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„Wir leben hier unseren Traum“

Claudia und Jürg Friederich, genannt die Schweizer, haben in Untergrafenried ein Idyll gefunden – und unglaubliche Nachbarn.
Von Petra Schoplocher

 Claudia und Jürg Friederich sind am 1. April, wie sie selbst sagen, „aus der Schweiz ausgewandert“. Nun leben sie mit Pferden, Hunden und Katze in Untergrafenried – und fühlen sich sehr wohl.
Claudia und Jürg Friederich sind am 1. April, wie sie selbst sagen, „aus der Schweiz ausgewandert“. Nun leben sie mit Pferden, Hunden und Katze in Untergrafenried – und fühlen sich sehr wohl. Foto: Schoplocher

Waldmünchen.Monika Friederich ist forsch – deswegen liefert sie die Überschrift gleich mal vorne weg: „Die spinnen, die Schweizer“, könnte durchaus über dem stehen, was sie in den vergangenen Monaten erlebt haben, schlägt die 51-Jährige vor – und strahlt übers ganze Gesicht.

Die Schlagzeile kommt nicht von ungefähr, oft hätten sie diesen Satz in dem Vierteljahr, in dem sie in Untergrafenried wohnen, gehört. Zugegeben: Die Geschichte des Ehepaares klingt gehörig nach Abenteuer, und wie es sich gehört, gepaart mit einer großen Portion Mut und Glück. Und sie schließt eines ein: Es sei „der Hammer, wie wir hier aufgenommen und unterstützt werden“, sagt Claudia Friederich dankbar.

Dabei hatten die Persönlichkeitsentwicklerin und der pensionierte Medizintechniker einen Altersruhesitz in Deutschland eigentlich gar nicht auf dem Schirm. Erst, als sich die Suche in der Schweiz – zuletzt lebte das Paar in einem eigenen Haus im Züricher Vorort Horgen – nach zwei Jahren als aussichtslos erwies, wanderte der Blick über die Grenze. „Nach Schleswig-Holstein“, wie Jürg Friederich erzählt, „wir waren örtlich ja ungebunden“. In Norddeutschland kam die Ernüchterung rasch.

Statt einer Idylle aus Wattenmeer, Windmühlen und Reetdächern nur Dämme und Wind. Reumütig habe man den Blick wieder auf die Schweiz gerichtet; wohlwissend, dass Landschafts- und Heimatschutz große Hürden seien.

Das sind die Pferdestärken, die Jürg Friederich bevorzugt. Ob es eine dritte Harley gibt, wenn seine Frau ein neues Pferd kauft? Der Schweizer lacht.
Das sind die Pferdestärken, die Jürg Friederich bevorzugt. Ob es eine dritte Harley gibt, wenn seine Frau ein neues Pferd kauft? Der Schweizer lacht. Foto: Schoplocher

Claudia Friederich schlug eines Tages vor, sich doch auch in ihrer Heimat Bayern – die Tochter eines Schweizers wuchs in München auf – umzusehen. „Ich habe gespürt, dass eine Veränderung kommt“, sagt sie im Nachgang. Dabei hatte das Ehepaar das Haus in der Schweiz gerade einmal fünf Jahre zuvor erworben, „dabei kauft man in unserem Alter doch ebenerdige Wohnungen“, scherzt der 63-Jährige.

Später Blick nach Bayern

Also Bayern. Es dauerte nicht lange, ehe Jürg Friederich im Internet auf das Anwesen Untergrafenried 37 aufmerksam wurde –und „Lunte roch“. Allein die Tatsache, dass ein moderner Pferdestall zum Hof gehörte, klang schon nach einem Sechser im Lotto. Denn Claudia Friederich arbeitet seit einigen Jahren im Bereich „Coaching mit Pferden“. In der Schweiz waren Vollblut Spirit und Kaltblut Prinz jeweils eine halbe Stunde Fahrzeit von Zuhause entfernt – in unterschiedliche Richtungen. Alles andere als gute Bedingungen für die Persönlichkeitsentwicklerin.

Live Coaching mit dem Pferd

  • Das Ausbildungszentrum

    Mit Claudia Friedrich und ihrem Mann Jürg sind nicht nur die Tiere mit nach Untergrafenried gezogen, sondern auch das CAF-Ausbildungszentrum. Nicht zuletzt, weil viele Fragen dazu kamen, entschloss sich die 51-Jährige für eine Impulsveranstaltung, bei der das Konzept vorgestellt wird.

