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Schicksal

Beim Abschied flossen die Tränen

Die Familie Ymeri gehört zu den ersten Asylbewerbern in Waldmünchen. Obwohl sie noch keinen Bescheid haben, müssen sie gehen.
Von Petra Schoplocher

„Sie war so lange immer tapfer“, sagt Lisa Deutsch über Fize Ymeri, der der Abschied nach gut 13 Monaten in Beckenhöhle unendlich schwer fällt. Schließlich kullerten bei beiden die Tränen.
„Sie war so lange immer tapfer“, sagt Lisa Deutsch über Fize Ymeri, der der Abschied nach gut 13 Monaten in Beckenhöhle unendlich schwer fällt. Schließlich kullerten bei beiden die Tränen. Foto: Schoplocher

Waldmünchen.Es war ein Abend der Tränen. Ein Abend mit Abschiedsschmerz, Wut und Unverständnis. Nach gut einem Jahr in der Beckenhöhle mussten die Familie Ymeri und Denis Ahmeti am Donnerstag umziehen – in das Ankunfts- und Rückführungszentrum für Asylbewerber aus dem Westbalkan in Bamberg. Allerdings nicht ohne eine Feier, die der Helferkreis und andere Bewohner organisiert hatten.

Mit auf den Weg nahmen die Albaner nicht nur viele gute Wünsche, Empfehlungsschreiben und all das, was sie in den vergangenen gut 13 Monaten in Deutschland gelernt hatten. Übertragen hat sich auf die fünf Flüchtlinge auch das Unverständnis, dass der Familie Ymeri als Roma keine Chance auf Asyl eingeräumt wird – obwohl sie als Minderheit in der Heimat mit Diskriminierungen zu kämpfen hatten – und wohl wieder haben werden. „Keine Schule, keine Arbeit“, bringt es Fize Ymeri auf den Punkt. Was besonders für ihre Söhne bitter ist, denn Tahir ist mit seinen 16 Jahren sehr lernwillig, und auch Andi hat gezeigt, dass er ein zuverlässiger junger Mann ist, der gerne arbeitet.

Das Ziel: Den Weg bereiten

Gerade die Art, mit der die vierköpfige Familie ihr Leben in Deutschland gemeistert hat, macht die Frauen und Männer der Flüchtlingshilfe Waldmünchen so betroffen. Denn alle fünf waren auf dem besten Weg, sich zu integrieren. Vater Perparim arbeitete im Bauhof, Tahir besuchte erfolgreich die Mittelschule und Andi wurde in der Küche der Jubi zum „Maestro der Spülmaschine“. Mama Fize lernte nähen auf der Maschine und schaffte es immer wieder, „aus Nichts etwas zu zaubern“, bescheinigt ihr Lisa Deutsch. So viel Kreativität macht ihr Mut: Mit dieser Einstellung werde es Fize auch in Albanien schaffen, etwas zu verdienen, ist sie sich sicher.

Wie die anderen Helfer – die an diesem Abend zahlreich gekommen sind – versucht sie, den Heimkehrern auch diesen Weg so gut wie möglich zu bereiten. Dazu gehört, dass sie ihnen die Rechtslage erklären. Wenngleich im Fall Ymeri das Unverständnis groß ist. So wurde in allen Anhörungen und Schreiben immer der Status als Roma anerkannt und gewürdigt, „zum Bleiben reicht es offenbar aber nicht“ – im Gegensatz etwa zu Finnland, wundern sich die Betreuer.

Andi Ymeri entdeckte seine Liebe zur Fotografie.
Andi Ymeri entdeckte seine Liebe zur Fotografie. Foto: Schoplocher

Während der 21-jährige Andi bereits einen ablehnenden Bescheid erhalten hat, müssen Eltern und Bruder weiter das tun, was sie seit über einem Jahr zwischen Hoffen und Bangen tun: warten. Theoretisch könnte es sein, dass sich der Aufenthalt in Bamberg dadurch in die Länge zieht. Noch theoretischer könnte der Fall eintreten, dass der Asylantrag doch positiv beschieden wird. „Aber das scheint das System schon vorsorglich nicht vorzusehen“, meint ein Ehrenamtlicher. Also wird sich die Familie wohl in nicht allzu ferner Zukunft in Albanien wiederfinden. Zwar in der Kälte, aber immerhin – wenn alles klappt – im Haus eines Verwandten.

„Es ist ein hartes Leben“

„Wir waschen mit den Händen“, beschreibt Fize Ymeri die Verhältnisse. „Es ist ein hartes Leben“, sagt sie. Mit Bus, Zug und Schiff hatten sie sich 2014 aufgemacht, um dem System zu entfliehen, das sie von Bildung und dem ausschließt, was anderen Albanern möglich ist. Die 39-Jährige spricht von ihresgleichen und im Gegensatz dazu von „weißen Menschen“. Dass gerade die Roma den Deutschen bescheinigen, keine Unterschiede zu machen, lässt auch am Abschiedsabend den einen oder anderen schlucken. „Hier werden Leute respektiert, es gibt keinen Rassismus, kein Schauen, keine Angst“, umschreibt der ältere Sohn seine Erfahrungen.

