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Sie leben im Paradies im Paradies

Sabine und Günther Mittelmaier sind von Berlin nach Heinzlgrün gezogen – und haben sich ein einzigartiges Idyll aufgebaut.
Von Petra Schoplocher

Sabine und Günther Mittelmaier ließen Berlin und die Pendelei nach München hinter sich und sind nun in Heinzlgrün glücklich. Und integriert, „die Nachbarn und die Menschen hier haben es uns wirklich leicht gemacht“.
Sabine und Günther Mittelmaier ließen Berlin und die Pendelei nach München hinter sich und sind nun in Heinzlgrün glücklich. Und integriert, „die Nachbarn und die Menschen hier haben es uns wirklich leicht gemacht“. Foto: Schoplocher

Waldmünchen.Die Sechs- bis Sieben-Tage-Woche war eher die Regel als die Ausnahme, der Einkauf im Vorbeihasten am Flughafen keine Seltenheit, damit sich am Wochenende überhaupt irgendetwas im Kühlschrank fand. Dass Sabine und Günther Mittelmaier in dieser Taktung gelebt haben, mag man kaum glauben, wenn man das Paar tiefenentspannt in seinem Esszimmer erlebt. Im Jahr 2008 haben sie den Schnitt gemacht, sind von Berlin nach Heinzlgrün gezogen und haben die Akten ihrer beider Karrieren geschlossen.

Diese wurden vor dem freiwilligen Ausstieg ohnehin schon irgendwo zwischen München und Berlin geführt, der Flieger brachte das Paar von der Bundes- in die Landeshauptstadt und wieder zurück. Zuhause war dann nicht nur der Kühlschrank leer, es war auch kein Rasen gemäht oder sonstwas erledigt. Als sich dann noch eine gewisse berufliche Unzufriedenheit breit machte, sich Nachbarn für die Rente Richtung Toskana begaben, begannen die Mittelmaiers zu rechnen. „Ob wir das alles noch brauchen“, war die Frage, die sich stellte, denn den beiden Kindern sollte ein Studium natürlich möglich sein. Als sich aber zeigte, dass es auch ohne 200-Stunden-Vertrag im Monat gehen würde, stand der Entschluss auszusteigen schnell fest.

Von Württemberg über Berlin nach Bayern – das stand lange nicht im Lebensplan des mittlerweile 55 und 54 Jahre alten Paars. Dabei haben sich die Mittelmaiers beim Studium in Weihenstephan kennengelernt. „Wir wussten also, dass es sich in Bayern gut leben lässt“, erzählt Günther Mittelmaier. Dennoch richteten sich die ersten Blicke, als es zunächst um ein Ferienhaus ging, Richtung Mecklenburg-Vorpommern oder ins Markgräflerland. Dort gab es wenig Grund für viel Geld, gesucht haben die Mittelmaiers aber eher viel Land für wenig Geld. Folglich kristallisierte sich der Bayerische Wald als Suchgebiet mitsamt dem Kriterium „Haus in Alleinlage“ heraus.

Die alte Glasschleifen

  • Geschichte

    Die Glastradition ist bei der Fahrt ins malerische Ulrichsgrüner Tal nicht zu übersehen. Wie in der gesamten Region: Die Namen zahlreicher Orte und Weiler, die auf –hütte oder –schleif enden, weisen auf ehemalige Glashütten und Glasschleifen hin. Auch das Anwesen Heinzlgrün 2 war in früheren Jahren eine Glasschleife.

  • Bewohner

    Sabine und Günther Mittelmeier haben das Anwesen im Jahr 2004 gekauft. Seit 2008 wohnt das Ehepaar in der ehemaligen Glasschleife - mit Ausnahme von fünf Katzen und vielen Mäusen noch alleine. Denn geplant ist Hühnerhaltung – der Stall ist schon fertig – Schafe und Enten sollen folgen. An Tieren erfreut sich das Ehepaar aber schon jetzt: So schaut ein Schwarzstorch immer wieder vorbei, im Teich fühlen sich zwei Graureiher wohl und dann ist da noch die vierköpfige Familie Biber. Einzig die Idee mit dem Forellenteich haben Sabine und Günther Mittelmaier nach dem ersten Winter aufgegeben.

