MyMz
Anzeige

MZ-Serie

Reitmeiers Bühne ist der Bayerwald

Als Kind ließ Johannes Reitmeier die Puppen tanzen. Zum Jubiläum am Ludwigsberg lässt der Erfolgs-Regisseur Weiber streiken.
Von Michael Gruber

„Ich bin keiner, der nostalgisch zurückblickt. Ich schaue noch vorne und lebe im Moment“, sagt Johannes Reitmeier. Mit dem Stück „Der Weiberstreik“ feiert der Regisseur und Intendant des Tiroler Landestheaters dieses Jahr den 30. Bühnengeburtstag der Waldfestspiele. Mit seiner bayerischer Version von Goethes Faust verhalf er dem Laienschauspiel zum Durchbruch. Fotos: Gruber
„Ich bin keiner, der nostalgisch zurückblickt. Ich schaue noch vorne und lebe im Moment“, sagt Johannes Reitmeier. Mit dem Stück „Der Weiberstreik“ feiert der Regisseur und Intendant des Tiroler Landestheaters dieses Jahr den 30. Bühnengeburtstag der Waldfestspiele. Mit seiner bayerischer Version von Goethes Faust verhalf er dem Laienschauspiel zum Durchbruch. Fotos: Gruber

Bad Kötzting.Der Sexentzug wirkt. Die Abendsonne taucht die Stelzhütten in der Dorfmitte in Gold. Darunter poltern fünf Weiber zum Platz, als schickte sie Zeus persönlich wie Blitze vom Himmel. „Und wie gehts euren Alten?“, fragt die Frau mit den schwarzen Haaren. Lysistrata heißt sie und als gefrustete Ehefrau führt sie den großen Weiberstreik im Dorf an. Seit Jahren benehmen sich die Männer so, als hätten sie dem Kriegsbeil am Altar das Ja-Wort gegeben. Das Lustembargo zur Strafe trägt aber Früchte: „Meiner hat Schwielen an die Händ‘ und is etz scho am End‘“, ruft eine der Streikschwestern. Moment mal: Stopp.

In der ersten Reihe bäumt sich ein Hüne auf. Der Hals dick wie ein Baumstamm, die Zunge scharf wie eine Axt. „Deine Hand darfst Du an der Stelle ruhig breiter machen“, ruft Johannes Reitmeier der Dame zu und hebt demonstrativ den Arm. „ Spar nicht mit Schadenfreude für deinen Alten. Wir müssen an die Leute denken, die da vorne auf den Rängen sitzen.“

Antiker Testosteron-Überschuss

Gut 5000 Zuschauer werden in den nächsten beiden Wochen hier am Ludwigsberg die Tribüne füllen, um bei einer der zehn Vorführungen des „Weiberstreiks“ dabei zu sein. Wobei es den wenigsten auffallen dürfte, wie viele Professoren, Germanisten und Regisseure bereits über dem Stoff gebrütet haben: Aristophanes hat das Lustspiel im antiken Griechenland geschrieben. Schon lange vor Christi Geburt war der Testosteron-Überschuss ein aktuelles Thema: Kriegsgeile Trojaner, der zündelnder Nero. Heute ist es Trump, der kräftig trampelt.

„Das mystische und mythische der Region wirkt in den Menschen nach – mit ihrem Herzblut auf der Bühne.“

Johannes Reitmeier (55), Intendant des Tiroler Landestheaters und Regisseur der Waldfestspiele und des Lichtenegger Bundes

Mit seiner Version des Stückes „Der Weiberstreik“ will Regisseur Reitmeier aber nicht nur den Zahn der Zeit treffen. „Es gibt viele Menschen, die sich bei einem klassischen Stück nicht ins Theater trauen. Gerade diese Menschen wollten wir erreichen, als wir mit den Waldfestspielen angefangen haben“, blickt der gebürtige Bad Kötztinger zurück. Genau 30 Jahre ist es her, als er mit seinem Kollegen Thomas Stammberger hier stand und der Uraufführung des „Bayerischen Jedermanns“ entgegenfieberte. Den Schlüssel zum Herzen der Bayerwäldler glaubten die beiden Autoren zu kennen, als sie die Feder ansetzten: Die Sprache.

Johannes Reitmeier Regie-Anfänge bei einer Probe des Faust. Foto: Dachs/Archiv
Johannes Reitmeier Regie-Anfänge bei einer Probe des Faust. Foto: Dachs/Archiv

Im bayerischen Dialekt drangen die Klassiker der Hochkultur bei der Erstaufführung im Jahr 1988 ins Ohr des Landkreis-Publikums. Macbeth sprach wenig später wie ein Bürgermeister aus dem Zellertal, Goethes Faust kitzelten Reitmeier und Stammberger den Woidler aus der Kehle. Mit Erfolg: 1993 verfilmte der Bayerische Rundfunk eine Vorführung des Faust auf dem Ludwigsberg. In der Welt des Laientheaters spielen die Waldfestspiele in der Bundesliga, wobei es für Reitmeier noch höher hinaus ging.

