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Die Hemmschwelle scheint (zu) hoch

Die Resonanz auf die Sprechstunden der Suchtberatung ist mager. Dabei steigen die Zahlen derer, die mit Alkohol und Co. kämpfen.
Von Petra Schoplocher

Ob Internet- oder Spielsucht, ob Alkohol- oder Drogenprobleme: Die Suchtberatung steht Betroffenen wie Angehörigen offen. Trotz steigender Fallzahlen bleiben die Angebote jedoch oft ungenutzt.
Ob Internet- oder Spielsucht, ob Alkohol- oder Drogenprobleme: Die Suchtberatung steht Betroffenen wie Angehörigen offen. Trotz steigender Fallzahlen bleiben die Angebote jedoch oft ungenutzt. Foto: dpa

Waldmünchen.Angelika Betz spürt den Bedarf. Umso erstaunter ist sie manchmal, dass sie sich den Weg zum Beratungsangebot in Waldmünchen mangels Interessenten sparen kann. Dabei ist die Suchtberatung unter dem Dach der Caritas kostenlos, unverbindlich und vor allem eines: diskret. „Wir sind an die Schweigepflicht gebunden“, macht die Leiterin der Stelle in Cham unmissverständlich klar. Warum die Hemmschwelle dennoch so hoch sei? „Ich habe keine Ahnung“, sagt die Diplompsychologin leicht frustriert.

Denn dass Menschen Beratung und auch Hilfe bräuchten, steht für sie außer Frage. Alkoholprobleme, Essstörungen, illegale Drogen, Spielsucht und „stark kommend“ die Internetabhängigkeit seien Probleme, die gerade auch den ländlichen Grenzraum beträfen. Bei der Glücksspielproblematik – hinter dem Alkohol die Nummer zwei der Abhängigkeiten – liege der Landkreis Cham in der Diözese beispielsweise ganz vorne, weiß Angelika Betz, die die seit 2011 eigenständige Fachambulanz für Suchtberatung in Cham leitet.

Schnelle erste Hilfe

Dort bekommen Betroffene „sofort“ einen Termin, erklärt sie. In Waldmünchen oder den anderen Außenstellen in Bad Kötzting, Roding und Rötz müsste man gegebenenfalls bis zum nächsten Sprechtag warten, der einmal wöchentlich oder einmal monatlich stattfindet. Am Anfang steht aber immer der telefonische Kontakt, „natürlich auch erst mal anonym oder mit dem Namen, der mir genannt wird“. Meist seien die Anrufer sehr zurückhaltend und schildern ganz zaghaft ihr Problem. Manche wissen gleich, dass sie einen Termin wollen, andere „warten regelrecht darauf, dass sie gefragt werden“, berichtet Betz. Meist komme aber ein Termin zustande, sieht sie ein positives Zeichen.

Die Suchtberatung im MGH

  • Caritas

    Die Fachambulanz für Suchtprobleme in der Klosterstraße in Cham steht unter der Trägerschaft der Caritas. Bis 2011 war die Anlaufstelle in Cham eine Zweigstelle der Suchtberatung Regensburg.

  • Leiterin

    Mit der Eigenständigkeit kam auch mehr Personal in die Kreisstadt. Diplom-Psychologin Angelika Betz ist seit 2011 die Leiterin.

  • Einverständnis

    Die Beratung ist kostenlos und streng vertraulich, mögliche Maßnahmen werden ausschließlich im Einverständnis mit den Betroffenen entschieden.

  • Präsenz

    Vor gut einem Jahr hat Angelika Betz von den Selbsthilfegruppen gelesen, die sich im Mehrgenerationenhaus (MGH) treffen. Da es in einem Flächenlandkreis wie dem Chamer wichtig ist, Präsenz zu zeigen, nahm sie Kontakt zu MGH-Projektleiterin Susanne Nock auf.

