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Helfen ist ihre Lebensaufgabe

Mehr als 50 Jahre ist Brigitte Ertl im Ehrenamt aktiv. Seit ihrer Pensionierung widmet sie sich in Vollzeit anderen.
Von Steffi Bauer

Zam Zam aus Äthiopien freut sich über eine Kleiderspende, die sie nun in der Bad Kötztinger Flüchtlingsunterkunft mit der Ehrenamtskoordinatorin Brigitte Ertl durchschaut. Fotos: Steffi Bauer
Zam Zam aus Äthiopien freut sich über eine Kleiderspende, die sie nun in der Bad Kötztinger Flüchtlingsunterkunft mit der Ehrenamtskoordinatorin Brigitte Ertl durchschaut. Fotos: Steffi Bauer

Bad Kötzting.„Bukra“ und „badbukra“, ohne diese beiden Wörter geht es manchmal nicht. Brigitte Ertl verwendet sie aber nur, wenn die Fülle der Anfragen an sie einfach zu groß wird. Das arabische „bukra“ heißt „morgen“, es kommt zum Einsatz, wenn die Zeit heute nicht ausreicht. Und „badbukra“, das heißt „übermorgen“. „Wenn ich in einer Sache erst recherchieren muss“, erklärt sie.

Es ist kurz nach 10 Uhr morgens, und Ertl ist seit zehn Minuten in ihrem Büro in der Flüchtlingsunterkunft im Alten Bad Kötztinger Krankenhaus. In dieser kurzen Zeit wurde der 67-Jährigen schon ein Handy in die Hand gedrückt mit der Bitte, bei einem Telefonat mit einer Behörde zu helfen. Außerdem ein Karton mit Kleidung, der ausnahmsweise direkt an eine der Bewohnerinnen geht, anstatt wie sonst den Weg über die Kleiderkammer zu nehmen, ein Brief, der als Fax an einen Rechtsanwalt verschickt werden muss, und jetzt kommt auch noch Fatima mit einer großen Tüte voller Papiere zur Tür herein.

Auch Sprachkurse finden in den Räumlichkeiten der Asylunterkunft statt. Momentan sind aber Ferien. Fotos: Steffi Bauer
Auch Sprachkurse finden in den Räumlichkeiten der Asylunterkunft statt. Momentan sind aber Ferien. Fotos: Steffi Bauer

Wer Brigitte Ertl ist, das muss man in Bad Kötzting niemandem erklären. Sie ist Gründungsmitglied und Geschäftsführerin des Fördervereins Palliativstation am Krankenhaus, leitet ehrenamtlich den Seniorenclub und ist aus dem gesellschaftlichen und kulturellen Leben in Bad Kötzting einfach nicht wegzudenken. Und seit gut zwei Jahren ist sie Ehrenamtskoordinatorin der Flüchtlingsunterkunft, montags bis freitags, von 10 bis 15 Uhr – „meistens wird’s später, je nachdem, was anfällt“, sagt sie. Und es fällt viel an, auch heute – obwohl Brigitte Ertl meint: „Momentan ist es ruhig, weil Schulferien sind und die Ehrenamtlichen, die Unterricht geben, auch in den Ferien sind.“

Immer ein Ohr für anderer Nöte

Brigitte Ertl und Ghufran Hussein sind einer Bewohnerin der Flüchtlingsunterkunft beim Ausfüllen wichtiger Formulare behilflich. Fotos: Steffi Bauer
Brigitte Ertl und Ghufran Hussein sind einer Bewohnerin der Flüchtlingsunterkunft beim Ausfüllen wichtiger Formulare behilflich. Fotos: Steffi Bauer

Trotzdem ist viel zu tun, jede Menge Papierkram, unzählige Telefonate, vom Landratsamt sind Wohnungsangebote geschickt worden, die Brigitte Ertl heute durchsieht und weitergibt. Aber für die vielen Kopien auf ihrem Schreibtisch, die eine nach der anderen abgearbeitet werden müssen, und die Kommunikation mit den arabisch sprechenden Flüchtlingen hat sie zum Glück auch einen unersetzlichen Helfer: Ghufran Hussein aus dem Irak, dessen Asylantrag bereits angenommen wurde und der eine Wohnung in der Nähe des Krankenhauses hat. „Richtest du Moustafas Nachhilfelehrer bitte aus, dass er heute nicht kommen kann, weil er krank ist? Wir verschieben die Nachhilfe auf Montag“, bittet Ertl ihn, und der junge Mann macht sich auf den Weg.

„Er ist meine Hilfe Nummer 1 als Dolmetscher“, erklärt sie. Ghufran Hussein hat bei einem Bombenanschlag in seinem Heimatland beide Arme verloren. Zu sagen, er habe sich mit diesem Schicksalsschlag arrangiert, wäre eine Untertreibung. Denn seine Lebensfreude hat er nicht verloren, lacht viel mit Ertl, den anderen Ehrenamtlichen und den Flüchtlingen und versucht, in jeder Situation behilflich zu sein. Als er wieder zurückkommt, bittet Brigitte Ertl ihn um Hilfe beim Ausfüllen eines Antrags, wieder als Dolmetscher.

