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Berlin-Waldmünchen — und nicht zurück

Als Kind Feriengast, als Frau hier daheim: Die Geschichte von Sandra Henrich und ihrer Familie, die Berlin den Rücken kehrte.
Von Petra Schoplocher

Sandra Henrich mit ihrem Lebensgefährten Timo Pietsch, ihrer Mutter Sieglinde und den neuen Ponys, die natürlich von dem Hof stammen, auf dem die 28-Jährige früher ihre Ferien verbracht hat.
Sandra Henrich mit ihrem Lebensgefährten Timo Pietsch, ihrer Mutter Sieglinde und den neuen Ponys, die natürlich von dem Hof stammen, auf dem die 28-Jährige früher ihre Ferien verbracht hat. Foto: Schoplocher

Waldmünchen.Einmal Berlin-Waldmünchen – und zurück? Fehlanzeige, zumindest für Sandra Henrich, ihren Freund Timo Pietsch und ihre Mutter Sieglinde. „Das ist genau die Stelle hier!“, sagt die 28-Jährige in ihrer Pension Napoleon, die sie im Jahr 2010 gekauft hat und die nun berufliches Standbein und Zuhause zugleich ist. Die junge Frau sagt das mit einem Strahlen in den Augen.

Was aber bewegt einen jungen Menschen aus einer oder gar der deutschen Metropole, die für viele das Ziel ihrer Wünsche ist, nicht nur aufs Land, sondern auch noch so weit weg an die bayerisch-tschechische Grenze zu ziehen? Nein, ein Stadtmensch sei sie bestimmt nie gewesen, lacht Sandra Henrich, die im Alter von drei Jahren mit ihren Eltern das erste Mal in Flischbach Urlaub machte. Damals, 1989, so erinnert sich Mama Sieglinde, hatte die junge Familie gerade einen Garten gekauft. Als im Herbst der Wunsch nach ein paar Tagen Ausspannen groß war, empfahl ein Arbeitskollege ihres Mannes „Fahrt doch nach Flischbach in die Oberpfalz“. Das sei preislich interessant gewesen, und auch die Aussicht auf Natur und Tiere reizte die Berliner Familie – mit nachhaltigen Folgen.

In Erklärungsnot

Bereits beim ersten Aufenthalt konnte sich Tochter Sandra kaum von den Tieren trennen. Als die Kleine nach wenigen Kilometern anfing zu weinen, weil sie sich nicht von allen Vierbeinern verabschiedet hatte, drehte der Papa kurzerhand noch einmal um, erzählt Sieglinde Henrich. Es sollten viele Urlaube und verlängerte Wochenenden folgen, als Jugendliche bestieg Sandra Henrich „wann immer es ging“ alleine den Bus von Berlin nach Rötz. In der Schule wurde das Erklären irgendwann schwieriger. Einmal Urlaub in Bayern, okay, aber immer wieder? Wenn Feste anstanden oder Programm geboten war, waren schon mal Freundinnen dabei, aber „nur so auf den Hof?“ – das war ihrem Umfeld dann doch zu viel.

Ähnliche Erfahrungen machte Mama Sieglinde. Während andere von Griechenland- oder USA-Reisen berichteten, wurde sie für ihr Flischbach-Faible zunehmend belächelt. Zwischendurch habe sie im Urlaub immer mal wieder daran gedacht, dass „ich hier in der Rente leben könnte“; das sei allerdings nicht sonderlich konkret gewesen, erinnert sie sich. Erst, als sie krankheitsbedingt das Arbeiten aufgeben musste und Tochter Sandra sich da längst Richtung Bayern orientiert hatte, schien der Gedanke umsetzbar. Der Zufall wollte es, dass genau gegenüber der Pension Napoleon ein kleines Häuschen zu mieten war – das neue Heim der 56-jährigen Berlinerin.

Der Beste der Oberpfalz

Der erste der Familie, der auf dem Papier „ein Bayer“ wurde, war allerdings Timo Pietsch. Der 26-Jährige hatte sich nach vier Jahren bei Audi in Berlin und dem Hineinschnuppern in ein Studium („das war nichts für mich“) für eine Ausbildung entschieden. Und zwar in der bayerischen Wahl-Heimat. In der Hauptstadt hatte er sich erst gar nicht beworben. Wie richtig der Schritt war, zeigte sich erst kürzlich, als der beste Kfz-Mechatroniker der Oberpfalz geehrt wurde: Es war Timo Pietsch, der „sein Ding“ gefunden hat. Nun allerdings geht es für den jungen Mann zumindest für ein Jahr zurück nach Berlin. Weil er in der Oberpfalz zwei Jahre Wartezeit in Kauf nehmen müsste und die Meisterschule zudem auf drei Standorte verteilt wäre, entschloss sich der 26-Jährige, die Weiterbildung Vollzeit in Berlin durchzuziehen. Mit etwas Zähneknirschen. „Schade, dass das anders hier nicht möglich war.“

Neben Timo Pietsch, Sandra und Sieglinde Henrich ist auch Charly mit nach Arnstein gezogen. Der kleine Hund trägt zwar noch eine Berliner Marke und gehört eigentlich Timo Pietschs Bruder, allerdings haben sich seine Aufenthalte immer mehr verlängert. „Einmal hat er sich versteckt, als es eigentlich zurück gehen sollte“, erzählt Sieglinde Henrich schmunzelnd. Sie selbst hat den Schritt aufs Land noch keinen Moment bereut, wenngleich ihr Mann noch einige Jahre in Berlin wird arbeiten müssen. „Aber er kommt, so oft es geht“, relativiert sie.

