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Geschichte

Dass er überlebte, war oft nur Zufall

Heinrich Mühl aus Friedersried kämpfte im 2. Weltkrieg an der Ostfront. „Ich hatte Glück“, sagt er – anders als zwei Brüder.
Von Jakob Moro

Heinrich Mühl im Alter von 17 Jahren: An der Ostfront erlebte er die Schrecken des 2. Weltkriegs mit.
Heinrich Mühl im Alter von 17 Jahren: An der Ostfront erlebte er die Schrecken des 2. Weltkriegs mit. Foto: Mühl

Stamsried.Wer den Krieg am eigenen Leib erlebt hat, den lassen die Erinnerungen nicht mehr los. Ehemalige Soldaten können sich an viele Details erinnern, an schlimme Zeiten, aber auch an die Momente, in denen sie unglaubliches Glück hatten. So wie Heinrich Mühl aus dem Stamsrieder Ortsteil Friedersried, der im Herbst seinen 90. Geburtstag gefeiert hatte. Als wir ihn für eine Geschichte zum Zweiten Weltkrieg und unsere Serie zu diesem Thema besuchen, holt er zwei gerahmte Bilder seiner Brüder Franz und Ludwig hervor und erzählt von seinen Erlebnissen. „Meine Brüder Franz und Ludwig waren schon im Krieg. Ich hoffte, verschont zu bleiben“, sagt er. Doch es kam anders. Das Schicksal verschonte weder ihn – er musste doch einrücken – noch seine drei Brüder. Als das blutige Treiben auf den Schlachtfeldern ein Ende fand, waren Franz und Ludwig tot. Heinrich und sein dritter Bruder Josef kamen davon.

16 Tage mit dem Zug unterwegs

Heinrich Mühl mit 90: Mit den Bildern kehren Erinnerungen wieder.
Heinrich Mühl mit 90: Mit den Bildern kehren Erinnerungen wieder. Foto: Moro

Heute schaut die Welt wieder auf das Krisengebiet in der Ukraine. Vor rund 70 Jahren war auch Heinrich Mühl dort, später auch in Gefangenschaft. Kurz vor Weihnachten 1942 war für ihn der Einberufungsbefehl gekommen. „Ich war gerade 17 Jahre alt. Am 3. Januar 1943 ging es ab in die damalige Tschechoslowakei zur Ausbildung in der Nähe von Pilsen.“

Bald folgte für Heinrich Mühl der Kriegseinsatz. Die Reise führte über Wien, Kroatien und Albanien an die Front nach Russland. 16 Tage waren die Männer mit dem Zug unterwegs. „Die längste Zeit in Russland befand ich mich in dem Gebiet, das zwischen den Russen und den Ukrainern zuletzt so umkämpft war, dem Donezbecken. 1944 hatten wir große Verluste. Ich war damals in Lemberg“, erinnert sich der Veteran 70 Jahre nach Kriegsende.

Der Oberpfälzer war Fernmelder/Funker bei der 100. Jäger-Division. Der Großverband des Heeres bestand überwiegend aus Österreichern. Im März 1943 war die Division aus Truppen des Wehrkreises XVII (Wien) neu zusammengesetzt worden. Zu dem Zeitpunkt war auch Heinrich Mühl zu dieser Division gekommen, deren Reste im Frühjahr 1945 nach Rückzugsgefechten ins heutige Tschechien gelangten. Bei Trautenau geriet Mühl in sowjetische Gefangenschaft. „Ich diente unter General Ferdinand Schörner“, sagt der Friedersrieder. Unter Schörners Führung konnten, wie es heißt, 1,6 Millionen Flüchtlinge aus Schlesien und dem Sudetenland dem Zugriff der anrückenden sowjetischen Verbände entzogen werden“.

Das Schicksal der Brüder

  • Gefallen Zwei Brüder von Heinrich Mühl sind im 2. Weltkrieg gefallen. Franz Mühl, geboren am 17. August 1922, starb am 21. Januar 1943 im Alter von 19 Jahren in Afrika. Ludwig Mühl, geboren am 24. August 1924, kam am 29. Februar 1944 mit 20 in Italien um. An sie erinnert eine Gedenktafel in der Friedersrieder Kirche. Über die Umstände, wie und wo die Brüder zu Tode kamen, ist trotz Nachforschungen nichts weiter bekannt.

