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Wirtschaft

Rational: Letzter Tag für 85 Mitarbeiter

Für Jürgen Lampatzer und 85 weitere Angestellte der Firma Rational in Waldmünchen wird dieser Dienstag ein schwerer Tag.
Von Petra Schoplocher

Bis zu 300 Mitarbeiter hatte Rational in Waldmünchen zu Spitzenzeiten. Durch die Standortschließung zum 31. Dezember verlieren 85 Angestellte ihren Job. Derzeit werden in den Hallen einige Maschinen abgebaut, die zum Hauptsitz des Snaidero-Konzerns nach Italien transportiert werden.
Bis zu 300 Mitarbeiter hatte Rational in Waldmünchen zu Spitzenzeiten. Durch die Standortschließung zum 31. Dezember verlieren 85 Angestellte ihren Job. Derzeit werden in den Hallen einige Maschinen abgebaut, die zum Hauptsitz des Snaidero-Konzerns nach Italien transportiert werden. Foto: Schoplocher

Waldmünchen.Eine zentrale Botschaft will Jürgen Lampatzer heute unbedingt loswerden, wenn die Rational-Mitarbeiter zu einer letzten Betriebsversammlung zusammenkommen. „Ich habe sehr großen Respekt vor der Mannschaft“, sagt der Waldmünchner, der in den vergangenen knapp drei Monaten die undankbarste aller Manager-Aufgaben hatte: ein Werk zu leiten, dessen Ende besiegelt ist. „Wie die das durchgezogen haben...“ In Jürgen Lampatzers Stimme schwingt Stolz mit. Lampatzer bescheinigt den 85 Angestellten, die ihre Kündigung erhalten haben, große Moral. Mit ganz wenigen Ausnahmen hätten sich alle reingehängt, es habe keine nennenswerte Lieferausfälle oder Krankmeldungen gegeben, unterstreicht er.

Ein Teil arbeitet bis Ende Februar

Ganz gehen die Lichter in den Hallen von Rational aber noch nicht aus. Zwar hat der Großteil der zuletzt 85 Beschäftigten – die zehn im Kundenservice sind von der Werkschließung nicht betroffen – heute seinen letzten Arbeitstag, nach den Feiertagen macht aber ein 26-köpfiges Team noch bis Ende Februar weiter. „Wir arbeiten das noch ab, was wir nicht mehr geschafft haben und begleiten die Verlagerung nach Italien“, erklärt Lampatzer. Drei seiner Leute wechseln für eine gewisse Zeit an den Hauptsitz der Snaidero-Gruppe, einer wird voraussichtlich das ganze Jahr in Majano gebraucht werden.

Ein paar wenige Maschinen werden in Waldmünchen abgebaut und für den Transport zum Hauptsitz vorbereitet. „Das meiste aber haben die Italiener ja selbst“, erklärt Jürgen Lampatzer, dass das Interieur in dem Rational-Gebäude erst einmal so bleibt, wie es war. Wie es nach dem 29. Februar, wenn Rational in der Schwarzachstraße endgültig Geschichte ist, mit dem Gelände weitergeht, kann auch der Werkleiter nur erahnen. „Ich kann mir aber schon vorstellen, dass Snaidero Hallen und Grund verwerten möchte.“ Immerhin seien die Hallen 15 000 Quadratmeter groß, die Fläche umfasst 50 000. Als Waldmünchner hoffe er, dass jemand Platz und Produktion – auch die Herauslösung von Teilbereichen sei denkbar – brauchen könne, denn „eine Industrieruine will hier sicherlich niemand“.

Traurige Aussichten in der Traumküche: Die meisten der gekündigten Rational-Mitarbeiter haben heute ihren letzten Arbeitstag. Mit 25 weiteren Angestellten macht Werkleiter Jürgen Lampatzer noch bis Ende Februar weiter, dann wartet auch auf sie eine Transfergesellschaft.
Traurige Aussichten in der Traumküche: Die meisten der gekündigten Rational-Mitarbeiter haben heute ihren letzten Arbeitstag. Mit 25 weiteren Angestellten macht Werkleiter Jürgen Lampatzer noch bis Ende Februar weiter, dann wartet auch auf sie eine Transfergesellschaft. Foto: Schoplocher

Den Interessensausgleich und Sozialplan, den Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretung (mit der IG Metall) Ende November unterschrieben haben, bezeichnet Lampatzer als „den Umständen entsprechend zufriedenstellend“. Man habe das Beste für die Mitarbeiter, viele von ihnen Schreiner, Holzmechaniker, Maler oder Lackierer, herausgeholt. Er wisse von einigen, die von Firmen direkt ein Jobangebot erhalten hätten, sagt der Familienvater. Während gerade die Älteren der im Durchschnitt 45 Jahre alten Belegschaft bewusst den Weg in die Transfergesellschaft nähmen, hätten andere schon etwas Neues. „Aber eines ist auch klar: Für Waldmünchen sind die Arbeitsplätze weg!“. Und damit auch diejenigen, die in der Mittagspause einkaufen waren oder sich ihre Brotzeit hier gekauft haben, stellt Jürgen Lampatzer die Dimension des Verlusts dar.

