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Der Wächter des Big Mouth

Stefan Zeller gibt der Kneipenszene im Landkreis Cham eine Alternative. Seit 20 Jahren lebt Punk-Rock in seiner Bar in Furth.
Von Michael Gruber

Verschränkte Arme mit skeptischem Blick: Hinter dem Tresen ist Stefan Zeller ein Unikat im Landkreis. Seine Kneipe in Furth feiert in diesem Jahr den 20. Geburtstag.Foto: Gruber
Verschränkte Arme mit skeptischem Blick: Hinter dem Tresen ist Stefan Zeller ein Unikat im Landkreis. Seine Kneipe in Furth feiert in diesem Jahr den 20. Geburtstag.Foto: Gruber

Furth im Wald.Der Dunst durchzechter Samstage liegt noch in der Luft. Literweise Bier, der Schweiß der Kickerspieler, ein Glas „Fuck You“ hinterher. Wenn Stefan Zeller die schwere Metalltür in der Eschlkamer Straße öffnet, schlägt einem ein Stück Kneipengeschichte im Landkreis ins Gesicht: Ein langer Tresen mit einem guten Dutzend Barstühlen. Zwei Kickertische, 500 CDs, daneben eine Pyramide Hochprozentiges.

Im Big Mouth braucht es nicht viel Schnick-Schnack, keine Flatscreens oder die neusten Chart-Hits von Rihanna. Die Stimmung kommt hier auf, wenn Rock- oder Punk-Bands wie Fugazi, Bad Religion oder Rage Against The Machine aus den Lautsprechern dröhnen. Wenn der Kicker kracht und der Laden gegen Mitternacht zum Sound von Prodigy auf die Stühle steigt.

Der süße Moder eines Urgesteins

Seit dem Jahr 1998 geht das in Furth jetzt so: Im Big Mouth hat das überlebt, was viele unter alternativ verstehen. Der süße Moder eines Kneipenurgesteins regiert hier und mit ihm der Mann, der das aus dem Boden gestampft hat: Stefan Zeller aus Furth im Wald.

Zum Interview steht er da, wie ihn viele kennen: Die Arme verschränkt, die Haare spitz nach oben. Jeans, Chucks und eine schwarze Hornbrille mit einem skeptischen Blick dahinter: „Weiß gar nicht, ob es so viel über mich zu sagen gibt“, sagt der Wirt, der in diesem Jahr sein Jubiläum feiert. „20 Jahre Big Mouth“ steht auf dem Flyer zur großen Geburtstagsparty im Juni. Zwei Jahrzehnte Nachtleben hat Zeller im Landkreis hinter sich – die Generation iPhone kommen, die mit Mini-Disc gehen sehen. Gibt es da wirklich nichts zu erzählen? CDs auflegen, Drinks mischen, Seelsorger für Stammgäste spielen – von Donnerstag bis Sonntag. Zumindest das weiß der gebürtige Further heute sicher: Mit 47 Jahren denkt er noch lange nicht ans Aufhören. „Die Bar sperr ich erst zu, wenn ich keinen Bock mehr habe“, sagt Zeller. Auch wenn das an der Bar manchmal vielleicht anders aussehen mag. „Ich bin einfach keiner dieser Kaffeetanten, die einem für ein paar Euro falsch ins Gesicht lachen“, sagt Zeller. „Wenn ich einen schlechten Tag hab, dann verstelle ich mich nicht. Ich denke, das schätzen viele an mir.“

Der Chumbawamba-Song gab dem Big Mouth den Namen

Noch mehr schätzen sie das, was der Wirt nachts durch die Lautsprecher jagt: Ein Rebellenherz aus den späten Achtzigern, in dem der Punkrock schlägt. Seine Leidenschaft für Musik entbrannte während seiner Realschulzeit. Erst waren es die Beatles, dann die gitarrenverzerrte Anarchie der Sex Pistols, von Bad Religion, den Dead Kennedys und den Toten Hosen.

Die Fans von Metallica zogen ihre Kutten nach dem Konzert wieder aus: „Bei der frühen Hardcore-Punk-Bewegung war das irgendwie anders“, erinnert sich der Wirt. „Das war mehr als Lifestyle, da war politische Attitüde dahinter.“ Der Aktivismus im Umweltschutz zum Beispiel, oder das Leben in besetzten Häusern als Gegenentwurf zum System.

