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Zwei Further, die mit Oasis tourten

Keine Band aus dem Landkreis Cham war erfolgreicher als „Atomic“. Jetzt wollen Thomas und Rainer Marschel wieder nachlegen.
Von Michael Gruber

Die Marschels beim Shakehands mit Noel Gallagher von Oasis. Fotos: Marschel
Die Marschels beim Shakehands mit Noel Gallagher von Oasis. Fotos: Marschel

Furth im Wald.Oft reicht ein kleines Wörtchen aus und die Welt eines Teenagers ist nicht mehr das, was sie war. Und wahrscheinlich würden Thomas und Rainer Marschel heute mit Anzug in der Sparkasse stehen oder am Fließband beim Zollner schuften, an eigene Kinder und ans Hausbauen denken, wie der Durchschnitts-Further mit 39 Jahren. Wäre da nicht dieses eine „Maybe“ gewesen, an diesem einen tristen Wintertag 1994, das für die beiden Zwillingsbrüder eine Offenbarung werden sollte.

Im Kinderzimmer der beiden stapelten sich damals die ersten CDs von den Beatles, den Rolling Stones und den Kinks: Der Sound der 60s hatte die beiden früh infiziert. Andere Siebtklässler liefen mit Metallica- und Nirvana-Shirts über den Pausenhof, die Marschels eckten mit Bobfrisuren an, trugen Sneakers, zugeknöpfte Hemden. So wie die Mods aus Großbritannien, Bands wie The Who, The Kinks, für die sich Ende der Neunziger niemand interessierte – bis auf die zwei jungen Brüder aus Furth, für die der Traum des Rockstar-Lebens bald Realität werden sollte.

Initialzündung auf MTV

Thomas Marschel mit einer seiner eigenen Platten von Atomic und dem großen Vorbild – Oasis‘ „Definitely Maybe“. Fotos: Marschel
Thomas Marschel mit einer seiner eigenen Platten von Atomic und dem großen Vorbild – Oasis‘ „Definitely Maybe“. Fotos: Marschel

Der zündende Moment kam, als Rainer auf dem Sofa vor der MTV-Sendung 120 Minutes saß: Die zwei Brüder Noel und Liam Gallagher von der Band Oasis präsentierten ihre erste Single „Live Forever“. Mit John-Lennon-Brillen auf der Nase stimmten sie einen Sound an, der in die Fußstapfen britischer Beatmusik trat. Rainer griff zum Hörer, verständigte seinen Bruder und der erinnerte sich noch gut, als er seine Idole zum ersten Mal sah: „Ich habe nur gehört, wie Noel das erste ‚Maybe‘ singt und ich habe gewusst: Das ist es. Wir haben beide Gänsehaut bekommen und wir waren uns einig: Genau das wollen wir auch!“

Gemeinsam mit der Band im Tourbus durch Europa reisen, vor schwitzenden Mengen im Rampenlicht baden, in einer Liga mit den großen Indiebands im Rolling Stone zu stehen – davon haben die Brüder aus Furth im Wald geträumt – und sie haben es bekommen.

Nicht nur mit dem Look der Gallagher-Brüder von Oasis konnten Thomas und Rainer Marschel in der Indie-Szene der Nullerjahre groß punkten. Fotos: Marschel
Nicht nur mit dem Look der Gallagher-Brüder von Oasis konnten Thomas und Rainer Marschel in der Indie-Szene der Nullerjahre groß punkten. Fotos: Marschel

Mit drei Studioalben hat ihre Band Atomic die Indie-Szene aus ganz Europa aufhorchen lassen, das 2015 erschiene „Heartbeater – The Remix Album“ brachte es zuletzt unter die Top 5 der österreichischen Indie-Charts. Mit Indie-Rock-Legenden wie Babyshambles, den Sportfreunden Stiller, Thees Uhlmann von Tomte und ihren Idolen Oasis hat sich die Truppe der beiden Further die Bühne geteilt. Knapp fünfzehn Jahre lang tourten die Marschels mit ihrer Brit-Pop-Band aus dem Bayerischen Wald durch ausverkaufte Konzerthallen in München, Berlin, Graz oder Prag, wurden von Musikmagazinen wie der Visions und dem Rolling Stone als Geheimtipp aus der Provinz angepriesen.

Mundpropaganda statt Youtube

Ihren steilen Aufstieg erklären sich Thomas und Rainer heute so: „Für jede Band gibt es die richtige Zeit und den richtigen Ort – und wir hatten einfach den Zeitgeist erwischt.“ Mit dem Siegeszug von Youtube und Streamingdiensten wie Spotify sei auch die Zeit der großen Rockband-Hypes Geschichte – vor allem das Bandalbum habe dadurch an Stellenwert verloren. „Unsere ersten Demos haben wir zum Teil noch auf Kassette verschickt, die Plakate und Flyer für die Konzerte selbstgebastelt und Mundpropaganda gemacht,“ erinnert sich Gitarrist Rainer an die Szene der frühen Nullerjahre.

