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„Das ist hier wie im Urlaub“

Weil sie auf dem Heimweg nach Stuttgart noch Eier mitnehmen wollten, wohnen Gudrun und Uwe Albrecht jetzt in Untergrafenried.
Von Petra Schoplocher

  • „Alles richtig gemacht“, lautet das Fazit von Gudrun und Uwe Albrecht. Foto: Schoplocher
  • Das alte Zuhause in Stuttgart haben die Albrechts verkauft. Foto: Albrecht

Waldmünchen.Es war der übliche kleine Umweg, den Gudrun und Uwe Albrecht immer nahmen, wenn sie nach ein paar Tagen Urlaub an der deutsch-tschechischen Grenze die Heimfahrt nach Stuttgart antraten. Dieser Tag im vergangenen Jahr aber sollte alles verändern, denn zufällig kam das Gespräch auf die Absicht des Ehepaares, „vielleicht in der Gegend ein Häuschen zu mieten“. Wie es der Zufall oder das Schicksal wollte, kam postwendend der entscheidende Tipp zu einem Haus in Untergrafenried, das „wohl zu haben sein könnte“.

War es. Gleich beim nächsten Besuch begutachteten die Albrechts das Haus von außen, riefen den Vermieter an und waren beim Besichtigungstermin gleich hin und weg. „Eigentlich war beim ersten Gespräch mit den Daschners schon alles klar“, erinnert sich Uwe Albrecht. „Lage toll und innen ein Traum“, ergänzt seine Frau. Die beiden fackelten nicht lange, verkauften ihr Haus in Stuttgart-Weilimdorf, Gudrun Albrecht erklärte ihrem Chef, dass sie nach 25 Jahren in ihrem Automobil-Zuliefererbetrieb kündigen wolle, und sie machten die Sache mit Untergrafenried wasserdicht.

„Für uns war schon immer klar, dass wir weg sind, wenn wir es uns leisten können“, erzählt Gudrun Albrecht von grundsätzlichen Überlegungen. Allerdings hätten sie früher eher an die Seychellen gedacht („das war immer unseres“), lacht die 56-Jährige. Weniger lustig war die ungeplante Verkürzung ihrer Restarbeitszeit. Ende März hatte sie sich mit ihrem Arbeitgeber auf eine Vertragsauflösung geeinigt, dann sorgte ein gebrochenes Handgelenk Ende Januar dafür, „dass es mit Schaffen vorbei war“. Einhändig einen Umzug stemmen? Auch kein Spaß, zumal Termine beim Krankengymnasten hinzukamen. Aber das ist fast abgehakt. Fast, weil eine Platte noch entfernt werden muss. Nach Stuttgart fährt sie deswegen nicht, „das machen die in Cham schon“, meint die Wahl-Waldmünchenerin zuversichtlich.

Von Hilfsbereitschaft angetan

Die Hilfsbereitschaft der Nachbarn und die Offenheit der Menschen – die Albrechts haben noch nicht eine Sekunde mit ihrem Entschluss gehadert. „In Schwaben wäre dir das nicht passiert, dass dir einer anbietet, dich 300 Kilometer entfernt abzuholen“, erzählt Uwe Albrecht von einem so formulierten Angebot seines Vermieters. Hans Daschner habe sogar das Auto mit Sachen der Albrechts vollgepackt, als er mal in der Nähe von Stuttgart war und diese in Untergrafenried ausgeladen. „Wahnsinn!“, kommentiert das Ehepaar das.

Von ähnlichen Erlebnissen können die beiden noch einige beisteuern, zusammenfassen können sie es unter dem Gefühl, willkommen zu sein. Beim Maibaumaufstellen durfte der 58-Jährige sogar mit hinlangen, ein Besuch im Stodl-Kino oder die Premiere der Trenckfestspiele war für sie ebenso ein Pflichttermin des Herzens wie die Aufnahme von Gästen aus der Partnerstadt Combourg. „Hier gilt ein Handschlag noch etwas“, stellt Uwe Albrecht anerkennend fest, es habe „von Anfang an einfach gepasst“.