  • Beruf

    Neben der Arbeit auf dem eigenen Grundstück von rund zwei Hektar freut sich Sabine Mittelmeier, dass sie stundenweise in einem Gartencenter in Cham ihr Wissen rund um Pflanzen weitergeben kann. Günther Mittelmaier arbeitet projektbezogen und betreut Privat- und Geschäftskunden – natürlich geht es dabei auch um Gärten, Pflanzen und deren Dach über dem Kopf. (ps)

In Heinzlgrün sind sie schließlich fündig geworden: Zwei Hektar groß ist das Grundstück um die ehemalige Glasschleife, die sie 2004 gekauft haben. „Natur und Freiraum“, sagt Sabine Mittelmaier, seien das Entscheidende gewesen. Mit „Freiraum“ ist dabei mehr als die Luft zum Atmen gemeint. Mit ihr sind die Mittelmaiers in Australien in Berührung gekommen. Nachdem sich der wenige und kostbare Jahresurlaub auf Januar/Februar begrenzte und „wir keine Skifahrer sind“, blieb nur die südliche Halbkugel. Weniger ein Hotel auf den Seychellen als besagte Weite Australiens vermittelte das Gefühl, das dem hart arbeitenden Ehepaar so gut tat.

Tatsächlich, Kiwis! Nur eine der Entdeckungen im Mittelmaierschen Garten.
Tatsächlich, Kiwis! Nur eine der Entdeckungen im Mittelmaierschen Garten. Foto: Schoplocher

Zwar sei ihr Garten in Berlin für dortige Dimensionen mit 1000 Quadratmetern riesig gewesen, jetzt allerdings kann sich das Paar mit dem grünen Daumen richtig verwirklichen. Ein rosa Beet hier, ein Gewächshaus mit in jeder Hinsicht beneidenswerten Basilikum-Pfanzen, rund 100 Obstgehölze mitsamt Kiwi da... der Rundgang durch das Gelände ist nicht nur für Gartenliebhaber eine Wucht, sondern wäre samt dem Mittelmaierschen Ansatz, zu dem auch der Wunsch nach mehr Wertschätzung für Lebensmittel gehört, seine eigene Geschichte wert.

Die „wirklich schlechten Böden“ sind schuld, dass selbst Gartenexperten wie die Mittelmeiers als studierte Agrarwissenschaftler Lehrgeld bezahlen mussten. Mittlerweile aber wissen sie sich zu helfen (unter anderem mit Grobkompost) und sehen die Gegebenheiten als Herausforderung. Wie auch andere kleine „Handycaps“, beispielsweise: keinen Handy-Empfang im Haus oder langsame Internet-Übertragungsraten. Aber das seien alles keine wirklichen Nachteile und wenn, dann würden sie von den Vorteilen leicht aufgehoben, unterstreicht Sabine Mittelmaier. Die einzigen zwei Dinge, die sie aus der Schublade mit Aufschrift „negativ“ herausziehen kann, ist die geringe Auswahl guter Gastronomie und „dass wir die Schönheit hier manchmal vor Arbeit nicht sehen“. In Waldmünchen bekomme man alles, was zum Leben nötig ist und der eigene Anbau nicht liefere. Im Tal sei das Miteinander unter den Nachbarn genial, finden beide. „Wenn du in Berlin Hilfe suchst, kannst du lange warten“, sagt Günther Mittelmaier und fügt seinerseits an, wie schnell er sich dank netter Nachbarn und auch der Feuerwehr integriert hat. Mittlerweile übernimmt Günther Mittelmaier auch den ein oder anderen Auftrag, hier einen Garten zu gestalten. Aber nur „die, die uns selbst gefallen“. Denn wer durch einen Garten gehe, solle ein Gefühl vermittelt bekommen, stellt der 55-Jährige klar.

In ihrem eigenen Reich haben sie noch viel vor. Tierhaltung wäre zu dem Beinahe-Selbstversorgerstatus die logische Konsequenz, der Hühnerstall ist fertig. Dann allerdings müssten die Mittelmaiers ihr zweites großes Hobby neben dem Garten („wir leben praktisch draußen“) einschränken: das Reisen. „Wir müssen uns praktisch zwischen zwei Paradiesen entscheiden“, sagt Sabine Mittelmaier dazu. Wer hat schon so eine Wahl?

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