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Schuld ist nur die große Schwester

Monika Hernardi und ihr Mann kamen aus Stuttgart nach Waldmünchen – und sind glücklich mit der Entscheidung.
Von Petra Schoplocher

„Dass ich mal ein Bänklehocker werd’...“ Noch immer gibt es Dinge und Erfahrungen, die Monika und Emmerich Hernardi wundern. Der Blick macht das Verweilen aber leicht, was Hundedame Lissy freut.
„Dass ich mal ein Bänklehocker werd’...“ Noch immer gibt es Dinge und Erfahrungen, die Monika und Emmerich Hernardi wundern. Der Blick macht das Verweilen aber leicht, was Hundedame Lissy freut. Foto: ps

Waldmünchen.Na klar, die Schwester ist schuld... Dabei geht es weder um ein Puppenkleid noch um den Kratzer in der Tür. Es geht um nichts Geringeres als den Ortsnamen, der seit 1. November auf dem Ausweis von Monika und Emmerich Hernardi klebt: Waldmünchen. Das Ehepaar sitzt im Wintergarten, immer wieder wandert der Blick hinaus in den Garten. 1500 Quadratmeter oder, wie Emmerich Hernardi es ausdrückt, „immer was zu tun“.

Im alten Haus, ein paar Kilometer außerhalb des Stuttgarter Stadtzentrums, umfaste ihr Grundstück gerade einmal 188 Quadratmeter. „Wir lassen den Tag oft und gerne draußen ausklingen“, verrät Monika Hernardi. Wie auf Kommando kommt Hundedame Lisbeth (Lissy) vorbei, die manchmal vor lauter Freiheit gar nicht so recht weiß, wohin mit sich. Herrchen nimmt sich dann meist ein Herz und schreitet „ihre Ponderosa“ dann mit Lissy ab.

Seit zehn Monaten wohnt das Ehepaar nun im Bayerischen Wald, dessen „irre Traditionen“ Monika Hernardi zutiefst beeindruckt haben. Bei Erlebnissen wie der Pferdewallfahrt nach Ast trete sogar die Angst vor den Tieren in den Hintergrund. „Wasser, Wald, Lebensbedingungen, wir haben uns das hier bewusst ausgesucht“, unterstreicht Emmerich Hernardi.

„Wasser, Wald, Lebensbedingungen, wir haben uns das hier bewusst ausgesucht.“

Emmerich Hernardi

Infrastruktur genau angeschaut

Denn bei aller Begeisterung für Waldmünchen – seit einigen Jahren die Wahlheimat von Schwester beziehungsweise Schwägerin Renate Hüttner mit Mann Joachim – haben sich die Hernardis „die Infrastruktur natürlich ganz genau abgeklopft“. „Apotheke, Einkaufen, Hausarzt“ hätten überzeugt. „Und zwei Altersheime gibt es ja auch“, fügt Monika Hernardi augenzwinkernd hinzu. Eines davon, das des BRK, kennt sie gut. Ihre Mutter Regina Distler hatte dort ein Zuhause gefunden, nachdem die Familie inklusive ihr zu dem Entschluss gekommen war, der alten Dame ginge es dort besser. „Das hätte sie schon früher machen sollen“, sagt die 53-Jährige rückblickend, „sie hätte noch viel Spaß gehabt“ – die Mutter starb dieses Jahr.

Gefühle wie im Urlaub

„Es kommen mehr als gehen“. Diese Einschätzung sieht Emmerich Hernardi als gutes Zeichen, wie auch die Neueröffnungen rund um den Marktplatz, „der echt was hat“. Die vielen Freiluftveranstaltungen im Sommer würden regelrechtes Urlaubsgefühl aufkommen lassen. Das scheint sich rumzusprechen, denn seit dem Umzug geben sich Freunde (und Sohn Benjamin) im Haus quasi die Klinke in die Hand.

Der Blick auf die ersten Abrechnungen habe einen weiteren Pluspunkt offenbart, erzählt der IT-Fachmann: Die Lebenshaltungskosten sind viel niedriger, was die Lücke zwischen Rente und Verdienst schließe. Seine Frau mit Telearbeitsplatz hat es noch besser erwischt: „Gehalt von Stuttgart, Kosten von Waldmünchen“, sagt sie.

Von Stuttgart nach Waldmünchen

  • Erst die Schwester

    Seit November sind Monika und Emmerich Henardi auf dem Papier Waldmünchener. Eine Anlaufstelle hatten sie zuvor schon: Schwester Renate Hüttner hatte sich schon vor längerem gegen München und für die Trenckstadt entschieden, ihre nachgezogene Mama Regina Distler verbrachte ihren Lebensabend im hiesigen BRK-Heim.