Lesen Sie hier alle Teile der Porträt-Serie „Köpfe aus dem Woid“

Zwei Fäuste für einen gelungenen Weiberstreik: Wenn die Szene sitzt, genießt Johannes Reitmeier jede Silbe seiner Schauspieler. Fotos: Gruber
Zwei Fäuste für einen gelungenen Weiberstreik: Wenn die Szene sitzt, genießt Johannes Reitmeier jede Silbe seiner Schauspieler. Fotos: Gruber

Als Intendant des Tiroler Landestheaters wacht der 55-Jährige heute über ein Schauspielhaus mit Millionen-Etat: Bis 2021 soll der Anbau des Hauses der Musik fertiggestellt sein, ein 60 Millionen Euro teueres Kulturprojekt mit Platz für das Symphonieorchester und Einrichtungen der Uni – Reitmeier führt die Geschäfte. „Durch das Studium habe ich das akademische Rüstzeug in die Hand bekommen, die ganze Praxiserfahrung habe ich aber im Bayerwald mit auf den Weg bekommen“, sagt der Intendant.

Warum er in der spielfreien Zeit dennoch im Regiestuhl sitzt? Weil die Darsteller im Bayerwald ein besonderes Talent haben, findet Reitmeier. „Ein Laiendarsteller muss sich in hohem Maß mit der Rolle identifizieren können – mehr als bei einem Berufsschauspieler, der von Stück zu Stück wechselt, läuft das über den Bauch und das Herz. Hier im Bayerwald gibt es sehr große Charakterdarsteller, die mit großem Herzblut in die Hauptrolle geschlüpft sind.“

Walter Kolbeck als Brandner Kaspar Foto: Christa Rabl-Dachs
Walter Kolbeck als Brandner Kaspar Foto: Christa Rabl-Dachs

Walter Kolbeck, der Vereinschef des Lichtenegger Bundes, zum Beispiel – der ist bei Reitmeier nicht nur in seiner aktuellen Hauptrolle als Brandner Kaspar in Stein gemeißelt. Noch vor der Erstaufführung am Ludwigsberg erweckte der Rimbacher Theaterfreund mit Hilfe des Jungregisseurs die Bühne der Lichtenegger Burg zu neuem Leben: Nach schwindenden Zuschauerzahlen legten sie den alten Festspielstoff mitsamt sperriger Sprache ad acta und brachten 1992 den Mühlhiasl auf die Bühne. Ein Stück mit einer Figur im Fokus, die den Zauber des Woids verkörpern sollte. „Im Unterschied zum Ludwigsberg kommen die Figuren auf der Lichtenegger Burg aus der bayerischen Sagenwelt, sie sind knorrig und kauzig, ein wenig woidlerischer eben“, sagt Reitmeier.

Brandner Kaspar Premiere

Ein geborener Puppenspieler

Johannes Reitmeier mit Thomas Stammberger (r.) und Theo Hauser in den frühen Jahren auf dem Ludwigsberg – den Anfängen der Festspielgemeinschaft. Foto: Dachs/Archiv
Johannes Reitmeier mit Thomas Stammberger (r.) und Theo Hauser in den frühen Jahren auf dem Ludwigsberg – den Anfängen der Festspielgemeinschaft. Foto: Dachs/Archiv

Dann gibt es noch einen anderen Grund, weshalb er den Regiestuhl im Bayerwald so schnell nicht verlassen wird: „Für mich ist das Laientheater ein großes Gemeinschaftserlebnis. Die Schauspieler sind für mich zu einer zweiten Familie geworden.“ Reitmeiers große Gabe ist es , das Talent der Schauspieler an die Oberfläche zu holen, und diese Berufung wurde ihm in der Pfingstreiterstadt in die Wiege gelegt: Als Kind bastelte er eigene Kulissen für sein Kasperltheater, ließ dort vor den Eltern die Playmobil-Figuren tanzen, ehe er im Benedikt-Stattler-Gymnasium für sein erstes selbstkreiertes Kriminalstück auf der Bühne stand.

Die Puppen, um die es bei seinem 30-jährigen Jubiläum geht, stehen mit verschränkten Armen im Spalier auf der Freiluftbühne: „Grapscht mia mei Alder einfoch in de Eapfl, beiß ichna in sain Schneapfl“, sagt eine Dame aus dem Kreis des Weiberrats. Im Original des Stücks Lysistrata kommt die Figur aus Sparta – für die bayerische Adaption des Weiberstreiks hat sie Reitmeier zur Fränkin gemacht. „Greif Dir ruhig im richtigen Moment an den Busen. Die Leute verstehen den Dialekt nicht unbedingt sofort“, sagt Reitmeier. Bis zur ersten Sprachbarriere muss es gar nicht ins antike Griechenland gehen.

Weitere Meldungen aus dem Landkreis Cham lesen Sie hier

Erhalten Sie täglich die aktuellsten Nachrichten bequem via WhatsApp auf Ihr Smartphone. Alle Infos dazu finden Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht