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Die erste Dose gab’s von der Baronin

Max Reitmeier aus Waldmünchen sammelt Dosen und Schachteln. Alles hat mit einem Dank fürs Hunde-Ausführen begonnen.
Von Martin Hladik

Waldmünchen.Mit einem kleinen versilberten Döschen hat alles angefangen. „Da hat die Baronin immer ihre Briefmarken aufbewahrt. Das Döschen stand auf ihrem Schreibtisch“, erzählt Max Reitmeier. Er spricht über die Freifrau von Berchem in Herzogau. Dort war seine Mutter Köchin, sein Vater Braumeister. Eines Tages hat er das Döschen geschenkt bekommen, als Belohnung fürs Gassigehen mit dem kleinen Terrier der Baronin. Das war für den damals zehnjährigen Maxl der Beginn einer fast lebenslangen Leidenschaft. Auch wenn er seit rund 20 Jahren keine Dosen und Schachteln mehr sammelt, der Sinn für die schönen Verpackungen hat ihn nie verlassen. Beim Gespräch für diese Geschichte sagte er: „Ich weiß gar nicht, welche ich zeigen soll. Sie sind alle schön.“

Einen besonderen Reiz haben für Max Reitmeier kleine Döschen aus China und Indien. Die hat er in seinen 30 Jahren bei Siemens in Cham von Kollegen bekommen, die im Außendienst waren. Die kleinen Döschen sind aus ganz verschiedenen Materialien: manchmal aus Holz, manchmal aus Pappmache, meist aber aus versilbertem oder vergoldetem Metall. Auch wenn der Materialwert gering sein dürfte, die reiche Verzierung mit Lacken, Emaille oder Einlegearbeiten zeigt ein hochstehendes Kunsthandwerk.

Zettel mit chinesichen Zeichen

Max Reitmeier
Max Reitmeier Foto: Tschannerl

Wieviel Geld die Döschen in runder, eckiger oder in Schmetterlingsform tatsächlich gekostet haben, weiß Reitmeier nicht. Er habe die Dosen geschenkt bekommen oder gegen andere Gefälligkeiten getauscht. Bezahlt habe er sie jedenfalls nicht. Beim Öffnen eines der Döschen fällt ein Zettel mit chinesischen Schriftzeichen heraus. Das sieht wie eine Rechnung aus, auf der die Zahl 66 steht. Sollte es sich dabei tatsächlich um 66 Yuan gehandelt haben, dann wären das heute rund neun Euro für das Döschen.

Sein ältestes Stück, eine Zuckerdose aus Zinn, hat Reitmeier als Gegenleistung für das Aufstellen einer Küche erhalten. Die Dose entspricht einer Vorlage des Klassizismus um 1800. Die Dose selbst dürfte später entstanden sein. Eine barockes Vorbild hat eine andere Zuckerdose. Das Döschen aus dem 20. Jahrhundert gehört zu einem versilberten Porzellangeschirr mit der Bodenmarke Bavaria. Die Geschichte dahinter ist aber viel spannender. Die Familie von Reitmeier lebte eine Zeit lang in Nienburg an der Weser. Dort hatte sie Kontakt zu einem Mann, der zuvor als Diener bei Ernst August von Hannover gearbeitet hatte, der 1954 gestorben war. Das Geschirr ist aus dem Haushalt dieses Urenkels von Wilhelm II, berichtet Reitmeier.

Sammler und Sammlung

  • Zur Person

    Max Reitmeier wurde 1947 in Her zogau bei Waldmünchen geboren. Seine Mutter kochte für die Baronin Emilie Freifrau von Berchem bis zu deren Tod 1957. Sein Vater war der Braumeister in der Schlossbrauerei in Herzogau. Viele seine Anregungen als Sammler bekam Reitmeier bereits als kleiner Junge. Die Baronin schenkte ihm Briefmarken und Dosen, als Belohnung für die Betreuung ihres kleinen Drahthaarterriers.

  • Die Sammlung

    Seine Sammlung führte er fort, als seine Familie nach Nienburg an der Weser umzog. Den Kontakt zu Waldmünchen hat er aber nie verloren. Hier lernte er auch seine Frau Friederike kennen. Sie heiraten 1969 und ziehen nach Waldmünchen. Dort hilft Reitmeier im Umzugsunternehmen der Schwiegereltern mit und bekommt immer wieder Dosen, die Menschen beim Umzug loswerden wollen. Ab 1972 arbeitet Reitmeier bei Siemens und wird in Cham Fertigungsplaner. Immer wieder erhält er von Kollegen aus China und Indien fein gestaltete Dosen. Schluss und Höhepunkt dieser Sammelleidenschaft ist 1992 eine Ausstellung in der Sparkasse Waldmünchen.

