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Erinnerungen an ehrlichen Fußball

Das „Wunder von Bern“ hat Gerd Thill sein ganzes Leben begleitet. In einer Garage in Kagern sammelt er seine Schätze.
Von Petra Schoplocher

Tiefenbach.Wenn sich die fußballbegeisterten Knirpse – damals in den 1950er Jahren – zum Straßenkick trafen, war einer immer Helmut Rahn: Gerd Thill. Wenn der Senior über 60 Jahre später diese Szene(n) beschreibt, funkeln seine Augen und der Zuhörer spürt diese ganz eigene Leidenschaft...

Während diese Geschichte wohl viele Männer erzählen könnten, geht die Geschichte des Gerd Thill weiter. Vielleicht, weil er Helmut Rahn später persönlich kennengelernt hat. Vielleicht, weil dieser ihm einige seiner Trikots geschenkt hat. Vielleicht aber auch, weil Helmut Rahn mitschuld ist an der außergewöhnlichen Sammlung, die Gerd Thill sein Eigen nennen kann.

Es ist noch gar nicht lange her, da bekam der 75-Jährige mal wieder eine Anfrage, ob er nicht dieses oder jenes Sammlerstück Rot-Weiß Essen oder dem Deutschen Fußball Bund vermachen möchte. Möchte er nicht, denn „Original ist original und das gebe ich nicht her“. Schließlich hat Gerd Thill jedes einzelne Stück seiner Fußball-Sammlung persönlich geschenkt oder überlassen bekommen. „Für mich käme es nie in Frage, etwas dazu zu kaufen“, stellt er mit Nachdruck klar. Die Sammlung sei so, wie sie ist, und eben somit perfekt.

Ein Fan von Rot-Weiß Essen

Fotos, Zeitungsausschnitte und viel mehr hat Gerd Thill in über 50 Jahren Sammelleidenschaft zusammengetragen. Mehr dürfte es über das „Wunder von Bern“ nirgends geben.
Fotos, Zeitungsausschnitte und viel mehr hat Gerd Thill in über 50 Jahren Sammelleidenschaft zusammengetragen. Mehr dürfte es über das „Wunder von Bern“ nirgends geben. Fotos: Simon Tschannerl

Trotz einer großen Liebe zu Rot-Weiß Essen, dessen Fan Gerd Thill seit frühester Kindheit ist, ist das Herzstück der Sammlung „Das Wunder von Bern“. Den Großteil der rund 80 Memorabilia hat der Steinbildhauer in seiner Garage in Kagern für eine Ausstellung arrangiert. Viele kleine Schätze, die zusammen einen großen ausmachen. Für ihn persönlich sei der Fritz-Walter-Sekt aus dem Jahr 1954 am wertvollsten. Das älteste Stück der Sammlung ist allerdings ein Foto von 1951 - es zeigt den deutschen Pokalsieger: Rot-Weiß Essen.

„Am Anfang hab ich alles gesammelt, was mit Fußball zu tun hatte“, erinnert sich Thill zurück. Was früher allerdings nicht allzu viel war, erklärt er. Keine Panini-Alben, keine Aufkleber. Dafür allerdings mehr Bodenständigkeit und Ehrlichkeit, wie er findet. „Mit dem heutigen Spiel und den Gagen kann ich nicht mehr viel anfangen“, gibt der Kagener zu - entsprechend abgeflaut ist etwa auch die Euphorie vor Großereignissen wie der Europameisterschaft. „Da schießt einer zweimal ein Tor und schon steht er im DFB-Kader“, wundert er sich.

Gerd Thill, der WM-Sammler aus Kagern

Lieber denkt der 75-Jährige an das Finale in Bern am 4. Juli 1954 zurück. Schon alleine die Tatsache, dass er das Spiel im Fernsehen verfolgen durfte, hat sich ihm eingebrannt. Gesehen hat es der damals 13-Jährige im Tennisheim – als Belohnung, weil er sich als Balljunge immer sehr engagiert zeigte. „Das allein war schon ein Traum“, sagt Thill. Nach dem sensationellen Sieg begann der Jugendliche, jeden Schnipsel zu sammeln.

Später bedingten sich Sammelleidenschaft und ehrenamtliches Engagement. Nach Ende seiner Bundeswehrzeit begann Thill Benefizfußballspiele für Benachteiligte und Behinderte zu organisieren – es sollten rund 30 werden, weit über 100 000 Euro kamen auf diese Weise zusammen. Stets nutzte Thill seine Kontakte – die bei den Kickern aus Essen ihren Ursprung hatten –, um zu helfen und erreichte dadurch Aufmerksamkeit bei anderen Fußballergrößen. Hrubesch, Burgsmüller, Kleff, der „gute Freund“ Willi Lippens oder auch Schiedsrichter-Legende Walter Eschweiler – neben vielen greifbaren Erinnerungen kann Gerd Thill mit unzähligen Gesprächen und Momenten aufwarten, die ebenso unbezahlbar sind.

