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Geschichte

Miltach ergab sich in letzter Minute

Dramatische Tage vor 70 Jahren: Eine Sperre aus Bäumen sollte die US-Panzer stoppen. Doch Veteranen verzögerten die Arbeiten.
Von Erwin Vogl

  • Dieser amerikanische Panzer hatte vor der Baderbrücke Position bezogenFoto/Repro: Vogl
  • Diese Flugaufnahme stammt vom Juli 1945 und wurde von der US-Luftaufklärung gefertigt. Bei den hellen, rechteckigen Flächen handelt es sich um die heranreifenden Getreidefelder im Regental. Gut zu erkennen ist ein Oval am Sportplatz, der als Reitbahn diente. Am linken unteren Bildrand ist noch das Behelfsgleis zu sehen, das vom Straubinger Gleis abzweigend über das Feld in Richtung Kapelle führte. Foto/Repro: Vogl
  • Zwei der legendären amerikanischen Jeeps kurz vor Miltach Foto/Repro: Vogl
  • Die Einschüsse am Stellwerk stammen vom Fliegerangriff. Foto/Repro: Vogl
  • Nach dem Fliegerangriff wurden die 15 Soldaten bei Oberndorf begraben. Foto/Repro: Vogl

Miltach.Mit dem Einmarsch der US-Streitkräfte in Miltach am 23. April 1945 endete für die Bevölkerung praktisch auch das „Dritte Reich“. Die Erinnerungen an diesen einschneidenden Tag erlebte jeder anders, und die Berichte über die Ereignisse weichen naturgemäß voneinander ab. Zudem sind diese Zeitzeugen alle 75 Jahre oder sogar noch älter. Im folgenden Bericht soll an diese Zeit vor 70 Jahren erinnert werden, die das Dorf am Regen zu überstehen hatte.

Durch seine strategische Lage an der Ostmarkstraße und der Bahnlinie war Miltach schon Anfang April 1945 einigen Tieffliegerangriffen ausgesetzt. Die Piloten der Jagdflugzeuge waren bei ihren Vorstößen nicht zimperlich und beschossen teilweise alles, was sich im Freien bewegte.

Gepanzerter Flakzug

Die örtlichen Landwirte waren gerade damit beschäftigt, die Kartoffel zu legen, als sie immer wieder durch feindliche Flugzeuge gestört wurden und mit ihren Tieren an Waldrändern oder Gebüsch Schutz suchen mussten.

Am 18. April gegen 3.30 Uhr griffen US-Bomber den Bahnhof Cham an, wobei 63 Tote zu beklagen waren. Während dieses Angriffes flüchteten viele Miltacher aus Angst in die umliegenden Hohlwege. Auf dem örtlichen Bahnhof stand der gepanzerte Flakzug „Hermann Göring“, der in dieser Nacht aber nicht eingreifen konnte und schon am nächsten Tag in Richtung Straubing abfuhr. Auf sieben Hauptgleisen stauten sich Transportzüge mit militärischem Gerät und Munition sowie Flüchtlingswaggons aus Ungarn. Außerdem stand hier ein kompletter Lazarettzug mit über 200 Verwundeten.

Jagdflugzeuge griffen an

Am 20. April, „Führers Geburtstag“, griffen gegen 9 Uhr sechs US-Thunderbolt-Jagdflugzeuge den Bahnhof mit Bordwaffen an, wobei sieben Soldaten aus dem Lazarettzug starben und weitere acht wenige Tage danach ihren Verwundungen im Schulhaus erlagen, das als Notlazarett diente. Da auf dem alten Friedhof um die Kirche kein Platz für neue Gräber war, ließ man die 15 toten deutschen und einen italienischen Soldaten auf einem Feld bei Oberndorf beerdigen. Auch ein Personenzug auf der Strecke zwischen Miltach und Chamerau wurde beschossen, doch hier gab es keine Menschenverluste, da die Reisenden vermutlich in den nahen Wald flüchten konnten.

Am 22. April setzten sich die letzten kleineren Wehrmachts- und SS-Truppenteile aus Miltach in Richtung Bad Kötzting ab. Zuvor hatten Pioniere in der Nähe von Gillisberg mit Munition beladene Eisenbahnwagen gesprengt. Am Montag, 23. April, zogen noch vereinzelt deutsche Soldaten durch den Ort. Gegen 16 Uhr wurde es dann ruhig auf den Straßen und dann konnte man auch schon aus Richtung Cham die anrollenden Kettenfahrzeuge hören.

Volkssturm im Einsatz

Es gab jedoch noch fanatische Anhänger der „Nazis“, die glaubten, den vordringenden Feind aufhalten zu können. Eines dieser untauglichen Mittel war die Errichtung einer Panzersperre beim Bierlriegel an der Bundesstraße Richtung Chamerau. Dazu wurden in aller Eile ältere Männer und junge Burschen verpflichtet. Vorgesehen waren beidseits der Straße zwei senkrecht eingegrabene kurze Baumstämme, die dann mit querliegenden Baumstämmen verbunden werden sollten. Die Männer, teilweise noch Teilnehmer des 1. Weltkrieges, konnten sehr gut beurteilen, dass ihre Arbeit an dem provisorischen Bollwerk völlig wirkungslos gegen die anrollenden Sherman-Panzer war und verzögerten die Ausführung. Zudem hätte von dieser Stelle aus Miltach schon unter Beschuss genommen werden können. Als das Geratter und Dröhnen der Fahrzeuge immer näher kam, ließen sie die Sperre geöffnet zurück und flüchteten in den nahen Wald.

