MyMz
Anzeige

Ein „Maulwurf“ gräbt in der Geschichte

Helmut Roith lässt das „verschwundene Dorf“ Grafenried Haus für Haus in den Grundmauern wieder auferstehen. Fernziel ist Aufbau eines Freilichtmuseums.

Waldmünchen.Zu einem touristisch überaus interessanten Ziel hat sich die frühere Ortschaft ’Grafenried entwickelt, die nach dem Zweiten Weltkrieg und der damit verbundenen Vertreibung der deutschen Bevölkerung auf Lucina „umgetauft“ wurde: „Am Wochenende waren rund 150 Besucher da, Deutsche wie Tschechen“, erzählt Helmut Roith, der dort seit Juli 2011 ehrenamtlich mit Ausgrabungsarbeiten beschäftigt ist.

Dort wo früher schier undurchlässiges Buschwerk das Gelände durchzog, ist Dank seiner unermüdlichen Arbeit wieder etwas Leben eingekehrt. Vor seiner Leistung ziehen alle den Hut und seine Ausgrabungsarbeiten haben ihm inzwischen bereits den Namen „Maulwurf“ eingebracht, worüber er aber nicht böse ist.

Anziehungspunkt für Wanderer

„Rund 500 Kubikmeter Erde hat der Helmut seit dieser Zeit schon bewegt“, erzählt Franz Reimer, der als Wanderführer immer wieder Gäste in das ehemalige Grafenried begleitet und diesen im Rahmen einer rund eineinhalbstündigen Führung viele interessante Infos nicht nur über den Ort, sondern auch über die ehemaligen Grenzsicherungsanlagen gibt. Als ehemaliger Grenzpolizist kennt er sich da bestens aus.

Die Ausgrabungsarbeiten in Grafenried sind eine deutsch-tschechische Gemeinschaftsaktion unter Federführung des bekannten Hobby-Archäologen und Schriftstellers Zdenek Prochazka aus Domazlice. Geistiger Vater des Projekts ist jedoch der Grafenrieder Ortsbetreuer Hans Laubmeier. Entlang der deutsch-tschechischen Grenze handelt es sich hier jedenfalls um die umfangreichsten Ausgrabungen von ehemals von deutschen Siedlern bewohnten Dörfern.

Es begann mit der Pfarrkirche

Zunächst waren die Reste der St. Georg-Kirche freigelegt worden, die in der Dorfmitte von Grafenried gestanden hat. Der Besucher kann heute das freigelegte Presbyterium mit der neu gemauerten Altarmensa, die Sakristei, einen Teil des Kirchenschiffes und die Reste des in der Stirnseite der Kirche aufgebauten Turms besichtigen. In der Ecke des Turms wurde der Grundstein mit der Jahreszahl 1775 eingesetzt. In der Nische über dem ehemaligen Altar ist die Kopie des Bildes der Schönen Maria von Grafenried untergebracht. Das Bild wurde aus der verlassenen Kirche gerettet und wird im Waldmünchner Museum aufbewahrt.

Doch damit waren die Arbeiten nicht beendet. Helmut Roith nahm als nächstes Projekt den im Jahre 1780 erbauten Pfarrhof in Angriff. Dann legte er das ehemalige Gasthaus Mustl frei, das über eine eigene Metzgerei verfügte. Sogar die Fliesen des Schlachthauses sind zum Teil noch erhalten.

Seit einigen Tagen können nun auch die Überreste des ehemaligen Gasthauses Wierer mit der Haus-Nummer 26 bestaunt werden. Es soll sich dabei um das erste Gasthaus in Grafenried gehandelt haben. Den Stein mit der Hausnummer 26 konnte Roith übrigens finden, er steht nun originalgetreu neben dem ehemaligen Gasthaus. Unter dem Gebäude befanden sich einst drei Keller, von denen aber nur noch zwei erhalten sind. In diesen Kellern finden im Winter die Fledermäuse Schutz. Die Besitzer-Geschichte dieses Hauses ist ebenfalls lückenlos dokumentiert.

Ziel ist ein Freilichtmuseum

Der milde Winter hat es Roith ermöglicht, dort fast jeden Tag zu graben. Seine wichtigsten Utensilien bei diesen Arbeiten sind Pickel, Schaufel, Hammer, Spachtel und ein Handbesen. Eine wahrlich mühselige Arbeit, die ihm aber Spaß macht und jedes Fundstück, das er bei seinen Ausgrabungsarbeiten entdeckt, bereitet ihm große Freude. Mit einem Minibagger zu agieren, daran will er gar nicht denken: „Da könnte viel zu viel beschädigt werden“.

Mittlerweile hat er damit begonnen, als nächstes die ehemalige Brauerei freizulegen. Zweifelsohne eine weitere Sisyphus-Aufgabe. Nur schade, dass Roith künftig nur noch an den Wochenenden als „Maulwurf“ tätig sein kann. Bei den ersten Grabungen ist er dabei schon wieder auf interessante Sachen gestoßen. So hat er zwischen den Mauern rund 15 Zentimeter dicke Spalten entdeckt, die ihm zunächst unerklärlich erschienen.

Inzwischen weiß er aber von Franz Reimer, dass sich in diesen Spalten das Eis zur Kühlung des Biers befand. Helmut Roith lässt sich bei seinen Arbeiten übrigens gerne über die Schulter schauen und sein Wissen über Grafenried scheint unerschöpflich.

Vielleicht erhält Helmut Roith ja bald tatkräftige Unterstützung. Ein Archäologieprojekt der Universität Pilsen soll nämlich die Ausgrabungen weiter voranbringen. Die Überlegungen gehen inzwischen soweit, aus Grafenried auf lange Sicht ein Freilichtmuseum zu machen. Die Ausgrabungen bieten sich aber schon jetzt für Schulen und interessierte Gruppen zu einem Besuch an. Interessenten können sich jederzeit an die Tourist-Info Waldmünchen unter Tel. (0 99 72) 3 07 25 wenden. (fkr)

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht