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„Schau auße, d’Amerikaner san do“

Vor 70 Jahren rückten die Amerikaner in Roding ein. Eine Rodingerin erinnert sich, wie sie die Tage im April 1945 erlebte.
Von Andreas Sokol

Die Amerikaner rücken am Paradeplatz vor; im Hintergrund der Rodinger Pfarrhof und die Eisenhandlung Höpfl, heute Sport Straßburger. So zeichnete Ludwig Dieß das Geschehen am 24. April 1945.
Die Amerikaner rücken am Paradeplatz vor; im Hintergrund der Rodinger Pfarrhof und die Eisenhandlung Höpfl, heute Sport Straßburger. So zeichnete Ludwig Dieß das Geschehen am 24. April 1945. Zeichnung: Dieß

Roding.Dieser Tage jährt es sich zum 70. Mal, dass mit dem Einmarsch der Amerikaner in Roding der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Mit der Landung der Alliierten im Juni 1944 war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Hitler-Deutschland endgültig besiegt sein würde. Die Oberpfalz wurde Mitte April 1945 zum Kriegsgebiet. Die 3. amerikanische Armee unter General Patton rückte vor. Unsere Gegend war nicht eigentliches Kriegsziel, sondern Durchmarschgebiet der Amis auf dem Weg zur „Alpenfestung“ bei Berchtesgaden, wo Reichsmarschall Göring per „großdeutschem“ Rundfunk immer noch große Töne spuckte.

„Stunde Null“ am 24. April 1945

Für Roding kam die „Stunde Null“ am 24. April 1945. Der Rodinger Michael Fleck hat darüber eine Facharbeit geschrieben, die im Band XIII der Schriftenreihe des Heimatgeschichtsvereins veröffentlicht wurde. Wir zitieren daraus: „Die Amerikaner kommen! Für viele bedeutete dieser Ruf die Befreiung und Erlösung vom NS-Terror und den Frieden, den man so lange herbeigesehnt hatte. Vor allem der kleine Mann war des Kämpfens müde. Man wollte seine Ruhe haben. Doch noch funktionierte der Parteiapparat der NSDAP.“

Noch wenige Tage vor Kriegsende gab es sinnlose Opfer. Reichsführer SS Heinrich Himmler hatte am 29. März 1945 den „Flaggenbefehl“ ausgegeben, mit dem die Bevölkerung total eingeschüchtert werden sollte. Ein sturer Durchhaltewille wurde „gepredigt“. Es war strafbar, als Zeichen der Kapitulation eine weiße Fahne zu hissen, Deutsche wurden deshalb von Deutschen erschossen.

Werwölfe wollten Brücke sprengen

Roding war ein beschaulicher Marktflecken und wurde kampflos eingenommen.
Roding war ein beschaulicher Marktflecken und wurde kampflos eingenommen. Foto: Archiv

Am 24. April 1945 näherte sich die 26. amerikanische Infanterie-Division unter dem Kommando von Major General Willard S. Paul aus Richtung Schwandorf, wo es schweres Bombardement gegeben hatte, dem Markt Roding (zur Stadt erhoben wurde Roding ja erst im Jahr 1952). Couragierte Rodinger Bürger hatten in den Tagen zuvor den Versuch einer Werwolfgruppe vereitelt, die Regenbrücke zu sprengen. Auch die Pösinger Brücke sollte gesprengt werden.

Der Lehrer Andreas Gierl hatte als erster die weiße Fahne gehisst, das 104. amerikanische Regiment rückte kampflos über die Brücke ein, es fiel kein Schuss. Auch aus anderen Häusern signalisierten die Rodinger die Kapitulation und hängten weiße Tücher aus dem Fenster.

Es wurde nur leise gesprochen

Erinnerungen einer Rodingerin, die das Kriegsende als Mädchen erlebte, sind anlässlich des 30. Jahrestags im April 1975 im Bayerwald-Echo erschienen. Leider wurde der Name der Frau nicht erwähnt.