  • Gefangenschaft

    Ein weiterer Bruder, Josef Mühl, wurde 1940 zur Ausbildung in der Wehrmacht nach Linz eingezogen. Er wurde 1945 bei Bad Kreuznach aus der Gefangenschaft entlassen und kam heim nach Friedersried. (rjm)

Am längsten und beschwerlichsten war ab September 1944 der Rückzug, berichtet Mühl. Es galt immer wieder, Stellungen aufzubauen, abzubrechen und neu aufzubauen, um den Russen den Vormarsch zu erschweren. Bis ihn um den 11. Mai 1945 herum die Tschechen gefangen nahmen. Mühl: „Der Krieg war bei uns erst einige Tage später aus. Berlin kapitulierte bereits am 8. Mai.“

Heinrichs Bruder Ludwig beim letzten Besuch in der Heimat
Heinrichs Bruder Ludwig beim letzten Besuch in der Heimat Foto: Mühl

Die Tschechen, sagt er, hätten den deutschen Soldaten versprochen, sie hätten nichts zu befürchten, wenn sie ihre Waffen abgäben. Dies war im Gebiet Hohenelbe im Sudetenland – kurz vor Prag. „Wir hätten nicht mehr weit in die Heimat gehabt, aber die Tschechen lieferten uns an die Russen aus, als sie unsere Waffen hatten“, sagt Mühl, für den es in ein Kriegsgefangenenlager bei Sagan in Westpolen ging. Die Stadt war im Februar 1945 nach erbitterten Kämpfen von sowjetischen Truppen besetzt worden. Mühl: „In der Gefangenschaft erging es uns ähnlich wie den Häftlingen in deutschen Konzentrationslagern. Es war ein Bild des Jammers. Ich kam später in andere Gefangenenlager, unter anderem nach Kobel in Weißrussland. Dort arbeitete ich lange im Wald, fällte Bäume und half im Sägewerk. Die längste Zeit in Gefangenschaft war ich im Bergbau, in einem Bergwerk in der Region Stalino. Bis zur Entlassung am 3. November 1949...“

Unter den deutschen Gefangenen im Bergwerk Stalino waren nach seinen Worten auch Landser, die in amerikanischer Gefangenschaft in der Nähe Rodings gewesen waren. Sie seien von den Amerikanern den Russen ausgeliefert und nach Stalino gebracht worden. Stalino heißt heute Donezk. Es liegt in der Ukraine, und ist die Stadt, in der die Russen heute eine Republik Donezk und den Anschluss an Russland fordern.

Widerspruch war nicht gewünscht

Ein ehemaliger russischer Kriegsgefangener, der während seiner Zeit in Deutschland im Ruhrgebiet in einer Zeche hatte arbeiten müssen, sei in Stalino ihr Aufseher beziehungsweise Lagerkommandant gewesen. Mühl: „Ich kam gut mit ihm aus. Man durfte ihm nur nicht widersprechen.“

Am 3. November 1949 kam Heinrich Mühl endlich nach Hause. Sein Vater hatte an diesem Tag Geburtstag. Lange galt Mühl daheim als vermisst. Erst am 3. Juli 1946 erhielt die Familie die Nachricht von seiner Gefangennahme in Russland. War es Zufall oder Vorsehung? „Am selben Tag, am 3. Juli 1946, starb die Mutter durch einen Blitzschlag auf dem Heimweg von den Feuchtwiesen beim Sturmhof“, erinnert sich der Zeitzeuge. Von ihrem Tod erfuhr er erst viel später durch einen Brief, den ihm Pfarrer Fruth schrieb, der für Strahlfeld und Friedersried zuständig war.

