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Hier ist auch im Sommer Weihnachten

Josef und Martha Sperl aus Lam sammelten in 40 Jahren über 2000 Weihnachtskugeln. Jedes Stück hat seine eigene Geschichte.
Von Maria Frisch

Lam.Was hat das Ehepaar Sperl aus Lam mit Rosi Mittermaier gemeinsam? Beide haben ein Faible für alte Weihnachtskugeln. Als Gold-Rosi dies anlässlich ihrer Medaillenjagd bei den Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck ausplauderte, dachten die Sperl`s an ihren Grundstock antiker Kugeln und wurden vom Fieber gepackt, diesen auszubauen – mittlerweile auf über 2000 Exemplare. „Jedes Stück ist ein Unikat“, zeigt Josef Sperl auf die fein säuberlich in Glasvitrinen ausgestellten „Schätze“.

Eine der ersten Kugeln brachte die Schwiegermutter vorbei, als sie keinen Weihnachtsbaum mehr behängen wollte. Durch Mund-zu-Mund-Werbung bekamen auch einige Freundinnen Wind davon und übergaben etliche „Schubladenhüter“, die in Sammleraugen durchaus höherwertig einzuordnen waren.

Nach der Übergabe unterzog sie die Hausfrau und Mutter jedes Mal einer Generalreinigung. „Die Staub- und Wachsreste ließen sich am besten mit einem vorher gebügelten Tempotaschentuch entfernen. Dabei schont man die Farben“, erzählt Martha Sperl über ihre eigene Methode. Zwei Kugeln am Tag – mehr war neben der Arbeit in Haus und Garten nicht zu schaffen. Die Leidenschaft hatte die beiden längst soweit gepackt, dass sie sich auf den Flohmärkten umsahen.

Vieles stammt aus Thüringen

Christbaumschmuck war früher höchst filigran verziert.
Christbaumschmuck war früher höchst filigran verziert. Foto: Simon Tschannerl

Das Lamer Ehepaar kam selten heim, ohne dem Sammlerherz etwas Gutes getan zu haben. „Nach und nach summierte sich der heutige Bestand“, zeigt Josef Sperl auf die neuerdings in Glasvitrinen abgestellten Kugeln und Formsachen wie Fische, Vögel und vieles mehr.

Die Sperl`s sind auch stolz, dass sie einen Querschnitt deutscher Hersteller hüten. So findet sich in ihren Schaukästen Schmuck aus Thüringen, Gablonz oder aus Sebnitz (Sachsen). Letzterer hat als besondere Auffälligkeit viele Details mit leonischem Draht umwickelt. Alles in Handarbeit – versteht sich – und mit einer Gleichmäßigkeit und Akribie, dass es eine Maschine nicht besser könnte. „Die Figuren aus Milchglas wurden unter der Lampe hergestellt“, weiß Josef Sperl.

Die Weihnachtsschmuck-Sammlung der Sperls aus Lam

Viele Einzelstücke stammen aus Thüringen. „Lauscha war auch schon vor Jahrzehnten so eine Zentrale“, hat sich Josef Sperl belesen. „In Thüringen wird heute noch der meiste Weihnachtsschmuck hergestellt“, erfuhren sie aus der Literatur, die auffälligerweise hauptsächlich von amerikanischen Verlagen herausgegeben wurde. Dort ist nämlich Otto Normalverbraucher auf den deutschen Christbaumschmuck versessen.

„Heutzutage wird auch jede Menge vom russischen Markt bezogen“, hat sich Josef Sperl informiert. Aber mit ausländischen Produkten haben er und seine Frau ohnehin nichts am Hut. Zahlreiche Kugeln sind handbemalt. Uralt ist auch ein Sortiment Watteschmuck. Die äußere Hülle davon ist verpresst. Die Literatur gibt dafür relativ hohe Wertangaben.

Schmuck von 1880 bis 1920

Aber die Sperl`s stöbern nicht nur in der Lektüre. „Nach 40 Sammeljahren kennt man selbst, was alt und neu ist“, sind sich beide ganz sicher über ihr ausgefeiltes Urteilsvermögen. Sie erkennen den oft feinen Unterschied in erster Linie an der etwas anderen Spiegelung. „Uns kann da keiner etwas unterjubeln.“

Die Sammlung

  • Josef und Martha Seidl

    wohnen in der Gaberlsägstraße in Lam. Sie haben das „Hirschen“-Stammhaus renoviert.Beruf und Familie: Josef Sperl war Schlossermeister in einem Betrieb in der Region und befindet sich im Ruhestand. Martha Sperl kümmerte sich um die Kindererziehung und den Haushalt. Sie hat zudem ein kleines grünes Reich – einen Vorzeigegarten-, den sie hegt und pflegt.