Sie schrieb über diese Tage im April 1945: „Ich kann mich noch gut erinnern, wenn die Erwachsenen abends in unserer verdunkelten Stube davon sprachen, dass es nun nicht mehr lange dauern wird. Ich weiß noch genau, dass sie sehr leise darüber sprachen, als gäbe es draußen vor den verdunkelten Fenstern unsichtbare Ohren, die nichts davon hören dürfen. Von unserem Fenster aus sah ich plötzlich, wie ein ganz fremdes Auto den Drahtzaun drüben beim Groitlfeld niederfuhr. Diesem Auto folgten große, schwere Panzer. Ich sagte zu meiner Großmutter: ,Schau auße, Großmutta, d’ Amerikana san do.‘ So schnell ich konnte, rannte ich auf unseren Dachboden hinauf. Ich steckte unsere weiße Tischdecke, die wir schon einige Wochen vorher an eine lange Stange genagelt hatten, zum Dachfenster hinaus.

Des Pfarrers Messwein war weg

Die Amerikaner wurden zwar nicht mit Willkommenstransparenten begrüßt, doch es gab keinen Widerstand. Das Foto entstand 1959 an der Regenbrücke bei der Begrüßung des Panzeraufklärungsbataillons 4.
Die Amerikaner wurden zwar nicht mit Willkommenstransparenten begrüßt, doch es gab keinen Widerstand. Das Foto entstand 1959 an der Regenbrücke bei der Begrüßung des Panzeraufklärungsbataillons 4. Foto: Archiv

Die schweren Panzer und viele große Autos rollten unaufhörlich auf das Groitlfeld. Die großen Rohre waren alle bedrohlich auf unser Haus gerichtet, auf die Schule, auf den Kirchturm und auf die Häuser im Markt. Als ich in die Stube kam, war sie ganz voll amerikanischer Soldaten. Meine Großmutter saß auf dem Kanapee und strickte. Sie rief mir zu: ,Hol no glei d’ Mama und ’n Vadda‘. Beim Kohlbeck-Schuster fand ich unsere Mama und rief: ,Mama, gäih glei hoam, unsere ganze Stubn is voll Amerikana‘. Die Buben suchten den Vater.

Als wir in unser Haus kamen, standen alle Türen darin weit offen. Aus der Kellertüre schleppte ein Amerikaner viele Schachteln heraus. Da unser Haus abseits stand, hatten etliche Bekannte ihre gehüteten Schätze und Lebensmittel in unseren Keller getragen. Die Stellagen waren voller Margarineschachteln, Zuckersäcken, Mehl usw. Nun schleppten die Amerikaner alles davon, auch den Messwein vom Herrn Pfarrer, der nicht mehr im Garten vergraben wurde. Seine Schwester hatte geglaubt, in unserem Keller ist der Wein sicherer als im Pfarrhof.“

Wie sich die Rodingerin erinnerte, wohnte im Rodinger Pfarrhof damals ein Prälat, der aus Lettland stammte und vor den Russen geflüchtet war. Der Prälat konnte Englisch, was damals natürlich ein Vorteil war: „Er redete mit dem Offizier und erklärte ihm, dass in diesem Haus keine Nazis wohnen“.

Trotzdem musste die Familie das Haus verlassen, die Amis quartierten sich ein. Nach einigen Tagen konnten die Bewohner in ihr Heim zurück: „Es gab kein Fleckchen, das nicht durchwühlt gewesen wäre. Hinter unserem Küchenschrank hatten wir eine Kranzschleife für einen gefallenen Soldaten aufgehoben. Diese Schleife lag jetzt auf dem Tisch, mit dem Hakenkreuz nach oben. Viele Amerikaner waren der Meinung, jeder Mensch in Deutschland ist ein Nazi.

Weißbrot und Schokolade

Die Soldaten hatten frische Bettwäsche über unsere Betten gebreitet und einige haben samt ihren Stiefeln in den Betten geschlafen. Mamas Wäscheschrank war ganz durchwühlt und unser ganzes Silbergeld hatten sie mitgenommen. Das Silbergeld gehörte uns Kindern; wir hatten es uns all die Jahre hindurch beim Hoibabrocka verdient und zusammengespart“.