  • Der Sammler

    Passionierten Flohmarktgängern ist die Spezies der Sammler von Dosen und Schachteln gut bekannt. Auf nahezu jedem Flohmarkt kann man diesen Sammlern begegnen. Gesucht werden allerdings meist sehr alte Dosen. Dass diese Stücke in den letzten Jahrzehnten rar und teuer geworden sind, beklagt Walter Tafelmeier in einem Nachwort zu einem Fotobuch über alte Dosen, das in der bekannten Reihe „Bibliophile Taschenbücher“ erschienen ist. Die meisten Sammler konzentrieren sich dabei auf alte Verpackungen vor den 60er Jahren und strukturieren ihre Sammlung nach den früheren Inhalten wie Kaffee, Tee, Zigaretten etc. Ein besonders Sammelgebiet sind auch die alten Lebkuchendosen aus Nürnberg. Es gibt sogar Museen, die sich mit Dosen und Verpackungen beschäftigen. Bei einer kleinen Internet-Recherche haben wir zum Beispiel das Deutsche Verpackungsmuseum in Heidelberg entdeckt.

Echte Lokalgeschichte erzählt eine selbst gemachte Schachtel aus dickem Plexiglas. Darauf sind die Jahreszahl 1944 und zwei Blumenmotive eingeritzt. Die Zigarettenschachtel habe sein Vater aus dem Plexiglas eines abgeschossenen Fliegers gemacht, sagt Reitmeier. Eine Heimatgeschichte ganz anderer Art erzählen drei Spanschachteln. Die habe er von Franz Pillmeier, der die Schachteln eine Zeit lang auch in Herzogau herstellte. Das Unternehmen existiert heute noch in Katzbach, und dürfte mittlerweile einer der letzten bestehenden Spanschachtelhersteller sein.

Sammler-Serie: Dosensammler Max Reitmeier aus Wald

Deutsch-tschechische Geschichte

Tief in die deutsche und tschechische Geschichte verweist eine andere, kleine handgemachte Holzschachtel. Mit Anker, Rettungsring und Stechpaddeln verziert, trägt sie neben zwei Initialen eine tschechische Aufschrift mit den Jahreszahlen 1936-38 Terezin. Bis 1938 war Theresienstadt eine Garnisonsstadt in der Tschechischen Republik. KZ und Ghetto wurde Theresienstadt erst nach der Besetzung durch das Deutsche Reich ab 1940. Reitmeier hat das Schächtelchen von einem Bekannten erhalten, der bei einer Pioniereinheit war.

Wie wertvoll und aufwendig ganz profane Gegenstände verpackt waren, zeigen ein paar Schachteln, die im Besitz der Baronin waren. Reitmeier zeigt auf eine mit grauem Stoff umhüllte Schachtel, die mit Blumenranken verziert ist: „Jugendstil“, sagt er und öffnet das Kästchen. Drin liegen feine weiße Lederhandschuhe zum Reiten, die die Baronin nutzte.

Mit einem Stoff überspannt, der eine Reitszene zeigt, ist ein anderes recht stabiles Kästchen. „Da waren Pralinen drin“, sagt Reitmeier und dreht das Kästchen um. Auf dem Boden klebt ein siegelförmiges Zettelchen mit der Aufschrift „Adolf Schürnbrand, Hofconditorei - Regensburg“. Konfekt dürfte auch die aufwendig mit Brandmalerei gestaltete Kiste enthalten haben, die Reitmeier auf dem Foto in Händen hält. Ein anders Holzkästchen, das wahrscheinlich Zigaretten enthalten hat, zeigt auf dem Deckel einen Bauernhof in Intarsienarbeit. Reitmeier besitzt viele Blechdosen für Zigaretten: Angefangen bei der heute noch existierenden Marke „NIL“ bis hin zur Marke Batschari, die um 1900 der größte Arbeitgeber in Baden-Baden war.

1994 zeigte Max Reitmeier seine Sammlung schon einmal der Öffentlichkeit, im Rahmen einer Ausstellung bei der Sparkasse. Danach war sie für ihn abgeschlossen. Er reduzierte die Sammlung von einst 400 Stücken auf platzsparende 150 und wandte sich einem neuen Sammelgebiet zu. Heute sammele er Schlüssel und Schlösser, Petroleumlampen und Glas aus der Region Waldmünchen. Seine letzten zwei Dosen – es waren die ersten, die er kaufte –erwarb Reitmeier kurz nach der Grenzöffnung bei einem Antiquitätenhändler in Tschechien.

Alle Teile unserer Sammler-Serie finden Sie hier

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