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Pösing
Freitag, 21. September 2018 26° 3

Extremsport

Essen, Trinken, Zähneputzen auf dem Rad

Ultra-Radfahrer Bernhard Steinberger gewann das härteste Langstrecken-Rennen Europas. Das nächste Ziel: Race across America
Von Armin Wolf

Glücklicher Sieger: Bernhard Steinberger Foto: privat
Glücklicher Sieger: Bernhard Steinberger Foto: privat

Pösing.Er ist stolz, unheimlich stolz und glücklich. Bernhard Steinberger aus Pösing im Landkreis Cham hat Unglaubliches vollbracht. Er hat als Amateursportler das härteste Langstreckenradrennen Europas gewonnen. Das Race Around Ireland. Nach 98 Stunden, 22 Minuten und 16 Sekunden hat er 2145 Kilometer mit insgesamt 22655 Höhenmetern geschafft. Ein Traum seines Lebens ist in Erfüllung gegangen. Besagte Septemberwoche 2015 wird Steinberger nie vergessen. Mit diesem Sieg ist er Europameister der Ultra Marathon Cycling Association, dem Dachverband der Langstreckenradfahrer. Seine erreichte Zeit ist die zweitschnellste, die jemals bei diesem Rennen gefahren wurde. Schon 2013 war er für das Rennen auf der Insel. „ Da bin ich zweiter geworden und habe mich richtig in die Insel verliebt. Ich war bei Wettkämpfen oder im Trainingslager schon auf vielen Inseln, aber Irland ist meine Nummer eins“.

Autogenes Training für den Erfolg

Aber warum macht ein Mensch so etwas, warum geht man so an die Grenzen? „Das ist einfach mein Leben, ich kann das und ich will das. Das Glücksgefühl, im Ziel zu sein und gewonnen zu haben, ist unbeschreiblich“, sagt der Extremsportler. Das Rennen in Irland ist exemplarisch für viele seiner Wettkämpfe auf dem Rad. Steinberger ist mental immer total gut vorbereitet. Autogenes Training ist für ihn ganz wichtig. „Mitentscheidend bei so einem langen Rennen ist, dass du in den wenigen Pausen sofort einschlafen kannst, das muss innerhalb einer Minute klappen.“ Steinbergers Motto lautet: „Wer viel schläft, verliert!“

Nur 90 Minuten Schlaf

Deshalb schläft er in Irland innerhalb der 98 Stunden insgesamt nur 90 Minuten. Die ersten 24 Stunden fährt er durch, dann gibt es fünf Minuten Pause, er nickt sofort ein – und weiter geht’s.

Essen, Trinken, Zähneputzen und andere menschliche Bedürfnisse werden auf dem Rad oder vom Rad aus erledigt. Der Zweite holt den Führenden Steinberger kurz mal ein, aber der gibt Gas und erarbeitet sich wieder einen Vorsprung. Plötzlich wird es gefährlich.

„Kumm umma, mir san in Irland, Linksverkehr!“

Steinbergers Betreuer

Sein Begleiterteam im Auto gibt ihm die Anweisung, ein Stück weiter vorne rechts abzubiegen. Steinberger befolgt das Kommando und sieht sich unvermittelt einem Lastwagen gegenüber, der noch 200 Meter entfernt ist und aufblendet. „Mensch kumm umma, mir san in Irland, Linksverkehr!“, rufen seine Betreuer. Nur ein Moment der Unaufmerksamkeit, der ganz übel ausgehen hätte können.

Lob für das Team

Steinberger reißt sein Rad herum. Durchschnaufen. Es ist nichts passiert. „Mein Team ist wunderbar, acht Freunde, eine Frau und sieben Männer, haben sich letztes Jahr extra freigenommen, um mich zu begleiten“, erzählt Steinberger. Das Team hat sich in zwei Gruppen aufgeteilt. Vier begleiten ihn am Tag und vier in der Nacht.

Sie motivieren, informieren, beruhigen ihn und halten für ihn den Kontakt zur „Außenwelt“. Alle modernen Kommunikationsmittel werden genutzt. Per Facebook werden Fotos von ihm verbreitet, die Kommentare lesen ihm die Freunde vor. Der Laptop ist aus dem Auto nicht wegzudenken. Im Internet verfolgen irische Radsportfreaks das Rennen. Eine kleine Gruppe wartet auf ihn in der nächsten Stadt. Sie feuern ihn an, „go,go,go, good job“. Nach weiteren 400 Kilometern bekommt Steinberger Begleitung, ein irischer Radfahrer gesellt sich zu ihm. „Er hat auf mich gewartet und Kekse mitgebracht, die er extra für mich gebacken hat“.