  • Der Termin

    Am Samstag, 25. Juni, von 10 bis 16 Uhr lädt die Persönlichkeitsentwicklerin ein, ihre Arbeit kennenzulernen. Um 11 Uhr und 14 Uhr sind Live Coachings mit dem Pferd geplant, für die Claudia Friederich gerne auf interessierte Freiwillige zurückgreift. Wer sich informieren möchte, kann sich per WhatsApp, Nummer 0171/5257195, oder über die Homepage melden. Getränke und Snacks stehen bereit, bei Regen wird die Veranstaltung verschoben.

  • Das Konzept

    Entscheidungsfragen, Angst- oder Stressbewältigung sind nur drei – wenn auch große – Bereiche, in denen „Pferd coacht Mensch“ greift. Da die Geschichten der Klienten immer sehr persönlich seien und jeder ein anderes Tempo habe, bietet sie nur Einzelbetreuung an. Eine Ausbildung kann von drei Monaten bis zu einem Jahr dauern, dann ist eine eigene Anmeldung beim Berufsverband ECA möglich. Einbringen kann sie Selbsterlebtes, „auch ich war einmal depressiv“, sagt die Tierliebhaberin, die zudem auf fast 20 Jahre Erfahrung als Coach zurückgreifen kann. (ps)

Friederichs Immobilien-Entdeckung datiert auf Ende Dezember, am 6. Januar – Claudia Friederich hatten „zufällig“ zwei Klienten abgesagt – fuhren die Schweizer nach Untergrafenried. In Erinnerung bleiben im Wesentlichen zwei Dinge. Das Wetter: „kalt, Nebel, bäh“ und das Gefühl, das sich bereits beim ersten Rundgang abends mit der Taschenlampe einstellte. „Könnte passen...“. Am nächsten Tag – bei der Besichtigung mit dem Makler – war „beim Reinlaufen“ schon klar: „Das isses!“.

Gut vier Wochen später saß das Paar beim Notar, kurz darauf war es Eigentümer von 4,2 Hektar im Bayerischen Wald, Ende März fuhr der Umzugswagen vor. „Wir mussten nur die Wände weißeln“, berichten die neuen Besitzer und schwärmen von der Aufteilung, aber auch dem Gästetrakt, der das Arbeiten von Claudia Friederich in Zukunft enorm erleichtern wird. Denn ihre Firma in der Schweiz musste die 51-Jährige verkaufen, ein Umzug war rechtlich nicht möglich. So gibt es nun ein deutsches Ausbildungszentrum.

Hier lesen Sie weitere Berichte in unserer Serie Wahlheimat Waldmünchen.

Was aber nach dem Einzug passierte, verschlägt den Schweizern nach wie vor die Sprache. „Wennst was brauchst, kummst“, gaben die Nachbarn als Parole aus – und Jürg Friederich ist gelegentlich immer noch irritiert, dass keiner je eine Gegenleistung gefordert oder erwartet hätte. „Selbst Bier haben sie noch mitgebracht“, ergänzt seine Frau. Das sei in der Schweiz undenkbar, erklärt der Pensionär, der nicht zuletzt an der Entwicklung in der Medizinbranche („der Mensch blieb auf der Strecke“) früher als geplant dem Berufsleben den Rücken zugekehrt hatte.

Landwirt im Schnelldurchgang

Am zweiten Tag standen sämtliche Gerätschaften bereit, schließlich muste für die Hunde Lord und Kimy ein Zaun gezogen und der Boden für die Pferde hergerichtet werden. Tagelang hätten die Nachbarn im Schweiße ihres Angesichts mit hingelangt. Selbst auf die Aussage „ich verfahre ja auch dein Benzin“, wollten sie nichts annehmen. „Die wollen einfach, dass wir uns hier wohlfühlen“, schildert Claudia Friederich bewegt. Die Untergrafenrieder sind es auch, die das Paar mit Basiswissen in der Landwirtschaft versorgen. „Wie man mäht und säht“, zum Beispiel.

Die Schweizer genießen die Arbeit auf dem Land, und immerhin hat Jürg Friederich genügend Geräte gefunden, die in seine Philosophie „alles Wichtige hat einen Motor“ passen – in Anspielung darauf. Wobei der 63-Jährige eine neue Passion entdeckt hat. „Manches ließe sich bestimmt vereinfachen“, umschreibt der „100-prozentige Schweizer“ (Friederich über Friederich) seine Leidenschaft fürs Tüfteln. Für diese bleibt noch etwas wenig Zeit, die Tage seien einfach sehr kurz im Moment. Dafür beinhalten sie einen Schatz: „Jeden Tag gibt es eine Bestätigung mehr, dass wir es richtig gemacht haben“, sagt das Ehepaar überzeugt – und aus ganzem Herzen.

Hier lesen Sie weitere Meldungen aus dem Landkreis Cham.

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