  • Sprechstunde

    Seit vergangenem Sommer bietet die Fachambulanz jeden vierten Donnerstag im Monat nachmittags eine Außensprechstunde an. Diese richtet sich an Menschen, die Probleme im Umgang mit Alkohol, Drogen, aber auch Medikamenten oder Nikotin haben. Problematisches Spielverhalten ist ein weiteres Beratungsfeld. Auch Angehörige dürfen sich melden.

  • Kontakt

    Die erste Kontaktaufnahme erfolgt telefonisch, Termine können auch anonym unter Telefon (09971) 846915 vereinbart werden. Wissenswertes zum MGH und dem Programm gibt es unter www.mgh-waldmuenchen.de . (ps)

Den typischen Betroffenen gibt es nicht, berichtet Betz von einer altersgemäßen Streuung etwa der Alkoholkranken von Mitte 20 bis Mitte 60. Rund 360 Menschen haben sich im vergangenen Jahr an die Suchtberatung gewandt, auch da war von einem einmaligen telefonischen Kontakt bis zu einer aufwendigen Therapie – die im übrigen von der Rentenversicherung als Kostenträger übernommen wird – das gesamte Spektrum der Möglichkeiten gegeben.

Eines gilt aber für alle Klienten: „Beim Betroffenen muss die Einsicht wachsen“, unterstreicht Angelika Betz. Das sei oft ein langwieriger Prozess und vor allem auch für Angehörige schwierig.

Angelika Betz tut mit ihrem Team alles, um Suchtkranken zu helfen – kostenlose und diskrete Beratung in einzelnen Landkreisgemeinden inklusive. Die Resonanz ist aber bisweilen dürftig.
Angelika Betz tut mit ihrem Team alles, um Suchtkranken zu helfen – kostenlose und diskrete Beratung in einzelnen Landkreisgemeinden inklusive. Die Resonanz ist aber bisweilen dürftig. Foto: Schoplocher

Diese liegen der Psychologin folglich nicht umsonst besonders am Herzen. Seit zwei Jahren bietet sie eine entsprechende Selbsthilfegruppe in Cham – unabhängig von der Sucht. Schuldgefühle seien dort ein breites Thema und auch müssten die Angehörigen lernen, dass sie die Probleme trotz bester Absichten nicht durch ihr Verhalten vertuschen dürften. Als Beispiele nennt Betz die Ehefrau, die ihren Mann wieder einmal krank meldet, weil der zu betrunken ist, um in die Arbeit zu gehen oder Eltern, die das Kind in der Schule entschuldigen, das nach einer Nacht am Computer völlig übernächtigt ist.

Keine Patentrezepte

Da für die Altersgruppe der unter 16-Jährigen die Erziehungsberatungsstelle zuständig ist, kann Angelika Betz nur mutmaßen, wie viel größer die Problematik Internet bei Jugendlichen ist. Denn die Zahl der Eltern, die sich mit den Worten „Was sollen wir tun, unser Kind hängt nur noch im Internet...?“ an sie oder ihre Kollegen wende, steige. Und mit ihnen auch die Zahl derer, die glaube, dass es ein Patentrezept gebe. „So ist es aber leider nicht“, macht sie deutlich. Zum Konsum von Crystal Speed macht sie sich auch so ihre Gedanken. Immer wieder lese sie schließlich in der Zeitung von Aufgriffen. „Wo sind die denn, bei mir schlagen die nicht auf?“, fragt sie sich in Anbetracht der dramatischen Langzeitfolgen der Droge.

Wer sich nicht sicher ist, ob er gefährdet ist, oder nicht, könne sich einem „Skoll-Training“ unterziehen. Die Klarheit tue gut, weiß die Expertin, die hofft, dass es Menschen dann auch schaffen, den zweiten Schritt zu tun. „Wir können ja niemanden zu einer Behandlung zwingen“, weiß Angelika Betz um den eingeschränkten Spielraum. „Aber anbieten!“, unterstreicht sie dick und wünscht sich, dass viele Menschen den Mut aufbringen, sich helfen zu lassen. Vonseiten der Suchtambulanz jedenfalls werde die Hemmschwelle so gering wie möglich gehalten, sagt Angelika Betz. Um nicht zu sagen, es gibt keine...

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