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Geschichte

Bahnhof mit Waffeln statt Fahrscheinen

Vor 100 Jahre wurde das Miltacher Bahnhofsgebäude errichtet. Heute beherbergt es ein Café und einen Werkverkaufsraum.
Von Erwin Vogl

Das historische Gebäude noch ohne Anbau Foto: Erwin Vogl
Das historische Gebäude noch ohne Anbau Foto: Erwin Vogl

Miltach.An der Sanierung des Bahnhofsgebäudes Miltach durch die Firmeninhaber Markus und Alexander Beier haben mehr als 35 Unternehmen und Privatpersonen mitgewirkt. Die Firmenleitung der Waffelfabrik bedankte sich für die gute Zusammenarbeit bei diesem großen Projekt, das manche Herausforderungen stellte, mit einer Helferfeier am Freitagabend bei allen Unternehmensvertretern und weiteren Helfern. „Café Waffel“ ist eine gastronomische Attraktion für Miltach und über die Landkreisgrenze hinaus ein Begriff.

Markus Beier begrüßte die Gäste, darunter auch Bürgermeister Johann Aumeier, in den Biergarten des Bahnhofs und schilderte in seiner humorvollen Art die Pionierarbeit am Bahnhofsgebäude, die 2014 begann. Wegen eines fehlenden Nutzungskonzepts wurden Pläne gemacht und wieder verworfen – bis dann der Plan für das „Café Waffel“ reifte.

Waggon verbindet Gebäude

Die Sanierung des Gebäudes war überaus aufwendig, grundsätzlich sollte dessen Struktur nach außen hin beibehalten werden. Zudem wurde ein Nebengebäude geschaffen und sich auf die Suche nach einem historischen Waggon als Verbindung zwischen Bahnhof und Anbau begeben. Das gewünschte Objekt, ein 26 Meter langer Mitropa Speisewaggon, wurde in einer nächtlichen Aktion am 24. November 2016 nach Miltach angeliefert.

Am 9. Januar 2017 war die Eröffnung des Cafés und des neuen Werkverkaufsraumes. Im April erfolgte die Erweiterung des Biergartens. Markus Beier wies auf eine Diashow im Untergeschoß des Bahnhofgebäudes hin, die von der Sanierung berichtet. „Dass das Gebäude nun in neuem Glanz erstrahlt, ist auch Ihr Werk“, sagte er. Markus Baier dankte allen Beteiligten für ihre Mitarbeit.

„Die Zimmermannsarbeiten allein kosten 20 000 Mark, die Maurerarbeiten 24 000 Mark.“

Der Ortspfarrer über die Dachstuhl-Arbeiten 1919

Er nannte einen weiteren Grund zum Feiern, da vor 100 Jahren der Bau des Bahnhofsgebäudes Miltach begann. Nach zwei Vorgängern hat das Gebäude am 31. Dezember 1993 seine Aufgabe als Bahnhof verloren, als an dem Tag die letzte Fahrkarte verkauft wurde. „In der vergangenen Woche wurde der Dachstuhl vom neuen Bahnhofsgebäude gehoben. Die Zimmermannsarbeiten allein kosten 20 000 Mark, die Maurerarbeiten 24 000 Mark“, so schrieb der Ortspfarrer am 14. September 1919 in seinen Beiträgen zur Geschichte Miltachs. Die hohen Kosten für den Dachstuhl verwundern dabei nicht, denn es war eine relativ aufwendige Balkenkonstruktion für das Walmdach. Die Maurer- und Verputzarbeiten führte Baumeister Herre aus Kötzting aus.

Das Cafe Waffel

  • Anfänge:

    Im Mai 2014 erwarb die „Otto Beier Waffelfabrik“ das heruntergekommene Bahnhofsgebäude und gestaltete es um.

  • Verbindung:

    Ein 42 Tonnen schwerer Waggon verbindet den Bahnhof und den Anbau. Markus Beier schilderte den komplizierten Verlauf, bis der 42 Tonnen schwere Waggon mittels zweier Kräne endlich auf dem vorgesehenen Schienenstück stand.

