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Serie

Kurze Wege in und aus der Krise

In unserer Serie stellen wir das Mehrgenerationenhaus Waldmünchen vor: In diesem Teil widmen wir uns der Erziehungsberatung.
Von Petra Schoplocher

Martin Kriekhaus ist sehr angetan von dem lichtdurchfluteten Gesprächsraum im Mehrgenerationenhaus. In diesem berät der Diplompsychologe seit September Kinder und Familien.
Martin Kriekhaus ist sehr angetan von dem lichtdurchfluteten Gesprächsraum im Mehrgenerationenhaus. In diesem berät der Diplompsychologe seit September Kinder und Familien. Foto: Schoplocher

Waldmünchen.Einen schöneren Einstieg in seine Arbeit in Waldmünchen hätte sich Martin Kriekhaus nicht wünschen können. „Gleich der erste Fall war ein Erfolg“, berichtet der Diplompsychologe, der seit September die Außenstelle der Erziehungsberatung Cham verkörpert. Alle zwei Wochen kommt er dafür am Mittwochnachmittag aus der Zentrale in die angemieteten Räumlichkeiten im Mehrgenerationenhaus. „Ein großer Vorteil“, sagt er vor allem mit Hinblick auf die Menschen, die Hilfe brauchen und bis dato im nordöstlichen Eck des Landkreises lange Wege in Kauf nehmen mussten. Die Familien waren oft für die Beratung länger auf der Straße als das Gespräch dauerte. Jetzt könne die Erziehungsberatung auch denen entgegenkommen, die weniger mobil sind. Kriekhaus denkt an die Mutter mit ihren kleinen Kindern und an Jugendliche, die „gleich mal nach der Schule“ zu ihm kommen könnten.

Schule ist ein Schlüsselwort im Gespräch mit dem Diplompsychologen. An den Standorten, an denen es Schulpsychologen und Jugendsozialarbeiter gibt, „können wir oft sehr viel schneller aktiv werden und früher helfen“, weiß Kriekhaus aus jahrelanger Erfahrung. Auch in Waldmünchen sei die Verzahnung vor allem zur Mittelschule eng. „Denn das ist der Ort, an dem das Problem oft zu Tage tritt“, sagt der Psychologe und verweist darauf, dass auch landkreisweit die meisten Fälle über eine Zuweisung von den Schulen bei dem Team der Erziehungsberatung (EB) landen würden.

Hemmschwelle überwinden

Rund vier Wochen dauert es allerdings in der Regel, ehe die EB einen Termin frei hat, in Krisenfällen geht es schneller. Kein sehr befriedigender Zustand, wie Martin Kriekhaus weiß. „Die meisten kostet es doch Überwindung und wenn sie soweit sind, müssen sie sich gedulden“, beschreibt er. „Hilfe sollte möglichst schnell passieren.“ Wie seine Kollegen versucht Kriekhaus, mit einem Telefonat das Gefühl zu vermitteln, dass die Wartezeit kein Signal sein soll, das Problem werde nicht ernst genommen.

Grundsätzlich wünscht er sich, dass die Menschen nicht so lange zögern würden. „Umso mehr Aufwand haben wir“, stellt der Psychologe klar, der die Erziehungsberatung als niederschwellige erste Anlaufstelle sieht. Die allerdings immer noch mit einem Stigma versehen ist – und zwar nach Kriekhaus’ Erfahrung nicht nur bei Erwachsenen, sondern vor allem auch bei Jugendlichen. Es gibt Fälle, da reicht schon die Terminvereinbarung der Eltern, um bei Teenagern eine Verhaltensänderung herbei zu führen. „Schon der Name ist für einen Pubertierenden ein absolutes No-Go“, schmunzelt Kriekhaus.

