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Geschichte

Die letzten Kämpfe kosten viele Leben

Gewaltvolle Auseinandersetzungen gab es zum Kriegsende zwischen Deutschen und Amerikanern bei Sophienthal und Nepomuk.
Von Dr. Markus Gruber

  • Bilder von Toten: Dieser 28-jährige US-Soldat fiel bei Kämpfen um Nepomuk. Foto: Archiv Gruber
  • Dieser 24-jährige deutsche Soldat war ebenfalls einer der Gefallenen rund um Nepomuk. Foto: Archiv Gruber

Waldmünchen.Den amerikanischen Soldaten gönnte man nach der Eroberung von Waldmünchen in heftigen Straßenkämpfen noch einige Tage Ruhe. Sie waren in Waldmünchen einquartiert, bekamen mal wieder warme Mahlzeiten anstelle von Kaltrationen und sahen Kinofilme zur Ablenkung. Es war die Ruhe vor dem Sturm.

Streufeuer bestrich das Waldgebirge von Haselbach bis Klentsch, das durch einen Luftangriff schwer getroffen wurde. Die allgegenwärtigen Aufklärungsflugzeuge entdeckten aber nicht alle Verteidigungsstellungen der Deutschen. Deren mittlerweile bei Taus eingetroffene 11. Panzerdivision war eine Eliteeinheit mit dem Spitznamen „Geisterdivision“, weil sie blitzschnell zuschlagen konnte. Das unübersichtliche Gelände bei Sophienthal bot gute Möglichkeiten, den Amerikanern nochmals Verluste zuzufügen, ohne nach dem Warum und Wieso zu fragen. Dazu wurden die Bewohner gezwungen, Panzersperren anzulegen, so in der „Deitschbauernreim“ in Haselbach, in Schmalzgruben und hinter Nepomuk. Widerspruch war zwecklos, ja man wurde mit dem Tode bedroht von den jungen, noch selbstbewussten Soldaten in ihren Panzern.

Kampf im Schneesturm

Am Montag, 30. April, ist es soweit. Über Furth-Böhmisch Kubitzen und über Haselbach dringen die Amerikaner mit fast 2000 Soldaten und dutzenden Panzern in das Protektorat ein. Die Soldaten der Wehrmacht sind zwar zahlenmäßig unterlegen, vorteilhaft ist ihnen aber das ungewöhnlich schlechte Wetter, da ein Schneesturm aufkommt. Von Klentsch aus belegen sie die Amis, die in dem steilen Gelände nur schwer vorankommen, stundenlang mit schwerem Artilleriefeuer. Diese feuern zurück, wobei auch auch Teile von Althütten in Flammen aufgehen.

Die Einwohner sind mitsamt ihren Kuhgespannen in den Wald geflüchtet oder harren in den Kellern aus. Gegen 14 Uhr setzen die Angreifer ihre Panzer ein. Doch hinter den letzten Glasschleifen, auf Höhe der heute verschwundenen Schule von Sophienthal, wo links der Weg nach Heinrichsberg geht, knallt es urplötzlich: Zwei Ami-Panzer werden mehrmals getroffen und brennen. Im Wald rechts hatte sich bei Sophienthal eine deutsche Panzerjäger-Einheit verschanzt.

Und von oben herab, vom Gasthaus Swatosch (heute „Mila“), beschießt im Schneetreiben plötzlich ein schwerer Kampfpanzer die Amerikaner. Dieser wird letztlich mit einer Bazooka (Panzerfaust) außer Gefecht gesetzt, die Besatzung gefangen genommen. Auch die Deutschen waren zuvor so fair, die schon kampfunfähigen US-Panzer nicht noch restlos zusammenzuschießen: Sie lassen die meist verwundeten Männer flüchten, nur ein Fahrer verbrennt. Am Ende sind bei Sophienthal zehn deutsche Panzergrenadiere und fünf US-Soldaten gefallen.

Der Autor

  • Altphilologe

    Dr. Markus Gruber ist Altphilologe an der Uni Regensburg und Heimatforscher. 2012 hat er auch schon eine Chronik über Wassersuppen (Nemanice) geschrieben.