  • Dauer:

    Der komplett neue Innenausbau des Mitropa-Speisewaggons zog sich bis Mai 2017 hin, ab 16. Mai 2017 war er dann innen und außen fertiggestellt.

  • Einweihung:

    Die Segnung der historischen Räume nahm am 8. Januar 2017 der Priester Jürgen Eckl vor. Einen Tag später wurden das Café Waffel und der neue Werkverkaufsraum eröffnet.

Mit dem Hochbau wurden 1919 auch die Gleisanlagen auf drei Zuggleise und ein Hinterstellgleis erweitert. Diese Tiefbauarbeiten wurden auf 126 700 Mark veranschlagt. Dazu gibt es einen Akteneintrag im Archiv des Verkehrsmuseums Nürnberg: „Am 18. Mai 1919 haben die bei der Erweiterung der Station Miltach beschäftigten Arbeiter des Unternehmers Gustav Ellert wegen Lohnerhöhungsforderungen die Arbeit niedergelegt. Sie verlangten von diesem Tage an einen Stundenlohn von 1,25 Mark und begründeten ihre Forderungen damit, dass die Bahnarbeiter einen weit höheren Lohn (stündlich 1,75 bis 2,07 Mark) beziehen. Bei den Verhandlungen am 20. Mai bewilligte der Unternehmer den geforderten Stundenlohn von 1,25 Mark, da billigere Arbeitskräfte nicht zu haben waren, worauf die Beschäftigten die Arbeiten wieder aufnahmen.

Kiosk am Bahnhofsvorplatz

Lange Zeit nahm man an, dass sich das Miltacher Bahnhofsgebäude noch im Originalzustand befunden hat. Eine alte Ansichtskarte beweist jedoch, dass schon wenige Jahre nach der Fertigstellung ein Anbau erfolgte. Es handelt sich um die Verlängerung des verglasten Stellwerksteiles nach Norden. Vermutlich geschah dies kurz vor 1928 zur Eröffnung der Privatbahnlinie Viechtach – Blaibach, denn zu dieser Zeit erfolgten auch in Miltach Gleiserweiterungen, um den vermehrten Zugverkehr abwickeln zu können.

Markus Beier erinnerte an die schwierigen Arbeiten Foto: Erwin Vogl
Markus Beier erinnerte an die schwierigen Arbeiten Foto: Erwin Vogl

Mehr Weichen und Signale erforderten damals auch eine Verlängerung der sogenannten Hebelbank, um darauf alle Weichen- und Signalhebel unterbringen zu können. Bis zur Streckeneinstellung der RAG fuhren bekanntlich täglich einige Züge fahrplanmäßig von Viechtach bis Miltach durch. Irgendwann vor dem Zweiten Weltkrieg erhielt der Bahnhofsvorplatz einen Kiosk aus Holz.

Der Anbau des neuen Teils am Gebäude geschah so perfekt, dass selbst bei genauester Betrachtung der Natursteinmauer keine Veränderung im Übergang zu erkennen ist. Anscheinend waren noch die gleichen Handwerker tätig. Beim Abnehmen der Dachziegel im Jahr 2014 bemerkten die Zimmerer, dass hier einmal ein Dachstuhlteil „angeschiftet“ wurde.

Am 30. Mai 1940 wurden die beiden neuen Stellwerke in Betrieb genommen. Damit entfiel die Stellwerksfunktion im Bahnhofsgebäude aus dem Jahr 1919. In den folgenden Jahrzehnten war darin nur noch der Fahrkartenschalter untergebracht. Das Ende kam am 31. Dezember 1993, als dieser für immer geschlossen wurde. Im Mai 2014 erwarb die „Otto Beier Waffelfabrik“ die heruntergekommene Immobilie und gestaltete sie zum „Cafe Waffel“ um.

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