Mit seinem Bruder Thomas steckt er das ganze Herzblut in einen großen Traum: Entdeckt zu werden, von einem großen Musiklabel, um wie ihre Idole Oasis die Massen zu begeistern. Nach ersten Bandproben in einer Arnschwanger Garage nahmen sie 1999 mit drei Bandkollegen ihre erste Demo-CD auf, verschickten sie mit Fotos und Promomaterial an Musikzeitschriften, Plattenlabels und brachten den Stein ins Rollen. „Wir haben damals bestimmt 1000 Mark im Monat für Porto ausgegeben, wir waren überzeugt, dass wir es schaffen“, sagt Sänger Thomas.

„Unseren Bandkollegen schlotterten die Knie, aber wir zwei standen vorne wie Asterix und Obelix, wir hatten keinen Schiss.“

Thomas Marschel

300 Leute kamen auf ihr Debütkonzert in der Further Bayhalle, und es dauerte nur wenige Monate, bis die erste Anfrage aus München kam. Am Telefon: Der Manager der Sportfreunde Stiller, damals Betreiber des Atomic-Cafés in München, der Hotspot der Indie-Szene, nach dem die jungen Marschels ihre Band getauft hatten. In der Süddeutschen Zeitung war die erste Kritik über die Brit-Popper aus der Provinz erschienen, die den Furthern im Jahr 2001 den entscheidenden Karrieresprung bescheren sollte. „Es war total irre, der Zündfunk war da, die Süddeutsche, ein Haufen Labelagenten. Unseren Bandkollegen schlotterten die Knie, aber wir zwei standen vorne wie Asterix und Obelix, wir hatten keinen Schiss. Weil wir das einfach durchziehen wollten“, erinnert sich Thomas.

Wenige Wochen später schüttelten sie Liam und Noel Gallagher in Berlin die Hand, auf Einladung eines Plattenbosses von Sony, der in Atomic Potenzial für die Indie-Charts sah. Studioaufnahmen, Tourbegleitung von Oasis, Paul Weller und den Babyshambles, After-Show-Parties mit Mehmet Scholl und „Germany’s Next Topmodel“-Star Lena Gercke – und das nach weniger als zwei Jahren im Proberaum. „Uns ist das natürlich zu Kopf gestiegen“, weiß Thomas heute. „Wir sind total abgehoben. Uns wurde damals angeboten, mit Mando Diao auf Tour zu gehen, als sie noch keiner kannte. Wir lehnten ab, weil wir den Sound zu schlecht fanden.“ Die schwedische Band schrieb daraufhin als eine der erfolgreichsten Indie-Bands der Welt Musikgeschichte.

Lesen Sie hier alle Teile der Porträt-Serie „Köpfe aus dem Woid“

Karten werden neu gemischt

Thomas und Rainer Marschel mit den Band-Kollegen von Atomic  Fotos: Marschel
Thomas und Rainer Marschel mit den Band-Kollegen von Atomic Fotos: Marschel

Inzwischen ist der große Hype um Atomic Geschichte und an den letzten Live-Auftritt der Further Brit-Pop-Wunder erinnern sich die Marschels noch gut. 2013 standen sie am Regensburger Bismackplatz auf der Bühne, Rainer spielte gerade ein Solo-Stück auf der Gitarre, als Thomas Handy klingelte. Am Telefon meldete sich ein Mitarbeiter ihres zweiten Standbeins, das Cappuccino in Furth im Wald. So hieß die Bar für Live-Musik und Indie-Parties, mit der die beiden Musikfans Fuß in der Gastronomie fassten – Band und Bar ließen sich jedoch bald nicht mehr unter einen Hut bringen, sagt Thomas heute. „Als unser Mitarbeiter während des Gigs anrief, weil er in der Bar nicht weiter wusste, war die Sache mit Atomic für uns erst einmal abgehakt.“

„Wir sind total abgehoben. Uns wurde angeboten, mit Mando Diao auf Tour zu gehen, als sie noch keiner kannte. Wir lehnten ab, weil wir den Sound zu schlecht fanden.“

Thomas Marschel

Heute werden für die Further Brüder die Karten neu gemischt. Ende 2016 sahen sie sich gezwungen, das Cappuccino am alten Standort im Haus Ostende dicht zu machen. Eine passende Alternative fanden die Marschels für die Bar bisher aber nicht. Dafür verfolgen sie einen anderen Plan: „Wir haben zwölf neue Songs geschrieben und wollen mit Atomic wieder durchstarten.“ Daneben gehen die Brüder weiterhin als Event-Veranstalter und mit regelmäßigen DJ-Gigs ihrer großen Leidenschaft nach: Mit Gitarrenmusik den Bayerischen Wald zu erobern. Immer im Ohr: das große „Maybe“ von Oasis.

Lesen Sie hier: Atomic landen auf Actionfilm-Soundtrack – Der Song „Monkey Fingers“ der Band aus Furth im Wald ist im Film „Accident Man“ mit Scott Adkins zu hören.

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