Das Zentrum in Bamberg

  • Asylrecht

    Seit der Verschärfung des Asylrechts vor wenigen Wochen müssen viele Flüchtlinge aus dem Westbalkan, die bisher woanders untergebracht waren, in das Ankunfts- und Rückführungszentrum für Asylbewerber (ARE) in Bamberg umziehen.

  • Bleiberecht

    Begründet wird der staatlich verordnete Umzug mit der sehr hohen Wahrscheinlichkeit, dass Menschen aus diesen „sicheren Herkunftsländern“ kein Bleiberecht bekommen werden.

  • Platz schaffen

    Auch soll durch die Maßnahme Platz geschaffen werde für jene, die offenbar ein Recht auf Asyl haben, weil sie zum Beispiel aus Syrien stammen.

  • Im Bus nach Bamberg

    Aus dem Landkreis Cham wurden am Donnerstag 57 Personen mit Bussen nach Bamberg gebracht, auf der Liste standen 62. Fünf von ihnen haben in Beckenhöhle gewohnt: die vierköpfige Familie Ymeri sowie Denis Ahmeti.

  • Beckenhöhle

    Die Ymeris waren mit die Ersten, die in der früheren Pension Ramona eine Bleibe fanden. Das war im November 2014.

  • Sprache

    Während Tahir Ymeri die Schule besuchte, arbeitete sein Bruder in der Jugendbildungsstätte, sein Vater war beim Bauhof beschäftigt. Auch Denis Ahmeti arbeitete, alle sprechen mittlerweile gut Deutsch. (ps)

Er hatte gegen seinen abgelehnten Asylantrag Klage eingereicht (der Helferkreis kann auf die Erfahrungen einer Juristin zurückgreifen), diesen aber zurückgezogen, damit die Familie zusammenbleiben kann. Dieser fehlt die Kraft, sich gegen die Bescheide zu stemmen, „freiwillig ausgereist“, wird eines Tages auf der Akte Ymeri stehen – nach Bamberg müssen sie trotzdem. „Die lange Zeit der Ungewissheit hat die Menschen echt zermürbt“, sagen die Helfer, die vor allem schmerzt, dass jetzt gerade die gehen müssten, die schon ein gutes Stück integriert seien.

„Die lange Zeit der Ungewissheit hat die Menschen echt zermürbt.“

Das sagen die Helfer

Abschiedsgrüße in der Schule

Erinnerungsbilder mit Tahir (rechts) und Familienoberhaupt Perparim wurden zuhauf gemacht.
Erinnerungsbilder mit Tahir (rechts) und Familienoberhaupt Perparim wurden zuhauf gemacht. Foto: Schoplocher

Frust macht sich auch breit, wenn sie an Tahir denken – der sich noch nicht einmal von seinen Schulkameraden verabschieden konnte. Mittelschulrektor Kurt Breu musste am Donnerstag in der achten Klasse die Nachricht und die Abschiedsgrüße des 16-Jährigen bestellen, der sich auch seinen Worten nach „so gut eingefügt und verblüffende Fortschritte gemacht hatte“.

Besonders im musikalischen und sportlichen Bereich (für den SV Geigant spielte Tahir sogar in der B-Jugend) habe der junge Albaner herausgeragt, zuletzt habe er sich sogar als Dolmetscher zur Verfügung gestellt. „Er war sehr engagiert und auf einem guten Weg“, bescheinigt Breu, dessen Schule nunmehr 15 Flüchtlinge besuchen – „eine echte Herausforderung“. Den Kontakt zu Tahir will die Klasse aufrechterhalten, berichtet Kurt Breu.

Hier lesen Sie weitere Berichte zum Thema „Flucht und Asyl in der Region Cham“.

Auch in den Reihen des Helferkreises ist die Hoffnung groß, dass es ein Wiedersehen gibt, vereinzelt werden Reisepläne Richtung Albanien geschmiedet. Doch auch über die Nähmaschine, die dank eines glücklichen Umstands schon auf dem Weg zu Verwandten in Italien ist, und die Hammond-Orgel, die sich Tahir so sehr wünscht, hinaus, versuchen die Ehrenamtlichen, den Heimkehrern gute Starthilfen zu geben. Etwa mit Empfehlungsschreiben, für die Albaner sind die Briefe an Jesuitenpatres und eine Schwesternschaft adressiert, „vielleicht können wir denen unsere Leute ans Herz legen und so Arbeit vermitteln“, sagt Lisa Deutsch, die zeigt, dass Engagement und Empathie der Waldmünchener nicht an einem Tag x enden.

Bleiben wird neben der Absicht, den Kontakt aufrecht zu halten, auch die Erinnerung an viele schöne Momente – sowie bei den Helfern eine Gefühlslage, in die sich Unverständnis und Frust mischen.

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