Urlaub an der Grenze

  • Hund

    Eine Ferienwohnung in Höll war vor drei Jahren das Urlaubsziel von Gudrun und Uwe Albrecht aus Stuttgart. Ausgesucht hat sie das Ehepaar damals, weil ihr Hund mitdurfte.

  • Miete

    Mindestens zwei Mal im Jahr sind die Albrechts nach ihrem ersten Aufenthalt nach Waldmünchen gefahren. Zum 1. Mai haben die Ex-Stuttgarter ihren Lebensmittelpunkt nach Untergrafenried verlegt, wo sie zur Miete wohnen.

  • Schließung

    Von den mehreren Ferienwohnungen, die früher in Höll angeboten wurden, gibt es keine mehr. Auch das Hotel Hölzlwirt am Grenzübergang Höll ist seit Ende 2013 geschlossen.

  • Geheimtipp

    In Grenznähe bietet sich somit derzeit nur ein Gasthof mit Pension in Steinlohe an. Allerdings hat Sigrid Frei vom Tourismusbüro der Stadt einen anderen Geheimtipp an der Grenze. In Wassersuppen werden zwei Ferienwohnungen in einer Villa angeboten.

Gudrun Albrecht liest gerade ein Buch über Sagen aus der Gegend, ihren Erkundungsradius ziehen sie gerade in Tschechien. Wenn sie dann „mal wo zum Essen oder auch abends auf der Terrasse“ sitze, denke sie oft, dass das wie Urlaub sei. „Ich freu mich jeden Tag“, sagt Gudrun Albrecht und schwärmt von Perl- und Drachensee, von Schlössern und Burgen. Hinzu kämen die gute Luft, die nicht vergleichbar sei mit dem, was man in der Stuttgarter Kessellage einatmen müsse.

Wie neu: Ihr Häuschen aus dem Jahr 1995 war als Zweitwohnsitz gedacht.
Wie neu: Ihr Häuschen aus dem Jahr 1995 war als Zweitwohnsitz gedacht. Foto: Schoplocher

Uwe Albrecht weist auf die Lebenshaltungskosten hin. Metzger oder Restaurantbesuch – „in Stuttgart legst du locker das Doppelte hin“, berichtet er. Auch das Einkaufen an sich sei entspannter. „Keine Schlangen, keine Hektik wie in der Stadt“, erzählt die 56-Jährige von ihren Erfahrungen, die sie schon mit Freunden aus der alten Heimat geteilt hat. Diejenigen, die sie in den vergangenen Wochen besucht hätten, seien allesamt sehr angetan gewesen, ihre Entscheidung auf sehr viel Zustimmung – selbst bei ihren Eltern – gestoßen. In Sachen Geselligkeit gehen die Punkte ebenso eindeutig an Waldmünchen. Die Schwaben würden eher ausspechten, wo sie alleine sitzen könnten, hier heißt es in der Albrecht'schen Übersetzung: „Hocket euch dazu, kommet her“.

Wohlfühlfaktor Nachbarschaft

Zum Wohlfühlfaktor trägt auch die Nachbarschaft in Untergrafenried bei, in der die Albrechts nicht die einzigen Zugezogenen sind. Memminger, Hessen und zehn Hunde bis hinauf zum Kramhof, fasst der gelernte Installateur und Lastwagenfahrer die Eckdaten zusammen. Dass zu diesen auch erhebliche Probleme mit Internet- und Telefonanschluss gehörten, lächeln die beiden weg. „Jetzt geht’s ja“, sagt Uwe Albrecht entspannt.

Aber eines gibt es dann noch, was Gudrun Albrecht vermisst. „Trollinger“, sagt sie. Den Wein gibt es zwar in Flaschen zu kaufen, aber nicht im offenen Ausschank auf Festen. Aber nachdem auch die Albrechts hier schon einige Schwaben kennengelernt haben und Uwe Albrecht augenzwinkernd schon von einer baden-württembergischen Enklave spricht, kann das ja vielleicht noch werden.

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