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Kultur

Waldmünchens französische Seele

Schon die Beständigkeit ist rekordverdächtig: Der Französisch-Stammtisch geht auf einen Vhs-Kurs aus dem Jahr 1983 zurück.
Von Petra Schoplocher

Ein Glas Wein darf sein, denn der Französisch-Stammtisch pflegt nicht nur die Sprache, sondern beschäftigt sich auch mit Kultur und Lebensart des Nachbarlandes – und das seit vielen Jahren. Die Regie liegt bei Martina Mathes (Zweite von rechts).
Ein Glas Wein darf sein, denn der Französisch-Stammtisch pflegt nicht nur die Sprache, sondern beschäftigt sich auch mit Kultur und Lebensart des Nachbarlandes – und das seit vielen Jahren. Die Regie liegt bei Martina Mathes (Zweite von rechts). Foto: Schoplocher

Waldmünchen.Einerseits ist er ein ganz typischer Stammtisch: Frauen und Männer kommen zwanglos zusammen, reden über den Alltag und Erlebnisse und tauschen sich über (gesellschafts)politische Themen oder das, was gerade bewegt, aus. Dazu ein Glas Wein und gute Stimmung... ein ganz normaler Stammtisch eben, wenn sich nicht beinahe alles ausschließlich auf französisch abspielen würde.

Da gehört schon einiges dazu: entsprechende Sprachkenntnisse natürlich, ein großes Interesse – um nicht zu sagen eine Liebe – zu Frankreich, treue Teilnehmer und natürlich jemanden, der „den Laden“ am Laufen hält und immer wieder Themen und Ideen mitbringt: Martina Mathes.

Kontakt nie verloren

Sie war es, die 1983 unter dem Dach der Volkshochschule einen Französisch-Kurs angeboten hat, der zur „Keimzelle“ des heutigen Französisch-Stammtisches werden sollte. „Es war irgendwie ausgelernt“, erklärt Martina Mathes, wie es zu dem Wechsel von Kurs zu der neuen Art, die Sprache zu pflegen, kam. Grammatik oder Vokabeln lernen sei einfach nicht mehr erfüllend gewesen, erinnert sie sich. Ein schöner Zufall wollte es, dass Hermine Haubner just bei diesem Treffen herzliche Grüße von Gertraud Bergler überbrachte, die den ersten VHS-Kurs besucht hatte und mittlerweile 92-jährig in einem Chamer Altenheim lebt. Es lässt tief blicken, dass die betagte Dame immer noch Kontakt zu den Französisch-Freunden hält und von diesen auch regelmäßig besucht wird.

Dann aber stehen Regina und ihr Mann Peter im Mittelpunkt. Die beiden waren einige Male nicht da und erzählen folglich in feinem Französisch vom Urlaub in Portugal und ein paar Tagen beim Sohn und dessen Familie in Berlin. In die Zeit an der Algarve fiel der Absturz der Germanwings-Maschine; eines der Themen, die sich an diesem Abend so herrlich unkompliziert ergeben.

Der Französisch-Stammtisch

  • Aufgabe

    Seit seiner Eröffnung 2008 erfüllt das Mehrgenerationenhaus (MGH) die Aufgabe, Menschen zu verbinden. Neben den regelmäßigen acht eigenen Angeboten nutzen das Haus am Marktplatz Externe.

  • Untermieter

    Der Französisch-Stammtisch, der unter dem Dach der Volkshochschule läuft, ist einer der ältesten „Untermieter“. Entstanden ist er aus einem Anfängerkurs, der 1983 gestartet ist. Schon damals war Martina Mathes die Lehrerin.

  • Anfängerkurse

    Aus der Gruppe der Teilnehmer haben sich in den vergangenen Jahren immer wieder Dozenten herauskristallisiert, die ihrerseits Anfängerkurse übernommen haben.

  • Themen

    Neben Gesprächen über alltägliche Dinge des Lebens bereitet Martina Mathes aktuelle Themen aus dem Nachbarland vor. Die Zeitschrift „Écoute“ ist eine dankbare Basis.

  • Lebensart

    So geht es nicht nur um die Sprache, sondern auch über die Kultur und die Lebensart der Franzosen.

  • Besucher

    Wenngleich der Großteil der Gruppe seit vielen Jahren der gleiche ist, würden sich die Frankophilen über neue, interessierte Besucher freuen.

