlagen, die zum Teil ganz schlecht erschlossen sind, eine dramatische Situation“, machte der Bereichsleiter Forsten bei einem Gespräch in der Forstdienststelle Lam klar. „Ich habe sehr viele Motorsägen gehört“, wollte Dr. Bauer damit nicht sagen, dass Untätigkeit vorherrsche.

Es trat ein, was nicht sein kann

Im Lamer Winkel haben die Forst-Experten nach Hinweisen eines Waldbauern auf 1100 Metern Bohrmehlhaufen und frisch eingebohrte Borkenkäfer gefunden. Förster Martin Hupf, WBV-Vorsitzender Wolfgang Koller und Dr. Arthur Bauer, Bereichsleiter Forsten, sind alarmiert. Foto: kli
Im Lamer Winkel haben die Forst-Experten nach Hinweisen eines Waldbauern auf 1100 Metern Bohrmehlhaufen und frisch eingebohrte Borkenkäfer gefunden. Förster Martin Hupf, WBV-Vorsitzender Wolfgang Koller und Dr. Arthur Bauer, Bereichsleiter Forsten, sind alarmiert. Foto: kli

Trotzdem können die Waldbesitzer nicht mit dem Schädling Schritt halten. Es arbeiten längst alle verfügbaren Kräfte zusammen, um mit einem blauen Auge davonzukommen. „Es kann fast nicht sein, dass um diese Jahreszeit in dieser Höhenlage der Käfer auftritt“, war auch Wolfgang Koller mehr als besorgt. Selbst die Forstexperten des Nationalparks waren sich stets einig, dass es da oben keine Käfer gibt. „Diese Theorien sind alle längst überholt“, lautet die erschreckende Erkenntnis.

„Es geht um viel mehr als nur um die eigene Fläche“, so Koller. Die kalte Witterung konnte den Schwärmflug etwas unterbinden. Sobald es warm wird, geht es wieder richtig los. Die Preise auf dem Holzmarkt seien inakzeptabel, egal bei welchem Sortiment. „Wir versuchen, die Leute trotzdem zu motivieren, dass sie ihre Schäden aufarbeiten“, sagt Wolfgang Koller. Da das Holz relativ lange liegenbleibe, sei das nächste Problem vorprogrammiert. Dabei war man mit dem Holz auf einem guten Weg gewesen, wie die Baugenehmigungszahlen im privaten Wohnhausbau beweisen. Allerdings haben mittlerweile die krassen Schäden die positive Tendenz zunichtegemacht.

Unter der rundlich ausgeformten Rammelkammer legen zwei begattete Weibchen entlang der in Faserrichtung laufenden Muttergänge ihre Eier in Eiernischen ab. Zu diesem Zeitpunkt braucht das Ei zum fertig entwickelten Jungkäfer rund sechs bis zehn Wochen. Foto: kli
Unter der rundlich ausgeformten Rammelkammer legen zwei begattete Weibchen entlang der in Faserrichtung laufenden Muttergänge ihre Eier in Eiernischen ab. Zu diesem Zeitpunkt braucht das Ei zum fertig entwickelten Jungkäfer rund sechs bis zehn Wochen. Foto: kli

„Der Schnee war nicht einmal ganz weg und der Borkenkäfer war schon da“, berichtet Wolfgang Koller. Viel Schnee sei gar nicht eingesickert, sondern in die Atmosphäre verdunstet, weil es nicht auf die weiße Unterlage geregnet hat. Wo noch dermaßen viel Brutraumangebot liegt, können die Gipfel und Stumpen unmöglich bis Mitte Juni – bis dahin wird der nächste Schwärmflug erwartet – verschwunden sein. „Viele Waldbesitzer haben nur am Wochenende Zeit. Die Fläche, die gebrochen ist, ist nicht mehr überschaubar“, schätzt auch Martin Hupf die Lage als dramatisch ein. Er und WBV-Geschäftsführer Josef Schmid unterstützen die Waldbauern, wo es nur geht.

