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Aus Italien wurde Waldmünchen

Renate Hüttner kehrte der Großstadt den Rücken. Ihre Mutter folgte bereits in die Trenckstadt, die Schwester zieht bald nach.
Von Petra Schoplocher

Mutter und Tochter, vereint im Glück. Renate Hüttner und Regina Distler (rechts) sind froh, dass sie in Waldmünchen eine neue Heimat gefunden haben und genießen das Leben und die Landschaft hier.
Mutter und Tochter, vereint im Glück. Renate Hüttner und Regina Distler (rechts) sind froh, dass sie in Waldmünchen eine neue Heimat gefunden haben und genießen das Leben und die Landschaft hier. Foto: Schoplocher

Waldmünchen.Die Oberpfalz wär’ auch schön...“. Als Renate Hüttner diesen Satz vor gut sechs Jahren aussprach, konnte sie nicht ahnen, welche Auswirkungen die dahingesagte Idee eines Urlaubsziels haben würde. Mittlerweile lebt Renate Hüttner seit einigen Jahren in Waldmünchen, im Mai hat ihre Schwester sich mit ihrem Mann in der Trenckstadt ein Haus gekauft und seit Dezember hat Mama Regina Distler im BRK-Pflegeheim ein neues Zuhause gefunden.

Eigentlich sollte dies auch ihre Geschichte werden, weil sie sich binnen kurzer Zeit so mit Waldmünchen, ihren Mitbewohnern und dem Leben hier verbunden fühlt. Doch im Gespräch, zu dem ihre ältere Tochter gerne vorbeischaut, zeigt sich, dass da noch jemand schwer angetan ist von Menschen und Gegend. „Wir sind so glücklich hier“, stellt Renate Hüttner unumwunden klar. Sie ist aus München hergezogen, zuvor hat sie in Stuttgart gelebt. „Das Gewusel da ist, wenn man älter ist, nicht mehr so leicht zu ertragen“, findet sie.

Als sie sich vor sechs Jahren einen Hund zulegten, waren Flugreisen abgehakt. Und nachdem sie ohne Hund nicht in den Urlaub fahren wollten, blieben Alternativziele wie die Oberpfalz. Ein Hundehotel in Rötz war ausgemacht und „als wir da so auf dem Balkon saßen, hat uns die schöne Landschaft fast übermannt“. Bei einem späteren Aufenthalt machte das Ehepaar einen Abstecher nach Waldmünchen, in ein „trotz Regen schönes Städtchen“. Schon damals habe sie „schon so ein Gefühl“ gehabt, erinnert sich Renate Hüttner und unterstreicht, dass sie sich nie fremd gefühlt habe. Plötzlich geriet die Idee, den Lebensabend in Italien zu verbringen – ihr Mann hatte dort drei Jahre gearbeitet – erst ins Hintertreffen und als sich in Waldmünchen ein entsprechendes Haus fand, in Vergessenheit.

Kultur? Besser als in München

Ob sie denn nicht etwa das kulturelle Angebot der Großstadt vermisse? „Da war ich hier schon mehr unterwegs“, lacht die Wahl-Waldmünchenerin. Im Gegensatz zu den großen Bühnen sei man bei Konzerten, Lesungen oder Theateraufführungen „ganz nah dran“. Zudem sei es in München oft schon gar nicht möglich gewesen, für bestimmte Veranstaltungen Karten zu bekommen.

Renate Hüttner macht noch ein anderes Phänomen aus. Seit sie mit ihrem Mann in Waldmünchen lebt, ist der Kontakt zu etlichen Freunden viel inniger. „Manchmal haben wir so viel Besuch, dass wir fast nicht mehr nachkommen“, erzählt sie lächelnd. Dass Waldmünchen ansteckend sein muss, hat auch ihre Schwester Monika erfahren müssen. „Als wir in München gewohnt haben, war sie in zehn Jahren vielleicht einmal zu Besuch, hier war sie schnell vier, fünf Mal“, berichtet Renate Hüttner. Sogar für ihren 50. Geburtstag hatte sich die Schwester Waldmünchen als Kulisse ausgesucht und – so umschreibt es Renate Hüttner augenzwinkernd – dank einer gewissen Entschlussfreudigkeit steht im Herbst der Umzug von Stuttgart nach Waldmünchen an.

Dann aber wäre Regina Distler die einzige der Familie gewesen, die noch in der Schwabenmetropole lebt. „Ich komm’ sehr gerne mit, wollt Ihr’s schriftlich haben?“, sagte sie spontan zu ihren Töchtern, als auch die Jüngere von dem Plan, in Waldmünchen sesshaft zu werden herausrückten. „Ich bin so froh, dass ich das gemacht hab“, sagt die 81-Jährige ein halbes Jahr später auf ihrem Lieblingsstuhl im BRK-Seniorenwohnheim. Am 16. Dezember sei der Anruf gekommen, dass ein Zimmer frei sei, drei Tage später saß Regina Distler das erste Mal in ihrem neuen Zimmer und blickte in die Weite.

