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Besuch

Ein dickes Lob von Claudia Roth

Die Grünen-Politikerin informiert sich in Stamsried über das Flüchtlings-Projekt „Heimat 2.0“ der Chamer Wirtschaftsjunioren.
Von Peter Nicklas

  • Jugendliche im Gespräch mit Claudia Roth, Berufsschulleiter Siegfried Zistler und Frank Betthausen (r.) Foto: Nicklas
  • Manuela Sachs, Frank Betthausen und Richard Brunner informierten über das Projekt „Heimat 2.0“. Foto: Nicklas

Stamsried.Nennen wir ihn Ali, auch wenn er nicht so heißt. Er schreibt gerade am Computer eine Bewerbung. Schon um 6.25 Uhr ist er aufgestanden, um nach dem Frühstück rechtzeitig am Bus zu sein. Mit ihm ist er nach Cham in die Berufsschule gefahren, wo er eine Integrationsklasse mit jungen Leuten besucht, die das gleiche Schicksal wie er hinter sich haben. Mittags ist er heimgekommen, hat gegessen und sich dann am Computer daran gemacht, seine Hausaufgaben zu erledigen.

Die Zahl der unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge, die im Glocknerhof untergebracht sind, ändert sich ständig. Sie lag schon bei 57, derzeit ist sie deutlich niedriger. Am Montagnachmittag besuchte Claudia Roth, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und ehemalige Bundesvorsitzende von Grünen/Bündnis 90, die Einrichtung – und war voll des Lobes. Sie informierte sich in Stamsried über das Flüchtlingsprojekt „Heimat 2.0“ der Chamer Wirtschaftsjunioren.

Beeindruckend für sie war vor allem das hervorragende Zusammenspiel von Wirtschaftsjunioren, Industrie- und Handelskammer, Gemeinde, Vereinen und Jugendamt sowie Berufsschule und dem Kolpingbildungswerk, die gemeinsam alles daran setzen, die Jugendlichen soweit wie möglich zu integrieren und ihnen Zukunftsperspektiven aufzuzeigen.

Bürgermeister Herbert Bauer im Gespräch mit Claudia Roth
Bürgermeister Herbert Bauer im Gespräch mit Claudia Roth Foto: Nicklas

Dass dies von Erfolg gekrönt werden kann, wurde im Laufe des interessanten Erfahrungsaustausches deutlich. Claudia Roth war gewillt, die aufgezeigten Erfahrungen mit nach Berlin zu nehmen und in die aktuelle Diskussion mit einzubringen. In mancherlei Hinsicht sei es an der Zeit, die Gesetzgebung stärker an den gemachten Erfahrungen zu orientieren.

Oliver Schmidt von der Hausverwaltung des Glocknerhofes begrüßte die Gäste. Markus Biebl, Sachgebietsleiter für Jugend und Familie am Landratsamt Cham, informierte über die funktionierende Zusammenarbeit mit dem Kolpingbildungswerk als Kooperationspartner und freier Träger der Jugendarbeit, mit dem man hier gute Erfahrungen gemacht habe.

Zahl jetzt stagnierend

Wie Biebl ausführte, hat die Zahl der unbegleiteten Jugendlichen, die in Deutschland Asyl begehrten, von 2014 an ständig zugenommen. Zunächst wurden die Ankömmlinge in der Jugendbildungsstätte Waldmünchen untergebracht, dann im Stamsrieder Glocknerhof und später auch noch im früheren Erholungsheim Kastell Windsor. In der Spitze waren es 140 Jugendliche, die betreut werden mussten.

Zur Person: Claudia Roth

  • Studium

    Claudia Roth wurde 1955 in Ulm geboren und studierte ab 1974 nach dem Abitur Theaterwissenschaften in München. Bereits nach zwei Semestern wechselte sie 1975 vom Hörsaal ins Theater und wurde Dramaturgieassistentin, später Dramaturgin.

  • Politik

    1985 begann sie als Pressesprecherin für die Grünen im Bundestag zu arbeiten. 1989 wurde sie ins Europaparlament gewählt. Sie blieb bis 1998 Mitglied des Europaparlaments, ab 1994 als Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europaparlament.