Lesen Sie hier alle Teile der Porträt-Serie „Köpfe aus dem Woid“

Die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft sind in jeder Hinsicht zur Selbständigkeit angehalten, zum Beispiel bei der Reparatur ihrer Fahrräder, werden aber bei Bedarf jederzeit von den ehrenamtlich tätigen Mitarbeitern unterstützt. Fotos: Steffi Bauer
Die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft sind in jeder Hinsicht zur Selbständigkeit angehalten, zum Beispiel bei der Reparatur ihrer Fahrräder, werden aber bei Bedarf jederzeit von den ehrenamtlich tätigen Mitarbeitern unterstützt. Fotos: Steffi Bauer

„Manche Flüchtlinge sprechen und schreiben noch nicht so gut deutsch, und es ist viel Papierkram auszufüllen, das ist ja ganz logisch“, erklärt sie. Wie bei Fatima und ihrer Tüte Unterlagen, die diese heute vorbeigebracht hat. Brigitte Ertl hilft beim Sortieren, aber nur ausnahmsweise, weil Fatima zusammen mit ihrer pflegebedürftigen Mutter nach Deutschland gekommen ist, „und da kommt einfach besonders viel zusammen.“ Ansonsten sind die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft, wie sie sagt, immer zur Selbstständigkeit angehalten, nicht nur beim Sortieren ihrer Unterlagen, sondern zum Beispiel auch in der hauseigenen Werkstatt, in der die Asylbewerber ihre Fahrräder selber reparieren.

Viele Telefonate und viel Papierkram gehören zum Arbeitsalltag der Ehrenamtskoordinatorin. Fotos: Steffi Bauer
Viele Telefonate und viel Papierkram gehören zum Arbeitsalltag der Ehrenamtskoordinatorin. Fotos: Steffi Bauer

Nichtsdestotrotz ist die Hilfe der Ehrenamtlichen – es sind um die zwanzig bis fünfundzwanzig aus Bad Kötzting und Umgebung – immer verfügbar. „Die Flüchtlinge haben jederzeit einen Ansprechpartner vor Ort, und daneben gibt es auch noch einen Sicherheitsdienst in der Unterkunft. Ich denke, die Menschen fühlen sich hier gut aufgehoben und angenommen“, so Ertl. Zu einem guten Teil liegt das sicher auch an dem herzlichen, aber bestimmten Auftreten der 67-Jährigen. Dass sie die notwendige Erfahrung für diese Aufgabe mitbringt, merkt man ihr an. Brigitte Ertl ist gelernte Arzthelferin und hat erst viele Jahre im Kötztinger Krankenhaus gearbeitet, dann bei der Regierung, wo sie sich ab 1988 in Windischbergerdorf, Gleißenberg und Arnschwang zwölf Jahre lang um russlanddeutsche Aussiedler gekümmert hat. Die Tätigkeit in der Flüchtlingsunterkunft ist also für sie nichts grundlegend Neues.

Eine weitere Bewohnerin kommt in Ertls Büro, ihr Sohn ist krank. Weil die Hausarztpraxis wegen Urlaubs geschlossen ist, ruft die Ehrenamtskoordinatorin in der Vertretungspraxis an und vereinbart einen Termin. Ghufran Hussein erklärt auf arabisch, wo die Praxis ist und wird von Ertl auch gleich als Dolmetscher für den Arztbesuch verpflichtet. Die Mutter verabschiedet sich mit einem „shukran“ – „danke“, das drittwichtigste Wort in der Flüchtlingsunterkunft.

Familie steht an erster Stelle

Ein „Danke“ spricht auch Brigitte Ertl aus, und zwar an alle anderen Ehrenamtlichen, die sich mit ihr und Michael Rabl, der als Angestellter der Regierung der Oberpfalz die Leitung der Unterkunft innehat, um die Asylbewerber kümmern. „Ohne sie würde es nicht gehen, in allen Bereichen“, sagt die 67-Jährige. Und auch ohne Brigitte Ertl würde es nicht gehen, und das schon seit 1965, als sie mit ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit begonnen hat – ebenfalls in einem Krankenhaus, damals in Roding, wo sie ausgeholfen hatte, damit die dort tätigen Nonnen sonntags auch einmal frei hatten. Seither gab es keine Ehrenamts-Pause. Und seit sie in Pension ist, erst recht nicht. Unter anderem betreut sie eine 81-jährige Frau in der Sankt Benediktus-Seniorenresidenz, deren Angehörige weiter weg wohnen, fragt nach, wie es ihr geht und ob sie etwas braucht, und besucht sie mindestens ein Mal in der Woche – je nach Bedarf. Alle vier Wochen organisiert die 67-Jährige außerdem den Seniorennachmittag, den immer 50 bis 60 Leute besuchen.

Brigitte Ertl ist Mitglied beim Fotoclub Cham, einige ihrer Bilder hängen auch in der Flüchtlingsunterkunft. Fotos: Steffi Bauer
Brigitte Ertl ist Mitglied beim Fotoclub Cham, einige ihrer Bilder hängen auch in der Flüchtlingsunterkunft. Fotos: Steffi Bauer

Für ihr ehrenamtliches Engagement hat Ertl die Bayerische Staatsmedaille für soziale Verdienste erhalten. „So lange ich kann, will ich mit dem Ehrenamt weitermachen“, verspricht sie. Brigitte Ertl ist verwitwet, hat eine Tochter und zwei Enkelkinder. Trotz ihres vielfältigen sozialen Engagements: „Die Familie steht bei mir an erster Stelle“, sagt sie. Ein bisschen Zeit für Hobbys hat Brigitte Ertl aber auch: Sie ist im Fotoclub Cham, liest viel und geht gerne zu ihrem Lieblingsitaliener auf einen Espresso.

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