Kein Plan ist auch ein Plan

Irokesen und zerrissene Klamotten hat Zeller aber nicht gebraucht, um der Philosophie zu folgen: Kein Plan fürs Leben ist auch ein Plan. Vielleicht sogar der Bessere. Nach dem Fachabi versuchte sich Zeller als Gärtner-Azubi, dann folgten einige Semester Mathe-Studium in Regensburg. Geld aufs Konto brachten nur Gelegenheitsjobs: Nachts stand Zeller am Tresen des Boykott, einer alten Kneipen-Legende am Further Bahnhof, und wirbelte die Playlisten auf. Statt Genesis gab es Bad Religion zum Bier, wer sich zum x-ten Mal Dire Straits wünschte, bekam die zerbrochene CD serviert. „In einer Bar will ich doch von der Musikauswahl überrascht werden“, sagt Zeller. „Klar lasse ich mit mir reden, aber zwanzig Mal Billy Talent gibts bei mir auch heute nicht.“ Punk-Rock und ein Masterplan, das liegt so weit auseinander wie Richard Wagner und Joe Ramone. Weshalb auch die Geburt des Big Mouth das Produkt eines Zufalls ist, das mit einem gut gefüllten Sparschwein begann. „Ich war drei Jahre lang als Fahrer einer Möbelspedition unterwegs und wollte mir was wegsparen“, erinnert sich Zeller. Was er mit dem Geld machen würde, wusste er erst, als er mit seiner damaligen Freundin vor einer alten Eska-Reifendienst-Garage in Furth spazierte. „Wenn ich damals das Schild „zu vermieten“ nicht gelesen hätte, wäre ich wahrscheinlich heute nicht hier.“ Den Hilti-Presslufthammer nahm Zeller selbst in die Hand: Die Hebebühne kam raus, neue Abflussrohre rein. Ein Estrich in Eigenregie – nicht perfekt, aber eben mit Charme. So öffnete Zeller im Mai 1998 erstmals die Pforten zu seinem Big Mouth, dem Großmaul zu deutsch. Benannt nach einem Cover-Song der Band Chumbawamba von einem Klassiker der Smiths, wie Zeller verrät.

Lesen Sie hier alle Teile der Porträt-Serie „Köpfe aus dem Woid“

Das Verdikt der Evolution

Stefan Zeller am Mikro der Abgestorbenen Gehirnhälften. Foto: Zeller
Stefan Zeller am Mikro der Abgestorbenen Gehirnhälften. Foto: Zeller

Womit die Beweisaufnahme lange nicht zu Ende ist. Das Indiz schimmert auf einem CD-Cover, das der Wirt heute in der Hand hält: Titel Nummer sechs, das Schlagzeug hämmert, die Gitarren kreischen. Darüber rattert Zellers Stimme wie aus einer AK 47. Es geht um die Krisen der Menschheit: Flüchtlinge, Klimawandel, Finanzhaie. Beweisaufnahme hat Zeller diesen Song getauft, der auf dem neusten Album einer Band erschienen ist, die ihn seit dem Schulabschluss begleitet: „Die Abgestorbenen Gehirnhälften“.

„Viele fragen uns, was der Bandname soll. Die Wahrheit ist, dass es keine große Geschichte dazu gibt“, erinnert sich Zeller, „Wir fanden den Namen einfach gut.“ Zwei Mal im Monat probt er mit der Punk-Truppe, mal mehr, mal weniger, seit 29 Jahren. „Verdikt der Evolution“ titelt das Album mit elf Songs aus Zellers Feder, hinter denen ein politisches Statement steht: „Bei allem, was ich tue, versuche ich, ein Mensch zu sein und kein Affe und davon sind wir oft weit entfernt.“ Vorschreiben wolle er dennoch niemandem, wie er zu leben habe. Als Wirt des Big Mouth hütet Zeller deshalb weiter die große Klappe in Furth. Und jede noch lebende Hirnhälfte sagt: Ohne ihn wäre die Kneipenlandschaft im Landkreis alternativlos.

Der Song Leviathan von den Abgestorbenen Gehirnhälften

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