Ein Mädchen wollte ihn verstecken

Mühl sagt: „Ich hatte im Krieg viel Glück. Oft war es Zufall, dass ich dem sicheren Tod entronnen bin. Kameraden tauschten mit mir das Postenstehen. Die hat es erwischt, mich nicht. Ich sah viele Tote, trug auch dann und wann Kleidung gefallener Kameraden. Noch heute befindet sich ein Granatsplitter in meiner Lunge.“ Es sind wenige Sätze, die alles aussagen über das, was der 90-Jährige erlebt hat. Auf dem Rückzug, sagt er, wollte ihn einmal ein tschechisches Mädchen bis zum Kriegsende verstecken. „Ich traute ihr nicht. Vielleicht hatte ich da auch das Glück an meiner Seite.“

Die Mühls – eine Familie, die der Krieg besonders hart traf

Millionenfach trauerten Menschen im Ersten und Zweiten Weltkrieg um gefallene Angehörige. Mitunter schlug das Schicksal besonders hart zu – etwa im Fall der Friedersrieder Familie Mühl. Dort herrschte nicht nur im Zweiten Weltkrieg große Trauer über den Verlust zweier Söhne. Nein, auch im Ersten Weltkrieg waren mit Georg und Josef Mühl bereits zwei Brüder nicht zurückgekehrt. Ihre Namen stehen wie die von Franz und Ludwig, die rund 30 Jahre später an der Front fielen, auf einer Gedenktafel in der Friedersrieder Kirche.

Georg Mühl und Josef Mühl (l.) kehrten aus dem Ersten Weltkrieg nicht zurück.
Georg Mühl und Josef Mühl (l.) kehrten aus dem Ersten Weltkrieg nicht zurück. Foto: Mühl

Georg Mühl, geboren am 18. Oktober 1887, war als Krankentransport-Träger der 1. Sanitäts-Kompanie eingezogen worden. Der Bauerssohn kam am 3. Juni 1916 in Verdun um. Er ruht auf der Kriegsgräberstätte in Romagne-sous-les-Côtes (Endgrablage: Block 3, Grab 72). In der Kriegsgräberstätte liegen 2227 deutsche Kriegstote des Ersten Weltkrieges. Der Soldatenfriedhof war mit Beginn des deutschen Angriffs auf Verdun im Februar 1916 von der Truppe angelegt worden.

Georgs Bruder Josef war am 19. Juli 1889 in Friedersried auf die Welt gekommen. Er diente in einem Infanterie-Regiment und starb am 6. November 1917. Er liegt auf der Kriegsgräberstätte in Bauvin (Endgrablage: Block 4, Grab 107). Der deutsche Soldatenfriedhof Bauvin war im Juni 1915 im Verlauf der schweren Abwehrkämpfe im Gebiet zwischen Armentières und Lens von der deutschen Truppe angelegt worden. Aus dieser Zeit ruhen mehr als 500 Tote auf diesem Friedhof. Etwa 200 Soldaten verloren ihr Leben im Herbst 1914 und wurden später hier bestattet. Weitere fast 600 Männer starben 1917 bei der alliierten Großangriffe bei Arras und in Flandern und mehr als 300 während des deutschen Angriffs im März/April 1918 sowie des anschließenden Stellungskrieges bis zur Räumung des Gebiets im Oktober 1918. In den Jahren 1921 und 1923 nahmen die französischen Militärbehörden umfangreiche Zubettungen vor, wie es heißt. Die heute hier Ruhenden gehörten 63 Infanterie- und 13 Artillerie-Regimentern sowie zahlreichen anderen Truppenteilen an.

Die Geschichte eines weitere tragischen Kriegs-Schicksals aus Stamsried lesen Sie hier.

Zeitzeugen gesucht

2014 hatten Bayerwald-Echo und Kötztinger Umschau eine Zeitzeugen-Serie zum 2. Weltkrieg gestartet. Anlass war der 75. Jahrestag des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939. Nach dem Kriegsanfang steht heuer das Kriegsende im Fokus. Im Mai war es 70 Jahre her, dass der Zweite Weltkrieg in Europa endete. Nicht zuletzt wegen der Resonanz, die wir auf unsere Beiträge erhalten haben – insbesondere von jüngeren Lesern –, haben wir unsere Reihe im Jahr 2015 in loser Folge fortgesetzt. Die Zahl der Menschen, die das Grauen des Zweiten Weltkriegs er- und überlebt haben, wird immer kleiner. Mit ihnen werden die Gelegenheiten weniger, aus erster Hand zu erfahren, wie fürchterlich Krieg ist. Sollten Sie, liebe Leser, einen Verwandten haben, der von seinen Erinnerungen erzählen möchte oder sollten Sie selbst von Ihren Erlebnissen berichten wollen, wenden Sie sich an uns. Sie erreichen uns per E-Mail unter echo@mittelbayerische.de oder unter der Nummer (0 99 71) 85 22 38.

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