  • Stammtisch

    Der Stammtisch trifft sich immer mittwochs – außer in den Ferien – um 19.30 Uhr. Das Ende ist offen, denn es geht durchaus auch gemütlich zu und ein Glas Wein ist erlaubt.

  • Kontakt

    Wissenswertes zum MGH, dessen Programm und den anderen Anbietern gibt es unter www.mgh-waldmuenchen.de . (ps)

Es gibt aber noch einen Bestandteil, der so ganz und gar nichts mit einem Small-Talk am Wirtshaus-Stammtisch zu tun hat. Martina Mathes sorgt mit einem Artikel oder dem Berichten über eine aktuelle Entwicklung im Nachbarland für Tiefgang. An diesem Abend geht es um Jeanne d’Arc oder die Heilige Johanna von Orléans, die von der rechtsgerichteten französischen Partei Front National für deren Zwecke missbraucht wird. Klingt nach Schule und Lernen, ist aber allenfalls letzteres. Zwar wird ein Artikel durchgearbeitet, allerdings ist es das „Rechts und Links“ vom Text, das die Unterhaltung am Stammtisch so interessant, ja beinahe schon beeindruckend, macht. Welche Person in der Geschichte wurde noch von verschiedenen Seiten für die eigene Propaganda verwendet; Wie seltsam ist es, dass Jeanne d’Arc einerseits von der Kirche als Hexe verbrannt wurde und andererseits deren Heilige ist? Philosophischen Fragen wie diesen gehen die fünf Frauen und zwei Männer an diesem Abend nach. Wie auch grammatikalischen Besonderheiten nach dem Motto: „Wer traut sich an den fiesen Subjonctif heran?“ Martina Mathes zeichnet die Figur nach, zeigt am Tablet-PC einschlägige Orte in Paris, erklärt schwierige Worte – Rundumbetreuung.

Wer nicht so gerne reden möchte, darf auch zum Zuhören kommen“, beschreibt Martina Mathes, dass den Teilnehmern nichts abverlangt wird. Dass alle – zum Bedauern der Gruppe fehlen die festen Größen Ingrid und Uschi – ein tiefes Interesse an der Sprache und dem Land mitbringen, versteht sich von selbst. In diesen Zusammenhang muss der Name Combourg fallen.

Die Waldmünchener Partnerstadt in der Bretagne ist nicht ganz unschuldig an dem Französisch-Faible des einen oder anderen Teilnehmers. Christl etwa wollte für einen Besuch der Franzosen vor etwa fünf Jahren gerüstet sein und entschloss sich, ihr Schulfranzösisch aufzumöbeln. Ein Gedanke, den sie nie bereut hat. „Es ist ein ganz anderes Reisen in einem Land, dessen Sprache man spricht“, sagt die Waldmünchenerin.

Martina Mathes, die zugleich Vorsitzende des Partnerschaftskomitees ist, ist dankbar für soviel Interesse. „Ihr seid wichtige Inselchen, wenn unsere Freunde aus Combourg hier sind“, stellt sie klar. Margrit ergänzt, dass die Gruppe ganz erheblich von den Geschichts- und Landeskenntnissen ihrer Leiterin profitieren. „Da hab’ ich wohl in der Schule öfter mal nicht aufgepasst“, umschreibt sie die neue Art des Lernens. Hermine, die schon „gefühlte Ewigkeiten“ dabei ist, schätzt zudem die aktuellen Themen, die dank Martina Mathes aufgegriffen würden – und, dass jeden die Meinung des anderen wirklich interessiert, was die beste Gesprächsgrundlage sei.

Vom Angebot total überrascht

Eine besondere Formulierung steuert Regina beim Plausch über den Stammtisch als solchen bei. „Meine Güte, ist das toll“, erinnert sich die ExBerlinerin, die schon im Nachbarland gelebt hat, an ihre Reaktion, als sie auf überraschend viele Frankophile und den Stammtisch aufmerksam wurde, den sie „bemerkenswert für eine Stadt dieser Größe“ findet. Das sieht wohl auch Manfred so, der seit rund 20 Jahren den Weg aus Eslarn und damit rund 70 Kilometer Fahrt für jedes Treffen auf sich nimmt. Muss wohl ein besonderer Stammtisch sein, bei dem es nicht nur um Sprachen und Lebensarten, sondern ganz viel Feinsinn geht – auf Französisch.

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