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Der Volltreffer in ein neues Leben

Wie sich Philipp Pirners Ansicht zum Sprichwort mit dem „alten Baum“ geändert hat – und er in Waldmünchen das Glück fand.
Von Petra Schoplocher

Ein typischer freier Tag im Hause Pirner. Die Jungs spielen im Garten, die Großeltern kommen die paar Meter rüber zu Besuch und gemeinsam genießen sie, dass sie ihr Idyll gefunden haben.
Ein typischer freier Tag im Hause Pirner. Die Jungs spielen im Garten, die Großeltern kommen die paar Meter rüber zu Besuch und gemeinsam genießen sie, dass sie ihr Idyll gefunden haben. Fotos: Schoplocher

Waldmünchen.Als Philipp Pirner Ende 2012 im heimischen Esslingen mit den Umzugsgedanken seines Sohnes Bernd konfrontiert wurde, gab es für den heute 79-Jährigen zwei Erkenntnisse: Alte Bäume verpflanzt man nicht und „ich ziehe sicher nicht ans Ende der Welt, was tu’ ich im Wald?“.

Knapp zweieinhalb Jahre später sitzt Philipp Pirner mit seiner Frau Inge (77), Sohn Bernd (46) und Schwiegertochter Nadine in deren Haus in Waldmünchen, die Enkelsöhne Max und Mika springen immer mal wieder ins Zimmer. Pirner strahlt eine zufriedene Ruhe aus und revidiert seine Einstellung von früher. „Wenn mich jetzt jemand fragen würde, würde ich sagen, dass man einen alten Baum sehr wohl verpflanzen könnte“. Noch mehr als ihrem Mann ist Inge Pirner das Wohlbehagen anzusehen, das der Umzug im Dezember dem Ehepaar gebracht hat –und das nicht nur, weil sie in Nähe der Familie und der Enkel sind, die „mir so sehr gefehlt haben“.

„Hier gibt’s noch Freundlichkeit“

Es gibt eine Reihe von Momenten, die der 79-Jährige anführen kann, um sein Befinden hier bildlich zu beschreiben. Erst neulich sei sein Blick beim Tanken oberhalb der Stadt umhergewandert. „Es gibt nichts Schöneres als Waldmünchen“, sei ihm da durch den Kopf geschossen. Neben der Landschaft – Inge Pirner ergänzt die „sagenhafte Frische der Luft“ – schließen er und seine Frau ausdrücklich die Menschen ein. „Hier gibt es noch echte Freundlichkeit“, sagt Inge Pirner bewegt. Das sei schon bei den Behördengängen im Rathaus losgegangen und ziehe sich durch Einkäufe und Gespräche auf der Straße. Auch Bedenken wegen der ärztlichen Versorgung hätten sich relativiert. Mit dem Auto sei es ein Katzensprung nach Cham oder Roding. Auch in Esslingen habe man von daheim erst ins Zentrum zum Arzt kommen müssen.

Die hübsche Krankenschwester

„Schuld“, dass es Inge und Philipp Pirner nach Waldmünchen verschlagen hat, ist Sohn Bernd. Er sollte von seinem Arbeitgeber in Stuttgart aus das Pflegestift kommissarisch leiten – das war 2006. Aus 14 Tagen wurden neun Monate und als die Arbeit nach zwei oder drei Monaten auch den Blick rechts und links des Schreibtisches erlaubte, fiel ihm auf, dass es „hier eine ganz nette Schwester gibt“ – die ist mittlerweile seine Frau.... Zunächst aber ging es zurück nach Esslingen, wo Nadine Pirner Arbeit fand, die Besuche in Waldmünchen beschränkten sich auf Abstecher zu ihrer Familie. Eines Tages machte sich Bernd Pirner bei einem dieser Besuche den Spaß, auf dem nagelneuen Tablet nach Immobilien zu suchen.

Das Haus in Cham, von dem der 46-Jährige im Exposé zunächst glaubte, „dass da eine Null fehlen muss“, wurde es dann zwar nicht, der Gedanke an ein Häuschen hier („in Esslingen unvorstellbar“) ließ das junge Paar aber von diesem Moment an nicht mehr los.

Der Sprung ins kalte Wasser

Als dann das Haus in der Bahnhofstraße, in dem Nadine und Bernd Pirner mittlerweile mit ihren Söhnen Max (5) und Mika (3) leben, angeboten wurde, war der Weg klar. „Das machen wir!“, erinnert sich Bernd Pirner an den Entschluss, das Haus zu kaufen, auch ohne Arbeitsstelle hier. „Ich hatte Zutrauen in meinen Beruf“, sagt der gelernte Altenpfleger, der seit Oktober 2014 offiziell Leiter des Pflegestifts ist.

