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Glaube

Glaube eint das Volk an der Grenze

Bischof Voderholzer erlebt seinen Katholikentags-Höhepunkt fernab von Regensburg – im Bayerwald: Seine Worte bewegen dort Deutsche und Tschechen.
Von Christoph Renzikowski, KNA

Neukirchen b. Hl. Blut.Die Menschen vor dem Portal der Wallfahrtskirche drängeln. 600 Gläubige fasst das Kirchenschiff, zur Wallfahrt gekommen sind insgesamt 3000. Nur ein paar Gläubige schaffen es noch, mit Regensburgs Bischof Rudolf Voderholzer und seinem Pilsener Kollegen František Radkovský in die Kirche zu schlüpfen. Der Rest schaut die Live-Übertragung draußen auf der Leinwand. Im Gegensatz zum verregneten Auftakt des Katholikentags stimmt diesmal die himmlische Regie. Die Sonne lacht.

Voderholzer und Radkovský feiern in Neukirchen b. Hl. Blut ein Pontifikalamt, das diesen Namen verdient: In dem „Brückenbaugottesdienst“, so die wörtliche Übersetzung, betont der Regensburger Bischof, wie wichtig es ist, 25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auch die Barrieren im Kopf zu überwinden. „Die Neukirchener Madonna ist für alle da“, ruft Voderholzer dem Volk zu.

In seiner Predigt würdigt er den Beitrag der Christen zum Fall des Eisernen Vorhangs vor 25 Jahren. Doch er verweist auch auf die Wunden, die der Einmarsch der Wehrmacht in der Tschechoslowakei und die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg auf beiden Seiten hinterlassen haben. Daher sei für ihn die gemeinsame Wallfahrt die „Krönung des Katholikentags“. Applaus brandet auf, drinnen in der Kirche und draußen, wo auch ein Großteil der 300 Katholikentagspilger aus Regensburg steht. „Wer Grenzen überschreiten und Brücken begehen will, der wird nicht alleine bleiben“, sagt der Bischof. Wieder Applaus.

Voderholzers Predigt treibt Egid Hofmann, 24 Jahre lang Bürgermeister des Marktes Neukirchen beim Heiligen Blut, Tränen in die Augen. Ihn erinnert die Wallfahrt am Katholikentagssamstag an die Sternstunde seines Heimatorts am 9. Mai 1990: An die Freude, die in ihm ausbrach, als kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs rund 1000 Mitglieder des tschechischen Volksstamms der Choden mit Bussen im Wallfahrtsort eintrafen, herzlich begrüßt von den Oberpfälzern. Seit sie der tschechische Pater Syssel jenseits der Grenze wieder willkommen hieß, floriert die Wallfahrt des Volksstamms der Choden nach Neukirchen. Alle zwei Jahre revanchieren sich die Neukirchener mit einem Gegenbesuch in Loucim, dem Ort, aus dem ihr Gnadenbild stammt.

Einheitslook in der Wallfahrtskirche

Die Gläubigen in der Wallfahrtskirche reichen einen Stapel blauer Tücher durch die Reihen. „Mit Christus Brücken bauen“ steht darauf, das Motto des 99. Katholikentags und das Motto der Wallfahrt nach Neukirchen beim Heiligen Blut. Deutsche und Tschechen hängen sich das Tuch um. Sie demonstrieren Brüderlichkeit. Da wiederholt Bischof Voder-holzer den Satz, den Pater Syssel einst der Madonna von Neukirchen in den Mund gelegt hat und der seitdem für die Beteiligten dieser deutsch-tschechischen Freundschaft so wichtig ist: „Wo wart ihr so lange, ihr Böhmen? Wir haben auf euch gewartet!“ „Hier sind wir“, hat Syssel damals geantwortet, stellvertretend für alle Choden, die sogar ein Visum beantragen mussten, um in Neukirchen zu beten.

Die Situation am Samstag aber war eine völlig andere. Diesmal war es eine gemeinsame Wallfahrt. Frühmorgens waren zum Beispiel auch Gläubige aus Furth im Wald und Bad Kötzting betend und singend losmarschiert. „Wir sind wieder da – wir sind gemeinsam da!“, freute sich Voderholzer.

Es ist eine Predigt, die viele Menschen im Kirchenschiff und draußen auf der Wiese ergreift. Auch Josef Dedina aus dem böhmischen Loucim, der bei der ersten Wallfahrt der Choden nach Neukirchen 13 Jahre alt war, ringt mit den Tränen. „Das heute war eine Gnade“, wird er nach dem Gottesdienst erzählen. Noch immer berührt ihn der Gedanke an den Tag, an dem sein Bus einst in Neukirchen ankam. „Ich dachte nicht, dass uns die Leute willkommen heißen“, erzählt er. Mit seiner Schwester brachte Dedina damals eine Choden-Vase als Opfergabe zum Neukirchener Altar. Seitdem kommt er jedes Jahr im Mai an diesen Ort zurück.

Stimmengewirr beim Vater Unser

Im Gottesdienst geben Voderholzer und Radkovský den Deutschen und Tschechen keine Gelegenheit, sich ob der Sprachprobleme auszuklinken, die manche Gespräche immer noch ausbremsen. „Wir beten jetzt gemeinsam unser Glaubensbekenntnis“, fordert Voderholzer sie auf. „Jeder in seiner Sprache.“ Genauso verfährt er beim Vater Unser. Denn es sei der Glaube, der die Brücke ist zwischen den Menschen. Diese Brücke werde umso stärker, je mehr Menschen darauf stehen.

Nach der Messe eilt Bischof Voder-holzer zurück nach Regensburg, seine Katholikentagsverpflichtungen lassen sich nicht verschieben. Indes nehmen Hunderte Gläubige im Garten des Klostergartens Platz. Ortspfarrer Monsignore Georg Englmeier schüttelt Hände, strahlt. Gastgeber der Katholikentagswallfahrt zu sein, sei eine Riesenehre für ihn, sagt er. „Der Ort spürt, dass wir ein Wallfahrtsort sind. Das ist eine großartige Bestätigung.“

Wallfahrt nach Neukirchen b. Hl. Blut

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