  • Abgeordnete

    1998 wurde sie in den Deutschen Bundestag gewählt, von 1998 bis März 2001 war sie Vorsitzende des neu gegründeten Ausschusses für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe. Ihr besonderes Engagement galt und gilt den Politikfeldern Bürgerrechte, Klimaschutz, Demokratie und Anti-Diskriminierung.

  • Parteivorsitz

    2001 wurde Claudia Roth erstmals Parteivorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. Sie wurde bis 2012 mehrfach wiedergewählt. 2013 schied sie aus diesem Amt aus und wurde am 22. Oktober 2013 zur Vizepräsidentin des Bundestags gewählt.

„Vor allem war es schwierig, geeignetes Personal zur Betreuung zu finden“, sagte Biebl. Da die Jugendlichen noch schulpflichtig sind, musste auch der Schulbesuch geregelt werden. Mitarbeiter des Landratsamts sprangen als Vormund für die Jugendlichen ein. Inzwischen sind einige schon volljährig geworden und leben nicht mehr in den Unterkünften, werden aber trotzdem noch weiter betreut. Biebl betonte, auch die Gemeinde habe die Bemühungen des Landratsamtes stets unterstützt und die Unterbringung in Stamsried sei „bislang ziemlich reibungslos“ verlaufen.

Den Alltag meistern

Manuela Sachs, Kreissprecherin der Wirtschaftsjunioren im Landkreis Cham und Leiterin des Projektes „Heimat 2.0“, berichtete über die damit gemachten Erfahrungen. „Wir wollten einen Beitrag leisten“, nannte sie als Motivation, sogenannte „Coaches“ einzusetzen, von denen sich jeder um ein bis vier Jugendliche kümmert, sie „an der Hand nimmt“ und ihnen hilft, die Klippen des Alltags zu meistern.

Dies gilt für die Integration in der Gesellschaft ebenso wie für Schule und Ausbildung. „Diese jungen Leute sollen etwas lernen bei uns, dann aber auch bleiben können“, betonte Manuela Sachs. „Es ist ein Geben und Nehmen“, darin war sich die Sprecherin mit Vorstandsmitglied Frank Betthausen und IHK-Geschäftsführer Richard Brunner einig. Es gebe Wunschvorstellungen, die nicht zu erreichen seien, andererseits aber auch ungeahnte Erfolgserlebnisse. Wichtig sei es, den jungen Leuten Sicherheit zu geben, mit ihnen gemeinsam zu feiern, sie aber auch in dem Bemühen um Integration zu unterstützen.

Lesen Sie hier: Am Make A Difference Day erneuerten die Wirtschaftsjunioren mit jungen Flüchtlingen zwei Freizeit-Anlagen in Stamsried.

„Unglaublich spannende Momente“ hat Frank Betthausen schon mit einem jungen Mann erlebt, den er als Coach unter seine Fittiche genommen hat. Integration gehe nur über zwischenmenschliche Begegnungen – und neue Erfahrungen könnten dabei beide Seiten machen. „Viele eigene Probleme werden dabei kleiner“, sagte der Redaktionsleiter von Bayerwald-Echo und Kötztinger Umschau.

Bürgermeister Herbert Bauer berichtete von einem gemeinsamen Einsatz mit dem Bauhof, bei dem an einem Samstag Kirchbachaue, Barfußweg und weitere Bereiche sauber hergerichtet wurden. Integration müsse vor Ort geschehen, betonte er, in der Gesellschaft und in den Vereinen. Wichtig sei auch, so wurde betont, die Sicherheit für die Jugendlichen, dass sie – wenn sie einen Lehrvertrag in der Tasche haben – nicht die drohende Abschiebung als Damoklesschwert über sich haben.

„Unsere Wirtschaft braucht diese Jugendlichen.“

Richard Brunner

Auch Claudia Roth betonte, dass hier eine Regelung gefunden werden müsse. Sie dankte allen, die hier zusammenwirken, um diesen jungen Leuten „Heimat zu bieten“. Auch der Umgang mit den Traumata, die hinter vielen Jugendlichen liegen, wurden angesprochen. „Unsere Wirtschaft braucht diese Jugendlichen“, so Richard Brunner als Geschäftsführer der IHK mit dem Hinweise auf viele freie Lehrstellen. Ein Besuch und ein Gespräch mit den jungen Leuten, und zwar in Deutsch, bildete den Abschluss.

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