Der Weg nach Waldmünchen

  • Herkunft

    Ursprünglich kommt Familie Pirner aus Esslingen am Neckar. Esslingen liegt etwa zehn Kilometer südöstlich vom Zentrum Stuttgarts. Knapp 90 000 Menschen leben in dem Mittelzentrum. Das Leben ist geprägt von der Lage Esslingens am Neckar an einer Engstelle des Neckartals – eine Art Kessel.

  • Erster Kontakt

    Der gelernte Altenpfleger Bernd Pirner wurde 2006 in Waldmünchen gebraucht“, wie sein Arbeitgeber „Dienste für Menschen“ fand. Dort kam die Liebe in Person seiner Frau Nadine ins Spiel, die im Pflegestift als Krankenschwester arbeitete. Sie begleitete ihn nach Esslingen.

  • Rückkehr

    2013 entschloss sich kleine Familie Pirner, zu der sich in der Zwischenzeit Max und Mika gesellt hatten, in Waldmünchen ein neues Leben zu beginnen. Am 2. Dezember 2014 folgten Bernd Pirners Eltern Inge und Philipp.

  • Arbeit

    Die Dienste für Menschen gGmbH betreibt als diakonischer Altenhilfeträger Pflege- und Wohnstifte, ambulante Dienste und Diakoniestationen. Eine der 20 Einrichtungen in Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen befindet sich in Waldmünchen. Über 1300 Pflegebedürftige werden von rund 1700 Mitarbeitern betreut. Bernd Pirner leitet das Haus in der Waldmünchener Residenzstraße mit seinen 35 Pflegeplätzen offiziell seit Oktober 2014. (ps)

Natürlich habe es Bedenken gegeben, das Risiko sei nicht gerade gering gewesen. Im Nachhinein steht aber die Erkenntnis „alles richtig gemacht“, wie die ganze Familie einmütig unterstreicht. Während sich Inge Pirner mit der Idee, den Jungen zu folgen, relativ früh anfreunden konnte, war das für ihren Mann außerhalb der Vorstellungskraft. „Ich hab aber immer gehofft, dass wir ihn irgendwann noch soweit kriegen“, gesteht die 77-Jährige. Und dann kam er tatsächlich, der Moment, in dem es bei Philipp Pirner „klick“ machte.

Der fehlende Grundstress

Bei einem der Besuche erblickte er im Residenzpark einen Senior, der mit Nordic-Walking-Stöcken unterwegs war. „Das könnte ich mir auch vorstellen“, erinnert er sich an seinen Gedanken. Als er das seiner Familie erzählte und diese das in Zusammenhang zu einer anderen Aussage, dass „diese Häuschen da am Residenzpark ganz schön sind“, stellte, war Philipp Pirners Schicksal besiegelt. Als sein Sohn wenig später am Telefon das Thema zur Sprache brachte, war das Häuschen schon gemietet...

Der Abschied von Esslingen ist nicht leicht gefallen, immerhin gab es da ein mühsam abgespartes Eigenheim, Freunde und das gewohnte Umfeld. Dennoch fühlen sich die Senioren hier schon heimisch. Das gern benutzte Schlagwort Lebensqualität untermalen sie mit „Wurst, die schmeckt“, hervorragendem Brot und dem fehlenden Grundstress, der in der Großstadt herrscht und schon bei der Parkplatzsuche beginnt.

Die Mission der Waldmünchner

Manchmal hat Philipp Pirner das Gefühl, die Waldmünchener ein wenig zu missionieren. Viele fühlten sich „chronisch vom Leben benachteiligt“., so Pirners Einschätzung nach vielen Gesprächen –in denen er manches Mal erklärt hat, „warum er ans Ende der Welt ziehe“. Dann zählt er all das auf, was die Einheimischen vielleicht gar nicht oder als selbstverständlich wahrnehmen. Wie eben den Gang zum Metzger, der in Esslingen sehr teuer war und die Grundversorgung, die in allen Bereichen gegeben ist. Oder, dass die Menschen hier zu allem einen Bezug haben, dass ein Fest noch mit- und füreinander ausgerichtet wird.

Nadine und Bernd Pirner freuen sich, dass sie ihren Söhnen etwas bieten können. „Mit diesem Gefühl kann ich abends zufrieden ins Bett gehen“, fasst der Pflegestiftleiter zusammen. Neben dem kulinarischen Mehrwert, den er für sich persönlich ausmacht, stimmt er seinen Eltern in deren Einschätzung der allgemeinen Freundlichkeit zu.

Auch er habe einzelne Bedenken gehabt, „für die ich mich mittlerweile beinahe schäme“, gibt er zu. Aber das ist vergessen, was zählt, ist das Jetzt. Und die Tatsache, dass „wir von der Stadt begeistert sind“, wie Inge Pirner sagt. „Und dass man hier leicht Wurzeln schlagen kann.“

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