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Diese Familie kriegt alles gebacken

Christian Philipps wollte Neues wagen und übernahm den Traditionsbetrieb Bücherl in Waldmünchen – ein Glücksfall.
Von Petra Schoplocher

Handwerkskunst und Tradition: Bäckermeister Peter Philipps wusste zwar, wie Brezen hergestellt werden, aber erst in Waldmünchen hat er das Schwingen auf Tempo zur Perfektion gebracht.
Handwerkskunst und Tradition: Bäckermeister Peter Philipps wusste zwar, wie Brezen hergestellt werden, aber erst in Waldmünchen hat er das Schwingen auf Tempo zur Perfektion gebracht. Fotos: Schoplocher

Waldmünchen.Der erste Besuch war undercover: Sabine, Peter, Christian und Sebastian Philipps suchten sich einen Platz im „CoffeIn“ und ließen Ambiente, Angebot und Menschen auf sich wirken. Dann drehten sie eine Runde durch die Stadt. Als sie wiederkamen, hatten sie bereits einen Termin mit Berta und Hans Bücherl vereinbart, die auf der Suche nach Nachfolgern für ihre Traditionsbäckerei waren. „Wir haben uns gleich gut verstanden“, sagt Christian Philipps rund drei Jahre später lächelnd im gleichen Haus – das nun „seine“ Bäckerei ist.

Dass die Chemie zwischen den Familien stimmte, mag zum Großteil an der gleichen Philosophie liegen, mit der sie ihr Handwerk betreiben. „Keine Teiglinge, keine Fertigprodukte“, bringt es Bäckermeister Peter Philipps auf den Punkt, der nach dem Ausfall seines Sohnes Sebastian in der Backstube das Sagen hat. Weil das so ist, kann es auch schon mal Wochen dauern, ehe sich ein neues Produkt – meist als Reaktion auf Kundenwünsche – in der Verkaufstheke findet. Statt zu einer Mischung zu greifen, experimentiert Philipps lieber; und wenn er erzählt von selbst gemachten Müslis oder dem Eiweißbrot, das gerade „in der Mache“ ist, ist schnell spürbar, mit welcher Leidenschaft der Bäcker am Werk ist.

Besondere Tüfteleien

Macht Lust auf... Fasching und Süßes: Chef Christian Philipps hat schon von Berufs wegen als Konditormeister ein Faible für Gebäck. Mutter Sabine sorgt hinter der Verkaufstheke für das Wohl der Kunden.
Macht Lust auf... Fasching und Süßes: Chef Christian Philipps hat schon von Berufs wegen als Konditormeister ein Faible für Gebäck. Mutter Sabine sorgt hinter der Verkaufstheke für das Wohl der Kunden.

„Das ist meine Freizeitbeschäftigung“, sagt der Seniorchef schmunzelnd. „Und die Kunden danken es uns“, fügt er hinzu. Das bestätigt seine Frau Sabine, die im Laden den meisten Kontakt „nach außen“ hat. Auch dort werde viel gelacht, wie Vater und Sohn erzählen. „Billig können wir nicht, also müssen wir besser“, sagt Christian Philipps überzeugt. Er war es, der seinerzeit im Westerwald, wo die Familie eine Bäckerei mit vier Cafés betrieben hat, nach einer „Luftveränderung“ suchte. Bayern – der bayerische Wald war beliebtes Urlaubsziel – hatte es den Philipps schon länger angetan, also ging es in einem ersten Schritt nach Feldkirchen bei München. Von dort aus begann die Suche – auch über die Innung, an die sich wiederum Hans Bücherl gewandt hatte. Der Rest ist Geschichte...

Für die Eltern war es keine Überlegung, ebenso die Zelte im Rheinland-Pfälzischen abzubrechen. „Wir sind ein Team und gehören zusammen. Weil wir so am besten sind“, sagt Vater Peter ganz emotionslos. Ganz anders seine Stimmlage, wenn er über Waldmünchen spricht. Peter Philipps fällt als erstes die Herzlichkeit der Menschen ein, die er nicht missen möchte. Und Sohn Christian, der kürzlich für ein paar Tage im Westerwald war, schildert den Rückweg so: „Da bin ich gefühlt nach Hause gefahren.“ Den Waldmünchenern, die sie schätzen gelernt hätten, würden sie wünschen, „einiges etwas optimistischer anzugehen, den Kopf in den Sand zu stecken bringt nämlich nichts“, sagt Peter Philipps. Christian hat die gleiche Wahrnehmung gemacht, geht aber weiter: Er hofft, dass „wir diese Zuversicht ausstrahlen, und möchte die Menschen mitreißen!“ „Es ist schon beinahe so, als wäre man nie woanders gewesen“, sagt die Freundin von Sebastian Philipps, Natascha, die „nachgezogen“ ist.

