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Als Hund Wolfi 1942 zum Militär sollte

Johann Oswald erinnert sich: Der vierbeinige Beschützer einer Familie sollte zur Wehrmacht – eine Falle rettete ihn.
Von Jakob Moro

Johann Oswald weiß viel aus der Vergangenheit Stamsrieds zu berichten.
Johann Oswald weiß viel aus der Vergangenheit Stamsrieds zu berichten. Foto: Moro

Stamsried. Johann Oswald, bekannt für seine Heimatgeschichten, hat eine besondere Begebenheit zu berichten. Es geht um den Hund Wolfi, der einst an die Front sollte. „Wenn man eine Biografie oder einen Nachruf verfasst, dann gilt dies meistens einem Menschen, dem man für etwas zu danken hat oder dem man Anerkennung schuldet für Treue oder gute Tugenden“, stellt der Stamsrieder fest. „Heute mache ich dies nicht für einen Menschen, sondern für ein ganz besonderes Geschöpf, für den Hund Wolfi.“

Er tollte viel mit den Kindern herum

Der Wolfshundwelpe kam laut Oswald zu einer Familie, die er gut kannte und die auf einer Einöde einen kleinen Hof bewirtschaftete. Auf dem kleinen Anwesen neben dem Waldrand lebte eine jüngere Bäuerin mit drei Kindern. Der Mann war im Krieg. Mit einer Fremdarbeiterin und den 70-jährigen Schwiegereltern musste sie die Hofstelle erhalten. Das Anwesen wurde noch nicht mit elektrischem Strom versorgt. Haus und Stall wurden nur mit Petroleumlampen beleuchtet, und so sah es nachts sehr düster aus.

Oswald: „Und wenn man daran dachte, dass es damals viele Strolche und Schurken gab, so war man froh, wenn man einen guten und treuen Wachhund hatte, den Wolfi. Dieser war ausgelassen, tollte mit den Kindern herum und lenkte sie davon ab, dass der Vater im Krieg war. Es war gut zu wissen, dass er auch im Ernstfall gegen Eindringlinge zubeißen konnte.“

Hunde im dritten Reich

  • Symbol

    Der Deutsche Schäferhund wurde einst zu einem Symbol für die NS-Propaganda und den Nationalsozialismus – nicht zuletzt wegen des Faibles von Adolf Hitler für diese Rasse.

  • Bewachung

    Schäferhunde wurden auch in Konzentrationslagern zur Bewachung eingesetzt. Sie waren dort gefürchtet.

  • Bedarf

    Rund 30 000 Deutsche Schäferhunde sollen im 2. Weltkrieg in Einsatz gewesen sein. Sie konnten allerdings den Bedarf der Nazis nicht decken, daher suchte man Hunde aus Privatbesitz.

  • Hundemusterungen

    Zu diesem Zweck wurden Hundemusterungen veranstaltet. War ein Hund für tauglich befunden worden, kam er in einen Kriegshundekurs und wurde für den Einsatz an der Front ausgebildet. (rjm)

Dann kam ein denkwürdiger Tag. Die Deutsche Wehrmacht brauchte zur Sicherung und Verteidigung ihrer Anlagen gesunde und kämpferische Wachhunde. Etwa 1942 wurde eine Verordnung erlassen, die besagte, dass alle brauchbaren Hunde dem Militär zur Verfügung gestellt werden müssten. So wurde auch in Stamsried eine sogenannte Hundemusterung angesetzt. Oswald erinnert sich weiter: „Für uns Schulbuben war dies etwas ganz Neues. So etwas hatten wir noch nie gesehen. Die Begeisterung und Neugier waren riesengroß.“

Da fiel ein Schreckschuss

Auf dem Marktplatz war ein Tisch aufgestellt, dahinter saß ein ziviler Veterinärarzt. Davor und dabei stand die Musterungsabordnung, bestehend aus einem Offizier und einigen Wehrmachtssoldaten. Ein Soldat war als sogenannter „Hundetratzer“ eingesetzt.

Hans Oswald in den 1950er Jahren
Hans Oswald in den 1950er Jahren Foto: privat

Lederner Arm und Schienbeinabdeckungen schützten ihn vor Biss- und Risswunden. Ein langer Stock diente ihm dazu, die Hunde rauf- und angriffslustig zu machen. Jeder Hund, der höher als 40 Zentimeter war, wurde zur Begutachtung vorgestellt. Erfüllte er die Anforderungen der Kommission, wurde er in die Kampfprüfung geschickt. War der Hund im Abwehr- und Raufakt, fiel ein Schreckschuss. Ließ der Hund sich nicht abschrecken und blieb er am Angreifer, wurde er für wehrtauglich befunden.

Wolfi ließ sich nicht einschüchtern, und so war auch er für tauglich befunden. Als der Großvater mit der Nachricht nach Hause kam, war es schwer, den Kindern dies verständlich zu machen. Dabei kam die Sorge auf, wer denn nun Haus und Hof schützen und bewachen sollte. Wenn nun der Hund schon abgegeben werden musste, gewährte man ihm bis zur Abholung immerhin mehr Freiheit und ließ ihn mehr als sonst frei herumlaufen.

Ein zertrümmerter Vorderlauf

Eines Tages kam Wolfi abends nicht zur Fressenszeit zurück. Oswald: „Man fürchtete, ihm könnte etwas zugestoßen sein. Am nächsten Morgen erschien er mit zertrümmertem Vorderlauf und herabhängender Pfote.“ Ein Nachbar verstand etwas von Tierpflege und Heilung. Er konnte Wolfi das Bein und die Pfote schienen. Wahrscheinlich war das Tier in eine Fuchs- oder Marderfalle getreten.

Zu dieser Zeit kam der Einrückungsbefehl für Wolfi. Die Militärverwaltung glaubte die Meldung, dass der Hund verunglückt sei, nicht. So musste die Familie mit Wolfi mit einem Rosswagerl in die Kreisstadt fahren, um eine Bescheinigung zu bekommen, die besagte, dass der Hund nicht wehrdiensttauglich sei. So konnte Wolfi in Stamsried bleiben und seine Familie in den Kriegswirren beschützen. 1948 kam der Hausherr aus der Gefangenschaft zurück. Wolfi erkannte ihn sofort als Freund. Oswald: „Beide waren glücklich, sich nach langer Zeit wiederzusehen. Viele Jahre, wenn auch hinkend und humpelnd, versah Wolfi so noch seinen Wachdienst auf dem Bauernhof.“

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