  • Kontakt

    Zurzeit bereitet er ein Buch zum Kriegsende vor. Neue Informationen sind ihm jederzeit willkommen. Zu erreichen ist er unter Telefon (0151) 28 12 20 09 oder E-Mail: MarkGruber@web.de .

Außerdem wird bei Trhanov der Pilot Kirkham tödlich abgeschossen, der mit seinem Jagdbomber eine Nachschubkolonne der Deutschen erfolgreich angegriffen hat. Die Deutschen setzen sich Richtung Nepomuk ab, das Ziel der Amerikaner an diesem Tag. Aber als es zu dämmern beginnt, stellen sie fest, dass sie dort gegen zwei weitere Panzer und sieben MG-Stellungen angehen müssen.

An der rechten Flanke, entlang dem Weg zum Cerchov, stoßen die Amerikaner zwar durch den Wald in Richtung Hochofen (Pec), doch dann reißt nachts der Funkkontakt ab, weil die Kompanien mitten im Bergwald steckenbleiben. Bei Nepomuk scheitert der Versuch, die nächste Abwehrstellung zu umgehen, weil sich im Wald 200 Deutsche verschanzt haben und die Amis unter schweren Beschuss geraten. Um halb neun Uhr abends erhält deren Bataillonschef endlich die Genehmigung, den Angriff zu stoppen.

Kein Ende des Sterbens

In der Nacht räumen die Deutschen ihre Stellungen. Ein Nachkommando von Fanatikern aber hat sich im Hotel Výhledy verbarrikadiert, wo es am Morgen des 1. Mai zu einem blutigen Schusswechsel kommt. Danach befreien die Amis unter dem Jubel der tschechischen Bevölkerung ohne größeren Widerstand die Orte Klentsch, Chodov und Trhanov, wo das Hauptquartier der Deutschen war. Diese schießen aber noch vereinzelt zurück, ein Volltreffer tötet drei US-Soldaten.

Der Kampf ist vorbei, noch nicht aber das Sterben: Als eine Fahrzeugkolonne die Waldstraße von Klentsch nach Waltersgrün entlang fährt, explodiert auf Höhe Díly ein Jeep durch eine Mine, welche die Deutschen tags zuvor dort verlegt haben: Sieben US-Soldaten sterben, von manchen werden nur noch Körperteile gefunden. Ein Denkmal erinnert an die Toten.

Insgesamt sind in diesen beiden Tagen 18 Amerikaner gefallen, 45 wurden verwundet. Zeitzeugen erinnern sich an die vielen Toten, die „lastwagenweise“ aus der Tschechei heraus gefahren wurden. Die Verluste der Deutschen betragen 11 namentlich bekannte Tote, sie wurden an Ort und Stelle begraben. 136 gingen in Gefangenschaft.

Bei Výhledy sollen außerdem mehrere Hitlerjungen gefallen sein, und in Trhanov hat man erst kürzlich einen toten Soldaten exhumiert, der noch seine Kampfmontur trug. Rechnet man die sehr heftigen Kämpfe bei Fichtenbach, Furth, Böhmisch-Kubitzen und Neumark (Všeruby) sowie Schwarzach und Paadorf hinzu, so kommt man auf weitere 15 tote und 44 verwundete US-Soldaten. Die deutschen Verluste, vor allem jenseits der Grenze bei Furth, dürften nochmals mindestens das doppelte betragen.

Für diese letzten Kriegstage bei Waldmünchen sprechen sowohl amerikanische, als auch deutsche Quellen vom harten Kampf Mann gegen Mann. Allenthalben finden sich heute Überreste der Kämpfe: Munition, Schützengräben, Granattrichter und -splitter, hier eine Koppel, da eine Feldflasche. Es sind die bleibenden Relikte einer vollkommen überflüssigen Verteidigungsaktion, die lediglich der kalten Logik der Militärs folgte: An diesem 30. April hatte Hitler Selbstmord begangen, die militärische Lage war aussichtslos. Wenige Tage später kapitulierte die 11. Panzerdivision bei Kötzting und Rittsteig „ehrenvoll“.

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