Wetterfeld wurde von den Amerikanern in Brand geschossen, Ludwig Dieß zeichnete es.
Wetterfeld wurde von den Amerikanern in Brand geschossen, Ludwig Dieß zeichnete es. Zeichnung: Dieß

Doch langsam wurden die Rodinger mit den Amerikanern vertrauter: „Ein Soldat, der sehr freundlich zu uns war, lobte Mamas selbstgebackenes Brot und schenkte uns sein Weißbrot. Für uns Kinder war dieses Brot etwas ganz Neues, doch es schmeckte uns. Er schenkte uns auch Schokolade, die wir nur vom Hörensagen kannten“. Doch eine Rodingerin warnte die Kinder: „Nehmt doch nichts mehr. Ihr kommt in Amerika in die Zeitung und dann heißt es, so hungrig sind die deutschen Kinder“.

Und auch von einem anderen Lebensstil bekamen die Rodinger was mit: „Ein Soldat hieß John. Er hatte seine Taschen immer gefüllt für uns Kinder. Wenn er Großmutter beim Abspülen sah, sagte er: ,In Amerika die women haben es schöner, sie haben Spülmaschine und auch Waschmaschine, die alle Wäsche sauber macht‘. Das hatte ich noch nie gehört. Eine Maschine sollte es geben für die vielen schmutzigen Hemden und Hosen der Buben! Wenn man die schmutzigen Sachen hineintat und nach einer Stunde wieder herausnahm, waren sie so sauber wie nach einem langen, anstrengenden Waschtag. Was muss das für ein Land sein, dachte ich mir“.

Doch nicht nur Schokolade, sondern auch Zigaretten gab es: „Auf dem Platz gegenüber der Post standen immer mehrere Jeeps. Als ich einmal mit meiner Freundin Rita vorüberging, wollte uns ein Soldat eine Schachtel Zigaretten schenken. Wir aber nahmen nur eine davon und sagten „thank you!“ Nun bekamen wir jedesmal eine Zigarette von „unserem Bill“ geschenkt, wenn wir an seinem Jeep vorbei gingen. Einmal fragte uns ein Soldat: „Have you a big sister?“ Wir sagten: „O yes, i have a big sister. When you give me chocolate, then i bring you my big sister.“

Schön gemacht für „big sister“

Der Soldat lachte, sagte okay und ging schnell in das Schulhaus hinein. Wir sahen noch, wie er sich oben am Fenster seine Haare kämmte und sich schön machte für die „big sister“. Wir aber zischten schnell davon.

Es folgten unruhige Tage: „In den Baracken oben, in denen während des Krieges die BDM-Mädchen wohnten, waren nun KZ-ler untergebracht. Diese ausgemergelten Gestalten kamen auch zu uns und wollten Lebensmittel haben. Mama gab ihnen Eier, Milch und Brot. Eines Morgens kamen zwei KZ-ler zur Türe herein und wollten Brot haben. Vater nahm unseren Laib Brot und schnitt für jeden ein dickes Stück ab. Sie aber wollten den ganzen Laib.

Vater sagte: „Meine Kinder haben auch Hunger.“ Ich fürchtete mich sehr. Sie gingen auf unseren Vater zu und wollten ihm den Laib Brot nehmen. Da drohte ihnen Vater mit unserem langen Brotmesser.

Die beiden Männer nahmen jetzt schnell ihre Brotstücke und gingen fort. Bei unserem Stall blieben sie stehen und schauten hinein. Mutter sagte zu Vater: „Wir müssen die Hühner verstecken!“ Wir steckten sie in Kartoffelsäcke, banden diese zu und trugen sie in den Pfarrhofstall. Nur den Gockel ließen wir daheim. Am nächsten Morgen war unser schöner Gockel verschwunden.“

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