„Halluzinationen habe ich immer.“

Steinberger

Die Strecke zieht sich hin, für die landschaftlichen Schönheiten hat Steinberger aber kein Auge mehr. Urplötzlich glaubt er auf einer Wiese zu fahren, er sieht Gras unter sich, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Halluzinationen? „Ja, die habe ich immer wieder bei extremen Belastungen“, gibt er zu. Steinberger erinnert sich: „Als ich den Großglockner rauf bin, habe ich ein Dorf gesehen, mit Lichtern, das existierte aber nicht. In Slowenien war ich 48 Stunden ununterbrochen unterwegs, dann wusste ich nicht mehr, geht’s nach oben oder nach unten. Ich hatte das Gefühl dafür total verloren. Aber mein Team bringt mich dann wieder in die Wirklichkeit zurück“.

Betreuer halten ihn in der Spur

In Irland läufts weiter gut, bis das Signal kommt „du hast noch 80 Kilometer, du kannst praktisch nicht mehr eingeholt werden, selbst wenn du langsam fährst.“ Steinberger fällt in ein tiefes Loch. „Ich habe mich gefragt, soll ich schnell oder langsam fahren, ist ja sowieso egal, ich habe gewonnen.“

Er tritt langsamer, dann wieder schneller, wirkt unruhig. Jetzt sind seine Betreuer gefragt. Sie erinnern ihn daran, wie schön die Landschaft ist, dass er 2013 genau hier schon gefahren ist, sie stellen ihm Rechenaufgaben. Steinberger fängt sich wieder und kommt am 5. September als umjubelter Sieger ins Ziel. Geschafft, Europameister! Ganz ohne Doping? „Ja, denn ich weiß, wenn ich zusätzlich was nehmen würde, bringe ich mich in Lebensgefahr, weil ich körperlich eh schon am obersten Limit bin“, beteuert Steinberger.

Bernhard Steinberger mit seinen acht Betreuern. Foto: Archiv
Bernhard Steinberger mit seinen acht Betreuern. Foto: Archiv

Sein „Doping“ ist die ausgewogene Ernährung. Im Training wird alles genau getestet, im Rennen gibt es keine Experimente. „Schweinebraten ist nicht drin. Riegel, Apfel, Banane und Süßigkeiten wie Bounty oder Gummibärchen, auf das baue ich.“ Der Lohn aller Mühen und Entbehrungen ist null Preisgeld. „Bei meinen Rennen gibt es nichts zu verdienen, aber der Erfolg treibt mich immer wieder an“, erklärt Steinberger.

Nächstes Ziel: Race Across America

Das große Ziel des 35-jährigen Extremsportlers ist das Race Across America. Ein jährlich stattfindendes ultralanges Radrennen, das von der Westküste der Vereinigten Staaten bis zur Ostküste führt. Rund 4800 Kilometer mit einer Gesamthöhendifferenz von 52000 Metern sind innerhalb eines bestimmten Zeitlimits zurückzulegen. Für Einzelfahrer beträgt dieses Limit zwölf Tage. Das Problem: Bernhard Steinberger hat dafür noch nicht genügend Sponsoren. Er braucht um die 30 000 Euro und einen Begleiterstab von acht bis zwölf Helfern. Im Moment trainiert er für die harten klimatischen Bedingungen des Rennens in der Sauna.

Fans nennen ihn „die Lunge“

Bernhard Steinberger ist Sportler seit er denken kann. Als Kind war Fußball seine Leidenschaft. Später kam er über Karate zum Boxen und schließlich als 19-Jähriger zum Triathlon. Letztendlich wurden die Langstreckenrennen im Radsport seine große Liebe.

Auch in der Nacht wurde gefahren. Foto: Archiv
Auch in der Nacht wurde gefahren. Foto: Archiv

Sein Trainingseifer ist legendär, weshalb ihn seine Fans anerkennend auch „die Lunge“ nennen. Zwischen 15 und 25 Stunden trainiert der Extremsportler pro Woche. Eine hohe Belastung für jemanden, der 40 Stunden in der Woche im Schichtbetrieb als Lagerist arbeitet. Eine große Ehre war für ihn die Ernennung zum Botschafter des Landkreises Cham. Mit weiteren Erfolgen will er dafür sorgen, den Landkreis noch bekannter zu machen.

Bernhard Steinberger

  • Geburtstag:

    20. August 1981

  • Wohnort:

    Pösing (Bayern)

  • Geschwister:

    eine Schwester und drei Brüder

  • Größe:

    164 cm

  • Erlernter Beruf:

    Metallbauer

  • Ausgeübter Beruf:

    Lagerist (40 Stunden im Schichtbetrieb)

  • Hobbys:

    Lesen, Kino, Bergwandern

  • Lieblingsgetränk:

    Orangensaft, Radler, alkoholfreies Weißbier

  • Lieblingsessen:

    Obst, Salate & Fisch

  • Lieblingsmusik:

    Rock-Musik

  • Lieblingsfilm:

    Braveheart

  • Sportverein:

    ASV Cham

  • Engagement:

    Botschafter für den Landkreis Cham

  • Lebensmotto:

    Mach’s wie die Hummel!

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