Ein Abriss der Ereignisse

  • Das Aus

    Am 29. September wurde bei einer Betriebsversammlung der Schlussstrich unter Rational Waldmünchen gezogen. Konzernchef Edi Snaidero und Werksleiter Jürgen Lampatzer teilten der Belegschaft die Schließung des Produktionsstandorts zum Jahresende mit.

  • Die Übernahme

    1993 hatte der italienische Möbelhersteller Snaidero die Rational-Einbauküchen GmbH mit Sitz in Melle gekauft. 288 Waldmünchner Rational-Mitarbeiter wurden damals übernommen. Die Produktion in Melle wurde 2010 geschlossen, 150 Mitarbeiter entlassen.

  • Die Anfänge

    Gegründet wurde Rational 1963 von Walter Fischer. 1967 kam der Standort Waldmünchen hinzu – weil Fischer dem süddeutschen Markt näher sein wollte.

  • Goldene Ära

    In Spitzenzeiten, den 1980er Jahren, waren bei Rational in Waldmünchen 300 Mitarbeiter beschäftigt.

  • Abwicklung

    Zuletzt zählte die Belegschaft 95 Frauen und Männer. Zehn von ihnen, die im Vertrieb und der Kundenbetreuung tätig sind, sind nicht betroffen und werden weiter in Waldmünchen arbeiten.

  • Zukunft für Mitarbeiter

    Für die übrigen 85 wurde ein Interessensausgleich und Sozialplan unterzeichnet. Zum 1. Januar wird eine Transfergesellschaft für zehn Monate gegründet. Ein Teil wechselt in diese, ein Teil hat eine andere Arbeitsstelle gefunden. 26 Angestellte arbeiten bis zum 29. Februar weiter für Rational, unter ihnen Jürgen Lampatzer und drei Männer, die mit ihrem Wissen in Italien helfen sollen. (ps)

„Ich bin auch nur einer, der seinen Arbeitsplatz verliert“, beantwortet er die Frage nach seiner eigenen Zukunft. Er habe sich schlicht noch keine großen Gedanken gemacht, zu viel sei zu regeln gewesen, „irgendwie geht es schon weiter“. Neben den Angestellten zollt er den politisch Verantwortlichen und Geschäftspartnern Respekt. „Die haben sich im Bemühen um eine Nachfolgeregelung richtig reingehängt“, schickt Lampatzer einen Dank an Landrat, Bürgermeister und Co.

Hoher Schuldenstand

Dass dies letztlich nichts genutzt hat, liegt laut dem Waldmünchner vor allem an der Überkapazität der Küchenbauer – in der hartumkämpften Möbelbranche. „Es werden schlicht keine Produktionskapazitäten gebraucht“, lautet Lampatzers Fazit. Die Kastenmöbel – bei denen „Made in Germany“ schon lange nicht mehr den Stellenwert habe wie bei einer Küche – kämen aus Osteuropa. Wer in Deutschland fertige, führe selber einen Überlebenskampf. Im übrigen treffe die Überkapazität auch Italien, bei Snaidero herrsche Kurzarbeit, wie zu vernehmen ist.

„Vielleicht ein gewisser Expansionsdrang der Gruppe“, sagt Jürgen Lampatzer, als es um Ursachenforschung geht. Deutlicher wird er auf die Frage, ob die Werkschließung zu verhindern gewesen sei. „Vor zehn Jahren vielleicht...“ Dass die Weichen falsch gestellt wurden, ließen die politisch Verantwortlichen in wechselndem Wortlaut immer wieder verlauten. Lampatzer widerspricht nicht, hält sich aber – wie auch mit Zahlen – bedeckt. Schließlich sitzt er zwischen den Stühlen und ist immerhin nach wie vor Angestellter des Konzerns.

Das Aus für den Standort Waldmünchen hingehen scheint nur ein Schritt im Sterben auf Raten des Snaidero-Konzerns. Zu dieser Einschätzung passen die Reaktionen in der Fachpresse, die die Werkschließung als einen Baustein in einem Sanierungskonzept des Konzerns sehen, dessen Ausgang offen scheint. Bereits im Juli hatte Snaidero seine Anteile an der französischen Franchise-Kette FDB (Franchise Business Division) verkauft und sich damit, so kommentiert es die Fachpresse, von „Teilen seines Tafelsilbers“ getrennt. Offenbar auf Druck der Banken, die vor 114 Millionen Euro Schulden bei 170 Millionen Jahresumsatz Taten sehen wollten und zudem auf einem Konzernumbau bestehen. Das wird heute in Waldmünchen, wo seit 2002 schon keine kompletten Küchen mehr produziert wurden, wohl allenfalls Randthema sein. Denn an dem Unverständnis, warum der zum Kompetenz-Zentrum erhobene Standort mit hochgelobter Arbeit und Ergebnissen „dran glauben muss“, hat sich seit dem 29. September nichts geändert.

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