  • Hobby:

    Das Ehepaar hat vor 40 Jahren das Sammelfieber gepackt. Die meisten ihrer „Schätze“ haben sie auf den Flohmärkten gefunden, die sie regelmäßig in einem Radius von Regensburg bis Pfaffenhofen aufgesucht haben. Josef Sperl verfügt außerdem noch über eine außergewöhnliche Pfeifensammlung.

  • Weihnachtskugeln

    gibt es in Deutschland ab 1870. „Die ersten waren die originalen Biedermeierkugeln, von denen wir selbst keine besitzen“, bedauert Josef Sperl. „Sie sind aus dickwandigem Glas und daher schwer. Auffällig ist ein ganz eigenartiger Aufhänger. Sie sind relativ teuer und nicht bemalt, sondern einfarbig.

  • Kugeln, die leuchten:

    Es gibt auch Kugeln mit Wachs, das mit Phosphor getränkt ist. Das leuchtet bei Dunkelheit, wenn es zuvor vom Tageslicht angestrahlt wurde.

  • Wackler:

    Nebenan horten die beiden sogenannte Wackler, weil sie aneiner Klammer befestigt und deshalb beständig in Bewegung sind.

  • Pilze und Obst:

    Aus einer weiteren Vitrine „wachsen“ Pilze aus den 1920er Jahren. Ins Auge sticht Buntobst aus Glas, das bemalt und mit leonischem Draht umwickelt wurde. („Das war eine eigene kleine Serie aus Sebnitz!“).

  • Vögel:

    Bei den alten Vögeln besteht selbst der Schwanz noch aus Glasfedern. („Die neuen haben Kunststoff drin!“).

  • Kugeln, die Geschichte schreiben:

    Nicht aus der Geschichte ausblenden lassen sich die sogenannten Jul-Kugeln aus der Zeit des Nationalsozialismus. Darauf sind alte germanische Zeichen abgebildet.

  • Die Präsentation:

    Die Früher horteten die Sperls alles in Schachteln. Damit war Sepp Sperl gar nicht zufrieden. Daher wurde eigens ein Raum im Parterre eingerichtet. „Mir geht es darum, dass man die Ausstellung sieht und nicht nur an Weihnachten einen winzigen Bruchteil an den eigenen Baum hängen kann“, beschreibt der Schlossermeister in Rente seine Intention.

  • Weihnachten bei den Sperls:

    Der eigene Weihnachtsbaum ist übrigens ein echter Liebhaberbaum, den allein Martha Sperl schmückt. Auswahl an Schmuck hat sie genug, auch aus Ketten und gut 30 Stück Christbaumspitzen . (kli)

Eine Tischvitrine ist gefüllt mit Gablonzer Schmuck um 1890. „Diesen Perlenschmuck stellen sie jetzt auch wieder her“, berichtet der versierte Sammler, der ausdrücklich betont, dass bei ihm kein einziges neues Stück dabei ist.

Ein Kripperl aus Papier
Ein Kripperl aus Papier Foto: Simon Tschannerl

Grob gesagt, stammt der Inhalt der Vitrinen aus 1880 bis 1920. „Vorher gab es keinen Weihnachtsschmuck, wie wir ihn heute kennen“, wissen die Sperl`s. Das wertvollste Einzelstück dürfte ein Schneemann sein, dessen Wert sie schon einmal in einem Auktionskatalog entdeckten.

Unser Lieblingsstück? Darauf antwortet Martha Sperl, ohne lange überlegen zu müssen. „Das ist dieser Zwerg, den ich unter den Bodenbrettern auf dem Dachboden gefunden habe.“ Dieser Findling stamme mutmaßlich noch vom Großvater. Josef und seine Frau Martha wohnen seit der Hochzeit 1960 im geerbten und von beiden renovierten „Stammhaus“ der Familie Sperl.

Josef stammt vom „Hirschen“

Früher war es ein Wirtshaus und eine Brauerei. Das Baujahr 1893 strahlt eine Atmosphäre aus, die sicher kein Neubau bieten würde. Geboren ist Josef Sperl einen Steinwurf weiter im später erweiterten Hotel „Zum Hirschen“, das die Familie seines Bruders Johann betreibt.

Besonderheiten besitzen die Sperl`s viele: Kugeln mit innen liegenden Engeln oder Papierbildern vom Herrgott und der Muttergottes, Zeppelins, Hänsel und Gretel, gesandete Weintrauben, Musikinstrumente, Fatschn Kindl, Kaffeekannen, Eulen, Nikoläuse, Herz Jesu¨…

Zapfen aus den Rohstoffen Glas, Silberpapier oder Draht waren scheinbar Vorgänger des heutigen Lamettas. Am Speicher stehen noch ein paar Schachteln aus den 1950er Jahren.

Mehr Fotos und alle Teile der Sammlerserie finden Sie unter hier!

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