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Geschichte

Ein beinahe tödliches Versehen

Bei Schäferei hatten sich im April 1945 US-Panzer verfahren. Sie wurden in das erste der Gefechte um Waldmünchen verwickelt.
Von Dr. Markus Gruber

Der US-Soldat Schifler rettete in Schäferei seine Kameraden, weil er im Alleingang mit dem Panzer vorfuhr. Das Foto hat der Autor vom Sohn Schiflers aus Chicago erhalten.
Der US-Soldat Schifler rettete in Schäferei seine Kameraden, weil er im Alleingang mit dem Panzer vorfuhr. Das Foto hat der Autor vom Sohn Schiflers aus Chicago erhalten. Foto: Archiv Gruber

Waldmünchen.Vielen Waldmünchnern ist bekannt, dass um ihre Heimatstadt bei Kriegsende noch heftig gekämpft wurde, auch jenseits der Grenze. Dr. Markus Gruber hat für ein Buchprojekt neues Archivmaterial ausgewertet, aus dem erst jetzt das wahre Ausmaß dieser menschlichen Tragödie hervorgeht.

Der sinnlose Widerstand der Wehrmacht gegen die überlegene US-Armee führte im Raum Waldmünchen-Furth allein auf amerikanischer Seite zum Verlust von 122 Soldaten, darunter 33 Gefallene. Die deutschen Verluste können nur geschätzt werden: Einigermaßen zuverlässig dokumentiert ist der Tod von etwa 50 Soldaten, die tatsächliche Zahl dürfte darüber liegen. Aber auch die Zivilbevölkerung, die der wahnwitzigen Verteidigung ihrer Heimat durchweg abgeneigt war, musste leiden. Mindestens 20 Bewohner auf deutscher und tschechischer Seite kamen ums Leben. Nicht vergessen werden dürfen die zahlreichen Opfer eines KZ-Todesmarsches, von denen einige auch auf dem Friedhof Trhanov (Chodenschloss) ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Angriffe von allen Seiten

Auf Befehl des NS-Kreisleiters Max Seidl musste Waldmünchen verteidigt werden, während anderen Orten dieses Schicksal mehr oder weniger erspart blieb. Unseligerweise war ausgerechnet eine Einheit der Waffen-SS anwesend, und im Raum Taus war die 11. Panzerdivision im Anrücken. Den Waldmünchner Volkssturm, 180 praktisch kampfuntaugliche Männer, hatte man mit alten italienischen Gewehren nach Haselbach zu Sicherungszwecken geschickt.

Als die ersten US-Spähpanzer am 25. April nach Schäferei vorstoßen (sie hatten sich verfahren und wollten eigentlich nur bis Spielberg), kommt es mitten in der Nacht zu einem deutschen Gegenangriff von Untergrafenried aus. Dabei schießt ein fanatisierter Hitlerjunge beim Gasthaus Fischer zwei Panzer in Brand. Nur durch viel Glück und durch das tatkräftige Eingreifen eines einfachen GI’s, Andy Schifler aus Chicago, kommt kein Ami zu Schaden: Schifler bemannt allein einen Panzer und sammelt im brennenden Chaos seine Kameraden ein.

Dann, am Morgen des 26. April, beginnt von Treffelstein aus der Artilleriebeschuss von Waldmünchen. Die ersten Granaten töten ausgerechnet zwei Kinder. Daraufhin hissen der spätere Bürgermeister Kussinger und der Schreiner Eisenhart unter Lebensgefahr die weiße Fahne auf dem Kirchturm, die aber von der SS wieder heruntergeholt wird. Also greifen gegen Mittag die Amerikaner mit fast 1000 Soldaten von drei Seiten aus Waldmünchen an. Sie rücken über Untergrafenried nach Höll vor, außerdem über Hochabrunn nach Herzogau, und dringen über Hocha in die Stadt ein.

Straßenkämpfe in Waldmünchen

Am Nachmittag entwickeln sich heftige Straßenkämpfe im schon halb zerstörten Waldmünchen, wo sich unter dem Stadtkommandanten Siegfried Stöhr ein Häuflein Soldaten einer Alarmkompanie sowie weißruthenische SS-Soldaten mit Maschinengewehren und Panzerfäusten zur Wehr setzt. Erst gegen sechs Uhr abends, als der letzte Widerstand am Bezirksamt (Jugendhaus) gebrochen ist, wird die Stadt als erobert gemeldet.

Zitternd krochen die Waldmünchner aus den Kellern oder kamen von ihren Zufluchtsorten aus Ulrichsgrün zurück. Zeitzeugen erinnern sich an den Brandgeruch, an Granattrichter und die zersplitterten Fensterscheiben, an herunterhängende Kabel und eine tote Kuh, die auf der Straße lag. Die ersten Begegnungen der Bevölkerung mit den Amerikanern, oft hat man in ihnen „Neger“ gesehen, waren von Angst und Misstrauen geprägt, nicht zuletzt aufgrund der NS-Propaganda.

Volkssturm zwischen den Fronten

Doch ist die Zeit der Unsicherheit noch nicht vorbei: Unvorsichtiges Verhalten und militärische Unerfahrenheit kostet sechs Waldmünchner Bürgern das Leben. Und die Volkssturmleute irren hilflos im Wald umher und stehen buchstäblich zwischen den Fronten, ehe sie sich ergeben und in das Lager Langenzenn bei Nürnberg gebracht werden.

Auch in den nächsten Tagen kommt es in den Wäldern an der Riesel, am Kramberg und Arnstein ständig zu Schusswechseln. Insgesamt fallen in diesen vier Tagen zwölf deutsche Soldaten. Die meisten wollten nicht mehr den Helden spielen. Der Irrsinn des aussichtslosen Widerstands geht soweit, dass am Arnstein ein Soldat an seinem 17. Geburtstag stirbt, und ein anderer Toter hat erst drei Wochen zuvor geheiratet. Aber auch die Amerikaner haben Verluste: Bei Paadorf werden drei Soldaten einer Patrouille getötet und vier verwundet, bei Degelberg gibt es zwei Tote und drei Verwundete. Doch damit ist das Blutvergießen noch lange nicht beendet: Am 30. April wollen die Amerikaner über Haselbach-Klentsch sowie über Furth-Kubitzen in Richtung Taus vordringen. Die Verteidiger aber sind gut vorbereitet.

Der Autor: Dr. Markus Gruber ist Altphilologe und Heimatforscher und bereitet ein Buch zum Kriegsende vor. Neue Informationen sind ihm jederzeit willkommen. Kontakt: MarkGruber@web.de

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