Vor vier Jahren sind die Thills endgültig nach Kagern gezogen. Zwar teilt Ehefrau Lore die Leidenschaft ihres Mannes für Fußball nicht, erfreut sich aber an den entstandenen Freundschaften. Ganz anders das Faible für Mineralien und Edelsteine – das ist beiden gemein.
Vor vier Jahren sind die Thills endgültig nach Kagern gezogen. Zwar teilt Ehefrau Lore die Leidenschaft ihres Mannes für Fußball nicht, erfreut sich aber an den entstandenen Freundschaften. Ganz anders das Faible für Mineralien und Edelsteine – das ist beiden gemein.

Doch der Steinbildhauer, der nach der Übergabe des Betriebs in Bad Wildungen an seinen Sohn mit seiner Frau Lore nach Kagern übergesiedelt ist, teilt seine Schätze gerne. Zu 50 und 60 Jahre nach dem WM-Endspiel in Bern stellte der Sammler Teile für eine Ausstellung zur Verfügung, erst in der alten Heimat im Nordschwarzwald, später in Bodenmais. Als das „Wunder von Bern“ 2003 verfilmt wurde, organisierte er einen Kick mit Schauspielern und unter anderem Horst Eckel, einem der Weltmeister von 1954, zu dem er ebenso enge Kontakte pflegt. Zu dessen 80. Geburtstag bekam dieser eine handschriftliche Karte von Sepp Herberger – auch diese ist in Gerd Thills Besitz.

Zur Person

  • Persönliches:

    Vor wenigen Wochen ist Gerd Thill 75 Jahre alt geworden. Gefeiert hat er seinen Geburtstag im Ruhrgebiet. Einmal, weil er seit Kindesbeinen an Fan von Rot-Weiß Essen ist. Und weil ihn mit Willi „Ente“ Lippens eine langjährige, enge Freundschaft verbindet. Gefeiert wurde folglich in Lippens Restaurant in Bottrop.

  • Lebensweg:

    Der gebürtige Wuppertaler wuchs in Sprockhövel zwischen Wuppertal und Essen auf, nach der Bundeswehrzeit blieb er im Schwarzwald hängen – der Liebe wegen. In Bad Wildungen absolvierte Thill im Betrieb seines Schwiegervaters eine Ausbildung zum Steinbildhauer. 2004 siedelten Lore und Gerd Thill nach Kagern um.

  • Beruf:

    35 Jahre arbeitete Thill im Familienbetrieb, den heute Sohn Andreas führt. Über Messebesuche, auf denen es neben den „großen“ Steinen auch kleine gab, kamen Lore und Gerd Thill in dem Kurort zu einem zweiten Geschäft, in dem Mineralien und Edelsteine verkauft wurden. Lore Thill entwarf eigenen Schmuck.

  • Ehrenamt:

    Nach seiner Bundeswehrzeit begann Thill, Benefizturniere zu organisieren. An die 30 dürften es gewesen sein, durch die maßgeblich auch die Verbindungen in die Fußballwelt zustande kamen und vertieft wurden,

  • Ausstellung:

    Bei Interesse zeigt Gerd Thill seine Sammlung nach vorheriger Absprache unter der Telefonnummer (0 96 73) 9 14 03 38. (ps)

Für seine Präsentation in der heimischem Garage hat Gerd Thill sogar Flyer drucken lassen, „vielleicht wird ja dadurch auch jemand auf Tiefenbach aufmerksam“, ergänzt er mit Hinweis darauf, dass der Gemeinde ein wenig mehr Wahrnehmung gut täte. Seine Frau Lore darf sich ohnehin als „Hiesige“ fühlen - die 75-Jährige ist sogar noch kurze Zeit in Hannesried in die Schule gegangen, ehe die Familie weg zog. 1974 baute sie sich ein Ferienhaus in Kagern, das jetzt – „wegen der unglaublichen Lage und Landschaft“ – als Alterssitz dient.

„Am liebsten Pilze“

Lore Thill sammelt übrigens auch: „Am liebsten Pilze“, schmunzelt sie. Während sie die Leidenschaft ihres Mannes für alles rund um das runde Leder trotz all der Jahre nicht nachvollziehen kann, verhalf der Zufall dem Ehepaar zu einem gemeinsamen Hobby. Auf Messen _ das Interesse eines Bildhauers für Steine liegt in der Natur der Sache - stießen sie auf Mineralien und Edelsteine. „Da wars geschehen“, erinnert sich Lore Thill. Auch Sohn Andreas ließ sich anstecken, die letzten zehn Berufsjahre fanden mit dem Verkauf von Heilsteinen einen weiteren Schwerpunkt. „Mein Stein ist der Bernstein, seiner der Rubin“, erklärt Lore Thill, die dank ihrer kreativen Ader Schmuck selber entworfen und gefertigt hat.

Wenn es auch das Edelstein- und Mineraliengeschäft nicht mehr gibt: eine Sammlung ist geblieben – in der Garage der Thills, gegenüber den Fußball-Erinnerungen.

Mehr Fotos und alle Teile der Sammlerserie finden Sie unter hier!

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