Weiße Fahne auf dem Kirchturm

Am Montag, 23. April, kamen gegen 18 Uhr die ersten Tanks der 11. Panzerdivision, die zur 3. US-Armee gehörte, in Miltach an. Inzwischen hatten einige beherzte Männer auf dem Kirchturm eine weiße Fahne gehisst. Im Dorf gab es keine wehrfähigen Männer mehr, die Frauen und Kinder flüchteten sich in die Außenorte oder suchten Schutz in Kellern. Auch die weißen Bettlaken an verschiedenen Wohnhäusern zeigten die Bereitschaft der Bevölkerung zur kampflosen Übergabe des Dorfes an. Dieses Verhalten war jedoch nicht ungefährlich, denn nach dem sogenannten „Flaggenbefehl“ hatten die Wehrmachtssoldaten oder SS-Angehörige das Recht, alle männlichen Bewohner des Hauses standrechtlich zu erschießen.

Miltach kam glücklicherweise in den ersten Tagen ohne menschliche Opfer oder größere materielle Schäden davon. Zunächst wurde der Bevölkerung ein Ausgehverbot auferlegt. Ludwig Weber als Bürgermeister führte mit den amerikanischen Offizieren die Übergabeverhandlungen. Als Dolmetscherin fungierte dabei Edith Luxenburger, die sich bei Miltacher Verwandten aufhielt.

72 Bewohner im Schloss

Manche Familien mussten ihre Häuser verlassen, sie dienten den Besatzern als Unterkünfte. Dabei wurde kaum berücksichtigt, dass die Landwirte ihre Stalltiere zu füttern und zu melken hatten. Die Ausgehzeit war auf 7 bis 9 Uhr und 16 bis 18 Uhr festgelegt. Ein zusätzliches Wohnungsproblem war zu dieser Zeit auch die Unterbringung der vielen Heimatvertriebenen und Evakuierten, die sich bereits in Miltach aufhielten. Allein im Schloss lebten kurzzeitig 72 Personen.

Am 24. April kamen aus Richtung Zandt und Chamerau weitere US-Truppen, die ohne Widerstand auf der Ostmarkstraße (B 85) in Richtung Viechtach und Regen weiterzogen. Ein in der Nähe des Friedhofes stehendes Halbkettenfahrzeug schoss auf einen aus Richtung Chamerau kommenden Messerschmittjäger, der danach bei Untervierau abstürzte.

Erst am 25. April stießen die Besatzer mit Panzern in Richtung Kreuzbach vor. Während den Amerikanern in Chamerau und Miltach kein Widerstand entgegengesetzt wurde, wollte eine SS-Gruppe Blaibach verteidigen. In ihrem Wahnsinn beschossen sie die anrückenden Fahrzeuge, die daraufhin das Feuer erwiderten. Dies hatte schlimme Folgen für das Dorf, denn es gingen einige Gebäude in Flammen auf. Andere wurden mehr oder weniger schwer beschädigt.

MG-Schüsse auf Jugendliche

Am 28. April ereignete sich im Bereich des Bahnhofes noch ein schreckliches Drama, bei dem sich die Besatzer von einer anderen Seite zeigten. Gegen 12.30 Uhr schossen US-Soldaten mit einem Maschinengewehr auf drei Jugendliche, die in Nähe des unteren Stellwerkes in den nahen Wald flüchten wollten. Alois Weber aus Roßberg wurde an der rechten Schulter getroffen, sein knapp 14-jähriger Bruder Johann starb noch am gleichen Tag. Martin Scherzinger, 15 Jahre alt, Sohn einer Flüchtlingsfamilie aus Jugoslawien, erlag am 19. Mai im Notlazarett Miltach (jetzt Rathaus) seinen Schussverletzungen. Beide sind in Chamerau beerdigt.

Tragisch war auch der Tod von Xaver Schlecht aus Rattenberg, der von den Besatzern am 24. April „bei der Regenüberquerung erschossen wurde“, so steht es in den amtlichen Unterlagen. Der tote Feldwebel lag danach einige Tage in Höhe des Anwesens Nagl, Fischerweg, zwischen Gleis und Regenufer. Sein Name ist auf dem Kriegerdenkmal in Neurandsberg aufgeführt.

Die fremden Truppen haben sich wenige Tage nach dem gewaltfreien Einmarsch in Miltach auf eine längere Bleibe eingerichtet. Die Ortskommandantur befand sich im Gasthaus Alte Post. Bei Josef Nagl („Rösch“) richteten sie eine Werkstätte und ein technisches Versorgungslager ein. An der Zandter Straße, an der Stelle des früheren Feuerwehrhauses, befanden sich die Kaffeerösterei und dahinter die mobile Bäckerei. Mit den erbeuteten Pferden aus deutschen Militärbeständen betrieben die Offiziere auf dem Fußballplatz ihren Reitsport. Die Tiere waren in der Schlossbrauerei Martin untergebracht. Das Quartier der Wache für das Notlazarett war im nahen Wohnhaus Fröhlich. Im September 1945 verließen die US-Truppen Miltach, die Verwaltung der Gemeinde wurde der Militär-Kommandantur Kötzting unterstellt.

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