Regina Distler

  • Umzug

    Nach 50 Jahren in Stuttgart-Vaihingen hat sich Regina Distler entschlossen, ihren Lebensabend in Waldmünchen zu verbringen. Im Grunde ist es ein Dreifach-Umzug, denn Tochter Renate Hüttner wohnt bereits in der Trenckstadt. Die zweite Tochter Monika hat kürzlich ein Haus Richtung Perlsee gekauft.

  • Herkunft

    Ursprünglich stammt Regina Distler aus Schlesien, wo sie als jüngstes von sieben Kindern geboren wurde. Mit Anfang 20 kam sie nach Stuttgart-Vaihingen. „Ich bin ein alter Schwabe, aber die Sprache hab ich nie gelernt“, schmunzelt sie.

  • Wohnort

    Seit Dezember wohnt die 81-Jährige im BRK-Seniorenheim, in dem 109 Plätze in Einzel- und Doppelzimmern zur Verfügung stehen. 108 Mitarbeiter kümmern sich um die Bewohner. Allein in der Pflege sind 28 Fachkräfte, 42 Pflegehelfer und neun Betreuungskräfte tätig. Auf den persönlichen Umgang wird großen Wert gelegt. Das spiegelt sich auch im Motto des BRK-Seniorenheims wieder: „Unser Haus soll kein Heim, sondern ein Zuhause sein.“ Neben der Grundpflege gibt es eine gerontopsychiatrische Abteilung und einen Snoezelen-Raum. Beide sind in ihrer Art einzigartig im Landkreis Cham. Im September hat das Heim bei der unangekündigten jährlichen Überprüfung des medizinischen Dienstes der Krankenkassen wiederholt die Gesamtnote 1,0 erhalten. (ps)

„Ich hab mich schnell zurechtgefunden“, erzählt die Seniorin, die 50 Jahre in Stuttgart-Vaihingen gelebt hat –und für die nicht klar war, dass ihr Lebensweg noch einmal eine Abzweigung nehmen würde. Natürlich habe sie Bekannte und Freundinnen zurückgelassen, von denen einzelne sogar schon zu Besuch in Waldmünchen waren. „Nein, ein Schmerz war das nicht“, beschreibt Regina Distler ihre Gefühle.

Dass sie in ihrem neuen Zuhause angekommen ist, merkt man nicht nur an den Terminen der Freizeitaktivitäten im Haus, die sie allesamt im Kopf hat. Turnen, Singen, Gedächtnisübungen – selten, dass Regina Distler etwas auslässt. Auch zum „Leidwesen“ ihrer Mitbewohner, die sich gelegentlich wundern, was „die Frau Distler alles weiß“. Während sie bei den Programmpunkten des Hauses die Gemeinschaft genießt, möchte sie ihr Mittagessen lieber in ihren eigenen vier Wänden einnehmen. Distler schwärmt von Mahlzeiten und Auswahl. „Pellkartoffeln mit Quark“, lässt sie wie aus der Pistole geschossen ihr Lieblingsgericht wissen. Tochter Regina ergänzt sichtlich angetan und in Kenntnis aller möglicher anderer Konstellationen von Lieferservice bis Aufwärmen, dass „hier selber gekocht wird“. Also alles bestens? „Schon, wenn das mit den Stufen nicht so ein Problem wäre“, sagt Regina Distler. Denn seit sie sich mit Treppensteigen schwertut, erfordert selbst Essengehen einen gewissen Aufwand. Im Heim selber ist das kein Problem, „ich komm’ überall hin und jeder hilft“, stellt sie anerkennend fest.

„Schöne Willkommenskultur“

Schon der erste Eindruck war mehr als positiv: Ihr Namensschild war bereits angebracht, die Schwestern standen am Tag ihres Einzugs geschlossen vor der Tür. „Eine schöne Willkommenskultur“, freut sich Regina Distler. Auch zu vielen anderen Bewohnern hat sie schnell „einen Draht gefunden“. Natürlich gebe es auch welche, die sich verschlossen zeigten. „Aber ich habe schon viel mit Waldmünchenern geredet und so weiß ich schon einiges“, verrät sie. Nun, da das Wetter besser ist als in ihren ersten Wochen, ist auch mal eine Ausfahrt mit dem Auto „der Jungen“ drin, um die Gegend zu erkunden und das Gehörte zu verifizieren. Wie Tochter Renate verschwendet Regina Distler keinen Blick zurück. „Dafür gibt es hier noch genug Neues“, sagt die 81-Jährige voller Zukunftsfreude.

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