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Kultur

Was uns zwei Aufrechte heute sagen

Bernhard Setzwein lässt Dietrich Bonhoeffer in Waldmünchen aus dem Jenseits zu seinem Weggefährten Josef Müller sprechen.
Von Johann Reitmeier

Setzwein seziert in seinem Stück die Unterschiede Dietrich Bonhoeffers und Josef Müllers alias „Ochsensepp“ – eine geistige Verbindung, die auch vom Tod des Priesters nicht gelöst wird.
Setzwein seziert in seinem Stück die Unterschiede Dietrich Bonhoeffers und Josef Müllers alias „Ochsensepp“ – eine geistige Verbindung, die auch vom Tod des Priesters nicht gelöst wird. Foto: Veranstalter

Waldmünchen.„Geschluckt“ wurde viel an diesem packenden Theaterabend in der Aula der Jugendbildungsstätte Waldmünchen. Zunächst auf der, in den Zuschauerraum mittig improvisierten Bühne durch einen der Hauptprotagonisten des Setzwein-Stückes „Später Besuch – Dietrich Bonhoeffer Redivivus“ – den Josef Müller, vulgo „Ochsensepp“. Darsteller Gernot Ostermann hatte dabei literweise „Schwarztee-Cognac“ zu vertilgen. Viel bedeutsamer war aber das tapfere Hinunterschlucken tiefer Betroffenheit so mancher Zuschauer angesichts des tragischen Geschehens im Stück.

Stück überzeugt durch Dichte

Setzweins Theaterstück handelt zwar in den ersten Jahren der neu entstehenden Republik nach dem Zusammenbruch und dem Desaster Weltkrieg II. Aber: Die Fragen, die es aufwirft nach menschlicher Schuld und Nichtschuld, nach Zuweisungen und Irrtümern, nach historischen Tatsachen, nach Moral und Integrität, Würde und Verführbarkeit, sind unbedingt aktuell. So gesehen ist das Stück niemals als historisch vergangen und abgearbeitet zu sehen. Alle Figuren darin sind zeitlos, ihre Tragik könnte sich auch heute so darstellen. Über die überragende literarische und dramaturgische Qualität des Theaterautors Bernhard Setzwein kann es ohnehin keinen Zweifel geben.

Bevor auf die Handlung des Stückes und die zugrundeliegenden Vorgänge einzugehen ist, sei die Inszenierung selbst – von der Regie beginnend (der junge blitzgescheite Regisseur Till Rickelt), auch die wie selbstverständlich wirkenden und deshalb so außergewöhnlich professionell erscheinenden Tricks und Theater-Einrichtungen erwähnt. Dazu füllte eine exzellente Schauspielerriege die komplexe Setzwein-Handlung mit Leben, das jeder Hauptstadtbühne Ehre gemacht hätte. Man kommt mit nur wenigen Requisiten und Darstellern aus, was der ungeheuren Dichte des Stückes gut tut.

Zum Teil sind sie entweder direkt am Landestheater Oberpfalz im Engagement – Doris Hofmann als zutiefst berührende Maria von Wedemeyer, die dem Begriff „Würde“ ein Gesicht verleiht – und Adrian Stuhlfelner, der den brutalen Schergen mit der Gewissenlosigkeit und Arroganz derer spielt, denen plötzlich Macht zuwächst. Der aus dem Off gesprochener Franz Josef Strauß trifft dessen unverwechselbaren Duktus auch gut, sogar ein wenig sarkastischen Humor mag man entdecken.

Ein Philosoph und ein Mann der Tat

Die zwei Hauptdarsteller wurden für dieses Stück extra „gecastet“: Hannes Hoffmann als durch und durch integerer, stets Fassung bewahrender und philosophisch-kluger Pastor Dietrich Bonhoeffer und, als Mann der Tat mit vielen Facetten und „Pragmatiker mit Ehre und Würde“ – Josef Müller, später berühmt geworden als „Ochsensepp“ und Gründer der CSU.

Doch zur Handlung: Durch ihre moralische Haltung und die daraus resultierenden Regime-Zwangsmaßnahmen stehen sich der Pazifist und gläubige Pastor Bonhoeffer als nächtliche Erscheinung und der vom konservativen christlichen Weltbild geprägte verdiente Frontoffizier, der Katholik Josef Müller gegenüber. In der Handlung wird klar, dass, warum und wie der eine – Bonhoeffer – den Schergen zum Opfer fiel und der andere – Müller – dem grausamen Tod entkam. „Redivivus“: Bonhoeffer erscheint dem gerade als Macher und pragmatischer Demokrat mit Visionen fußfassenden „Ochsensepp“ quasi als Wiedergänger, als aus Auferstandener.

Vorschau

  • Nächste Aufführung

    Übrigens wird im Februar 2017 (18.02.) auf Einladung des „Kulturverein Bayerischer Wald e. V.“ das neueste Theaterstück des Autors Bernhard Setzweins, in einer Aufführung von „theaterburg“ Burghausen, im Hotel am Regenbogen (Kolpinghaus) in Cham zu sehen sein.

  • Das neue Stück

    „Hrabal und der Mann am Fenster“ heißt Setzweins neues Stück und ist eine fein-ironische Parabel auf große Zeitumbrüche, eine Hommage auf den großen alten Mann der tschechischen Gegenwartsliteratur.

Tatsächlich argumentieren sich Bonhoeffer und „Ochsensepp“ um ihr Gewissen herum. Der Real-Visionär Müller glaubt an einen Wiederbeginn nach der Katastrophe, der „Geist Bonhoeffers“ ist für ihn moralische Instanz und „lebendige Erinnerung“ an die furchtbare Zeit. In den Disputen darüber wechseln beide sowohl die Sitzgelegenheiten als auch die Positionen der Standpunkte und Argumente – ein dramaturgisch geschickt arrangiertes Spiel.

Tiefe Emotionen statt Moralismus

Jetzt kommt eine neue Ebene in die Handlung hinein: Beide berichten darüber, wie ihre „Reise“ in die Todeszellen in Flossenbürg vonstatten ging. Wie sie isoliert wurden, immer wieder neue Hoffnung schöpften, wechselnd in Zuversicht, Verzweiflung und Resignation versanken und wie sie damit umgingen. Jetzt erscheint mit Maria von Wedemeyer, der jungen Verlobten und großen Liebe Bonhoeffers eine ebenfalls historisch verbürgte Figur. Ihre Gegenüberstellung mit dem geliebten Mann beim letzten Besuch im Berliner Gefängnis Hohenschönhausen und ihre Briefwechsel fassten schon hart ans Gemüt des Publikums. Die intensive Darstellung Marias durch Doris Hofmann berührte ganz besonders.

Bernhard Setzweins Stück ist, ohne Umschweife gesagt, bestes Volkstheater und ein Lehrstück „ohne den erhobenen Zeigefinger“. Es spricht den Wahrheitssinn der Menschen ebenso an, wie es sich die tiefen Emotionen nicht verkneift. Es schaut nicht weg. Und es zeigt auf, dass wohl Jeder von uns darüber nachdenken muss, wo er steht und warum man seine persönliche Haltung finden und zeigen sollte. Und was es auch noch auszeichnet, ist diese fesselnde Unmittelbarkeit. Es lässt den Zuschauer nicht aus, nicht einen Moment, man kann sich dieser Dichte nicht entziehen.

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