Eine weitere Schiene, über die die EB auf Jugendliche aufmerksam wird, sind die Notfallseelsorger. Nach Selbstmorden von Elternteilen („kommt jedes Jahr wieder vor“), Unfällen oder Krankheiten brauchen die Heranwachsenden Hilfe. Allerdings auf ganz andere Art als etwa der Dritt- oder Vierklässler, der Mitschüler beißt. Gerade die unterschiedlichen Anforderungen, die damit auch an ihn gestellt werden, machten ihren Reiz aus, erklärt Kriekhaus.

Systematisches Denken

Bei der Betrachtung des Problems werde „systematisch gedacht“, macht der Fachmann deutlich. Will heißen: Neben Eltern wird der Blick auch auf Großeltern, Nachbarn oder andere Bezugspersonen gerichtet. Zwischen 500 und 550 Familien nutzen derzeit landkreisweit das Angebot der Erziehungsberatung. Wie viele davon aus dem Altlandkreis Waldmünchen kommen, vermag Martin Kriekhaus nicht zu sagen, weil es Hilfesuchende gibt, die nach Cham fahren. Er selbst ist an den Tagen, in denen er im Mehrgenerationenhaus die Stellung hält, „gut ausgelastet“. Drei, vier Gespräche, dazu Organsisationsaufgaben – allzu viel ist das nicht, weiß auch der Psychologe.

Oft ist es ohnehin so, dass nach einer Bestandsaufnahme der Weg in eine der Gruppen führt, die in Cham regelmäßig stattfinden. Gerade für Kinder im Grundschulalter, die Auffälligkeiten im Sozialverhalten zeigen, wäre das Zusammensein mit anderen Kindern hilfreich, erklärt Kriekhaus, der die „Indiandergruppe“ leitet. Neben den Therapiegruppen sind das Spielzimmer und die Holzwerkstatt Angebote, die es in Waldmünchen als Außenstelle nicht geben kann.

Auch nach dem ersten Waldmünchener Fall, den Kriekhaus unter dem Schlagwort „Schulvermeidungstendenzen“ führt, läuft es weiterhin gut, sagt er, wohlwissend, dass weder er in Person noch die Erziehungsberatung als Organisation immer helfen kann. Gott sei Dank gebe es aber auch die anderen Fälle, in denen „es unglaublich ist zu beobachten, wie kleine Dynamiken etwas ändern“. Bezogen auf einen Jungen, der sein Testament gemacht hatte, bedeutet dies, das nach eineinhalb Jahren Arbeit und ein paar Akzenten „das Ding plötzlich lief“.

Das Mehrgenerationenhaus:

Seit seiner Eröffnung im Jahr 2002 erfüllt das Mehrgenerationenhaus (MGH) die Aufgabe, Menschen zu verbinden. Neben den regelmäßigen acht eigenen Angeboten nutzen die Räume am Marktplatz sieben Externe. Wissenswertes zum MGH und dem Programm gibt es unter www.mgh-waldmuenchen.de. Die Außenstelle Waldmünchen der Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungsstelle Cham hat im September 2014 ihre Pforten geöffnet. Mit der Entscheidung für die Außenstelle wurde nicht zuletzt auch den gestiegenen Fallzahlen und damit dem gestiegenen Bedarf Rechnung getragen. Träger ist die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Regensburg, die seit über 40 Jahren im Landkreis aktiv ist. Betreut werden derzeit 500 bis 550 Familien im Landkreis. Waldmünchen ist nach Roding und Bad Kötzting die dritte Dependance. Die Beratung steht allen offen, die im Bereich der Erziehung auf Fragen und Schwierigkeiten stoßen. Die Beratung ist kostenfrei und unterliegt der Schweigepflicht. Martin Kriekhaus ist jeden zweiten Mittwochnachmittag im Monat im Mehrgenerationenhaus anzutreffen. Eine Anmeldung sowie Terminvergaben erfolgen über die Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungsstelle Cham, Kleemannstraße 36, Telefon (09971) 79974, E-Mail: info@eb-cham.de, Web: www.eb-cham.de.

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