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Kundinnen aus Cham

Dass sie angekommen sind, untermauert Christian Philipps mit dem Zeig auf Kundinnen, die extra den Weg aus aus Cham auf sich nehmen („Da krieg’ ich Gänsehaut, wenn ich das erzähle“). Oder an der neuen Währung „Likes“ bei Facebook – über 1000 sind es schon, fast alle kommen aus der Region, berichtet der 27-Jährige stolz. Auch, wenn ihn jemand aus dem Auto heraus anhupen oder winken würde, fühle er sich gut, ergänzt der Wahl-Waldmünchener, der ganz bewusst über die Vereine wie TV mit Radsport und Fußball, Feuerwehr oder FSV Perlhütte Verzahnung gesucht hat. Zur positiven Entwicklung beigetragen hat auch Freundin Vanessa, eine „Hiesige“. Die regionale Verankerung zeigt sich in Kooperationen wie mit der Brauerei Rhan für’s Bierbrot oder der Aktion „Fünf Brote, ein Besuch im Fitnessstudio“. Das helfe den Kollegen und trage vielleicht zum Gefühl bei, zusammen stark zu sein.

Drei Namen, eine Bäckerei

  • Fellnerbeck

    Unter „Fellnerbeck“ ist das Traditionshaus in der Waldmünchener Schulstraße ein Begriff.

  • Übernahme

    Am 1. Juli 2013 haben Christian und Sebastian Philipps die Bäckerei von Berta und Hans Bücherl übernommen. Diese standen seit 1982 in der Verantwortung, mit ihrem Rückzug ging eine 167-jährige Familientradition in der Bäckerei zu Ende.

  • Die Philipps

    Christian (27) und Sebastian (25) Philipps starteten das Unternehmen „Waldmünchen“ miteinander. Für Vater Peter und Mutter Sabine war es keine Frage, die Söhne zu begleiten und zu unterstützen. Sie führten in der alten Heimat eine eigene Bäckerei und arbeiten nun mit. Die Familie stammt aus dem Kreis Altenkirchen im Westerwald und wollte sich eine neue Existenz aufbauen.

  • Rückschläge

    Bäckermeister Sebastian musste sich aber aus gesundheitlichen Gründen beruflich neu orientieren. Seine Arbeit in der Backstube hat ein Geselle übernommen.

  • Der Chef

    Christian Philipps ist somit „der Chef“ über 20 Mitarbeiter, darunter zwei Auszubildende: ein Konditor und eine Fachverkäuferin. Lehrlinge werden auch für dieses Jahr wieder gesucht. (ps)

Die Herren Philipps sehen sich nicht nur in der Einstellung zu ihrer Arbeit der Tradition verpflichtet. Viele Produkte der Vorgänger – inklusive der legendären Stutzbockerln („was in der Woche abgeht, ist der Wahnsinn“) – sind nach wie vor im Sortiment zu finden. Angereichert mit Neuem, wie dem Holzofenbrot, das es gerade vier Wochen gibt und das „der Renner“ ist. Backen, Bestellen, Liefern, Organisieren, klingt nach einem Berg Arbeit. Die Versuchung, doch schnell zu Körnermischung und Co. zu greifen, war dennoch nie eine. „Lieber gibt es etwas nicht“, sagt der Chef über die Berufsehre.

Was es aber gibt, sind Faschingskrapfen. Traditionelle mit Hiffenmark oder Zwetschgenfüllung und moderne: Raffaelo, Baileys, Aperol Sprizz... Dem Geschmack sind keine Grenzen gesetzt. Als Kirschfan könnte Peter Philipps jeden Tag drei Amarenas verdrücken, gibt er zu. Christian Philipps, der 40 (!) Kilo abgenommen hat, könnte auch, versucht aber, sich in Disziplin zu üben. Doch keine Sorge: Dienstliches Probieren bleibt davon unberührt, so dass sich Kunden noch auf viele kreative Ideen des Bäcker-Konditor-Gespanns freuen dürfen. Dieses ist längst ein Teil der Stadt. Oder, wie es Christian Philipps ausdrückt: „Zugroaste bleiben wir, aber fühlen tun wir uns wie Waldmünchener“.

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