Ein Blick in die Statistik

  • Momentaufnahme

    6734 Einwohner zählte der städtische Computer zu Ende dieser Woche. Die Zahl ist eine Momentaufnahme. Die letzte offizielle Meldung datiert vom 31. Dezember 2014 und wies 6743 Hauptwohnsitze aus.

  • 1021 Umzüge

    Im Zeitraum vom 1. Januar 2010 bis zum 31. Dezember 2014 zogen insgesamt 1472 Personen zu. 1253 verließen hingegen Waldmünchen. Innerhalb der Stadtgrenzen führt die Statistik 1021 Umzüge auf.

  • Bayern

    Die meisten Menschen suchten sich in Bayern ein neues Zuhause, auch „die Neuen“ hatten in 1030 Fällen vorher schon in Bayern gewohnt.

  • Deutschland

    Außerhalb Bayerns kamen die meisten Wahl-oder Zeit-Waldmünchener aus Baden-Württemberg (56 Zuzüge), Hessen (29), Nordrhein-Westfalen (27) und Berlin (22).

  • Bilanz

    Die Bilanzen für Brandenburg, Bremen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen sowie Sachsen fallen negativ aus: Mehr Menschen zogen dorthin als kamen.

  • Kosten

    Vor allem einen Beweggrund für einen Zuzug kann Dieter Knopf, Leiter der Einwohnermeldeamts der Stadt, nennen. Im Vergleich zu Großstädten betragen etwa Miet- und Lebenshaltungskosten nur etwa ein Drittel.

  • Lebensqualität

    Auch die Lebensqualität und die schöne Landschaft werde immer wieder genannt. Überrascht seien viele beim Anmelden auch, dass sie „keine Nummer ziehen oder einen Tag warten müssen“.

  • Meldegesetz

    Gründe, warum Bürger Waldmünchen den Rücken kehren, erfahren die Mitarbeiter hingegen nicht. Das Meldegesetz sieht schon seit 2007 keine Abmeldung mehr vor (Ausnahme: Umzug ins Ausland). (ps)

„Die Ruhe und die Freundlichkeit der Menschen hier“, ist das Erste, was sie als das Wertvolle der Region ausmacht. In Berlin würde viel mehr gemotzt, selbst Einkaufen sei Stress. „Da wird man schon mal zur Seite geschubst“, erzählt sie. Oder es geht nach dem Motto: „Kiekste bloß oder kaufste auch was“, ergänzt Timo Pietsch. Er musste genau einmal wieder in der Hauptstadt U-Bahn-Fahren, um zu wissen, dass „das nicht mehr meins ist“. Berlin sei zudem extrem anonym, gibt er seinen Eindruck wieder.

Was fehlt? Die Currywurst!

Natürlich gebe es Ausnahmen, doch im Grunde bestehe der Alltag in Berlin aus Hektik und Unfreundlichkeit, fasst Sieglinde Henrich zusammen. Schon während der Zeit, als sie „nur“ zum Urlauben in der Waldmünchener Gegend waren, hätte sie nur hier eingekauft – und sei nicht selten von Arbeitskolleginnen auf ihre Garderobe angesprochen worden.

Deswegen verstehen die Henrich-Damen auch die Kritik mancher Einheimischer nicht, dass nichts geboten sei. Denn bei genauem Hinschauen könnten sich die Angebote in Gastronomie oder Freizeitgestaltung mehr als nur sehen lassen. „Und wenn es dann was geben würde, was gefordert wird, würden genau die nicht hingehen, die es fordern“, erklärt sie mit Bedauern ihren Eindruck.

Ob denn dann gar nichts fehlt? „Ne richtig gute Currywurst“, entfährt es Sandra und Sieglinde Henrich gleichzeitig. Gibt es zwar hier auch, ist aber nicht das gleiche. Oder mal Indisch essen gehen, aber „nichts wirklich Wichtiges“, wie Sandra Henrich relativiert. Die Möglichkeiten auszugehen, bezeichnet das junge Paar hingegen als ausreichend. Timo Pietsch würde sich wünschen, mal ’ne Pizza geliefert zu bekommen, „das ist noch ein bisschen aus der Zeit“, meint er, und natürlich müsse man von Arnstein aus für jede Kleinigkeit ins Auto steigen „mit dem bergauf-bergab“.

Auf der anderen Seite ist es aber auch genau für ihn das hügelige Profil, das den Reiz der Gegend ausmacht. „Zusammen mit den Farben, die es nur hier gibt“, ergänzt seine Freundin. Die Arbeitskollegen, die im Jahr 1989 den Kontakt nach Flischbach vermittelt haben, haben ihr Haus in Berlin vor kurzem verkauft. Berlin-Waldmünchen? Offenbar ein Weg, der nicht nur für Sandra Henrich und ihre Familie der richtige ist.

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