Deshalb wird derzeit der Harvester-Einsatz in Betracht gezogen, sofern die steilen Lagen dies zulassen. „Wir müssen den Brutraum beseitigen“, betont Dr. Bauer. Seine Überlegung sei, die ganzen Gipfel mit der Seilwinde an einen Weg zu ziehen, der mit einem Rückewagen erreichbar sei. „Dort könnten wir das schwache Material durch einen Häcksler jagen und wieder in den Wald hinein verblasen, wo es einer Nährstoffschicht gleichkommt“, schlug der Forstdirektor vor. Das Stammholz kann der Harvester aufarbeiten. „Unser Hauptaugenmerk muss dem Waldschutz liegen. Dass man dabei draufzahlt, ist nicht zu vermeiden“, weiß Wolfgang Koller.

Das ist die typische Schneebruchsituation in der Region Lamer Winkel in einer Höhenlage von rund 800 Metern, in der das Schadholz bisher noch nicht aufgearbeitet wurde. Gipfelstücke, entwurzelte Bäume und kronenlose Stümpfe der Fichte sind ein immenses Brutmaterial für den Borkenkäfer. Foto: kli
Das ist die typische Schneebruchsituation in der Region Lamer Winkel in einer Höhenlage von rund 800 Metern, in der das Schadholz bisher noch nicht aufgearbeitet wurde. Gipfelstücke, entwurzelte Bäume und kronenlose Stümpfe der Fichte sind ein immenses Brutmaterial für den Borkenkäfer. Foto: kli

Es gebe eine Förderung von fünf Euro pro FM, im Schutzwald etwas mehr, das dabei helfe, den Verlust abzumildern. Sorge bereite die zum Teil fehlende Infrastruktur, denn die großen Maschinen müssen an Ort und Stelle vorfahren können. „Da wären wir wieder beim Thema der grundsätzlichen Erschließung in Zeiten, in denen es besser läuft“, sah Dr. Bauer Nachholbedarf. Die Bereitschaft sei allerdings insgesamt gering. Vielleicht ziehe man Lehren aus der momentan dramatischen Situation. Das AELF würde es anbieten. Von gelagertem (Brenn-) Holz, das noch nicht trocken ist, gehe immer noch Borkenkäfergefahr aus. Man soll es spalten, und aufrichten, damit die Trocknung schneller vonstattengeht.

Eine Folge des Klimawandels

Die Waldbesitzer müssen den Ernst der Lage erkennen. Der Befall in der besagten Höhenlage sei eine Folge des Klimawandels, ist sich Dr. Bauer sicher. Die Verbreitungsgrenzen von früher gelten nicht mehr. Sie haben sich 200 Meter weiter nach oben verlagert. Der Laubaustrieb ist bei der Buche inzwischen vier Wochen früher als vor 30 Jahren. So komme eines zum anderen.

Das Bohrloch, sowie das ausgeworfene Bohrmehl ist gut zu sehen. Diese beiden Anzeichen bestätigen hundertprozentig, dass sich in diesem Stamm der Borkenkäfer erfolgreich eingenistet hat. Bisher sind die Experten davon ausgegangen, dass in Höhenlagen um die 1000 Meter kein Käferbefall möglich ist. Foto: kli
Das Bohrloch, sowie das ausgeworfene Bohrmehl ist gut zu sehen. Diese beiden Anzeichen bestätigen hundertprozentig, dass sich in diesem Stamm der Borkenkäfer erfolgreich eingenistet hat. Bisher sind die Experten davon ausgegangen, dass in Höhenlagen um die 1000 Meter kein Käferbefall möglich ist. Foto: kli

Trotz allem sei der Rohstoff Holz zukunftsfähig, ist sich Wolfgang Koller sicher. Dringend notwendig sei der Waldumbau durch eine Abkehr von Fichtenmonokulturen durch Laubholzeinbringung, damit sich der Käfer nicht so schnell ausbreiten kann. Eine Kalkung sei kein Allheilmittel. Mit der Kombination aus Hitze und Trockenheit, wie im vergangenen Jahr, habe die Fichte als Flachwurzler enorme Schwierigkeiten. „Martin Hupf und WBV-Geschäftsführer Josef Schmid sind sehr viel auf der Fläche draußen“, fügte Koller an. Das sei immens wichtig. Die Waldbesitzer sehen, dass sie Unterstützung erfahren.

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