  • Erst die Arbeit

    Monika Henardi ist die einzige in dem Vierergespann, die noch berufstätig ist. Sie arbeitet von Zuhause aus für eine kleine Computerfirma in Stuttgart – dank der heutigen Technik kein Problem.

  • Landesmedienzentrum

    Emmerich Henardi ging als Fachdirektor im Landesmedienzentrum Baden-Württemberg in Pension. Dort war er mit der Entwicklung von speziell auf die Bedürfnisse der Schüler zugeschnittener Software betraut. In Waldmünchen gab er schon im Vorjahr jungen Flüchtlingen Nachhilfe in Mathe, seit September greift die Berufsschule professionell auf den gelernten Lehrer zurück. Drei Stunden unterrichtet er pro Woche.

  • Erst der Garten

    Die Freizeit des Ehepaars ist gut ausgefüllt. Neben Arbeiten an Haus und Garten haben sie mit dem Schießsport ein neues Hobby entdeckt. Seitdem sind die Trainingszeiten der „Alten Büchs’n“ gesetzte Termine. (ps)

Es habe keine einzige „komische Situation“ gegeben, berichten beide. Aber viele positive: Die Nachbarin habe mit ihren 80 Jahren gleich auf dem „Du“ bestanden, das Ehepaar unterhalb ist mehr als Bekanntschaft und im Schützenverein „Alte Büchs’n“ seien sie wie die Hüttners herzlich aufgenommen worden. „Ich bin nirgends fremd, ich komm’ und rede“, erklärt Monika Hernardi.

Was bei einem Problem nicht hilft: das Verstehen... „Red’ langsam mit mir“, sei ihr Standardspruch im Schützenhaus, „mittlerweile geht es“. Die Sache mit dem Schießen ist – selbst als Randnotiz – eine unglaubliche. „Renate könnte einer Fliege das Auge ausschießen“, zollt Emmerich Hernardi Respekt, der wie Frau und Schwägerin erst hier mit dem Sport begonnen hat. „Und dann starten die Schwaben bei der bayerischen Meisterschaft...“ Überaus erfolgreich obendrein: Die Frauen schafften es aufs Treppchen, die Männer auf Platz fünf. Der Vereinsbeitritt habe ebenso dazu beigetragen, schnell heimisch zu werden, wie Besuche von Veranstaltungen.

Lesen Sie hier weitere Geschichten aus unserer Serie „Wahlheimat Waldmünchen“.

So machte Schwester Renate mit Nachdruck klar, dass das Trenckspiel „Pflicht“ wäre. Ein Stammtisch hat sich ebenso gefunden wie eine Laufstrecke für den 64-Jährigen. „8,7 Kilometer und damit genug, um den Chamer Stadtlauf zu schaffen“, erzählt der IT-Spezialist, der letztlich froh war, das Berufsleben hinter sich lassen zu können.

Drei Wochenstunden Mathe

Wobei – ein wenig hat ihn seine Profession (Hernardi unterrichtete vor der Zeit am Landesmedienzentrum an einer Berufsschule) hier noch einmal eingeholt. Aus dem ehrenamtlichen Engagement für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ist ein Lehrauftrag geworden. Drei Stunden Mathe wöchentlich – eine Aufgabe, auf der sich der Hauswirtschafts(!)- und Physiklehrer freut. „Küche und Physik, dabei bleibst du“, erklärt Emmerich Hernardi die ungewöhnliche Kombination, die er bei einem Praktikum entdeckte – ursprünglich wollte er Anästhesist werden. Im Studium wäre er mit einem weiteren Mann alleine unter 80 Frauen gewesen, erinnert er sich schmunzelnd.

„Ich bin nirgends fremd, ich komm’ und rede.“

Monika Hernardi

Sein Können in der Küche – beim ersten Rendezvous mit Monika kochte er ebenso – hat sich in Waldmünchen schon herumgesprochen, „wir haben schon Rezepte ausgetauscht“, verrät der 64-Jährige. Dass er mehr Kontakt zu den Menschen hier hat, liegt an der Berufstätigkeit seiner Frau. „Schiller, Haßfurther, Seilerbauer, Bäcker, Metzger, die kennen mich alle“, sagt er. Monika Hernardi hört hingegen oft, dass sie „die Nette mit dem Hund sei“ und freut sich, dass mit soviel Offenheit aufeinander geschaut werde.

Die Oberpfälzer, meint sie, seien gar nicht so streng und herb wie ihnen nachgesagt würde, sondern nett und freundlich. Etwas nachdenklicher fügt ihr Mann an, dass ein Umzug nach dem Berufsleben immer mit der Suche nach Heimat und Wurzeln einher gehe. „Und hier, glaube ich, kann man gut tiefe Wurzeln schlagen.“

Hier lesen Sie weitere Meldungen aus dem Landkreis Cham.

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