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Serie

Nicht alle Brasilianerinnen tanzen Samba

Warum kommen Menschen aus anderen Ländern nach Bad Kötzting? Im ersten Teil spricht die in Rio de Janeiro geborene Roberta Springer über New York City, Klischees und Sprachbarrieren.
Von Lisa Kräher

Roberta Springer (45) lebt seit acht Jahren mit ihrer Familie in Bonried. Gut Golhof und das dazugehörige Grundstück sind das Kontrastprogramm zu New York City. Dort lebten Roberta, ihr Mann und die zwei Kinder vorher.Foto: Kräher

Bonried. 11. September 2001, Manhattan: Roberta hat gerade ihren kleinen Sohn Frederic in die Vorschule gebracht. Mit Baby Isabella auf dem Arm will sie mit einer Freundin in einen Park gehen. Da erfährt sie vom Terroranschlag auf die Zwillingstürme. „Die nächsten drei Monate waren wie Krieg“, erzählt Roberta heute. Das Haus der Familie in Brooklyn, das Leben in Manhattan. Wer über die Brücke fahren wollte, durfte in den kommenden Monaten nur mit Beifahrer und nach strengen Kontrollen. Der Terroranschlag war ein wesentlicher Grund, warum die Familie Springer New York verließ. Heute lebt Roberta mit ihrem Mann Ronald und den beiden Kindern in Bonried.

Roberta interessierte sich schon immer für die deutsche Kultur – für Mozart, Bach und Beethoven. In Sao Paulo studierte sie Klavier, da sind die deutschen Komponisten quasi wie das Einmaleins in der Mathematik. Nebenbei belegte sie sechs Semester Deutsch. Zu dieser Zeit hätte sie nicht geglaubt, dass sie einmal hier leben würde, auf dem Gut Golhof mitten im Bayerischen Wald. Von hier aus genießt sie den Blick über das Zellertal.

Grün, grün, grün

Im September 2001 reist ihr Mann, ein gebürtiger Nürnberger, geschäftlich in den Bayerischen Wald. Er ruft sie an und erzählt, wie schön es hier ist. Sie sagt: „Schatz, kauf uns ein Stück Land!“ Als der Mann wieder nach New York kommt, hat er das Gut Golhof in Bonried längst im Visier und zeigt seiner Frau ein Video. „Ich sah nur grün, grün und nochmal grün“. Grün sehen – was man hier vor der Nase hat, kann in New York City ganz schön stressig sein, sagt Roberta. „Da ist es ein riesen Aufwand, einem Kind einen Baum zu zeigen.“ Die Fahrt bis zum Central Park dauert ewig, dann zahlt man viel Geld für ein Parkticket und dann wollen die Kinder auch noch Eiscreme!

Seit Juli 2002 lebt die Familie in Bonried. Am Tag der Einreise spielt Deutschland gegen Brasilien im Finale der Fußballweltmeisterschaft. Die, die sonst so leidenschaftlich für ihre Landsmänner fiebert, drückt an diesem Tag heimlich den Deutschen die Daumen. „Ich dachte, sonst lassen die mich nicht rein“, sagt Roberta schmunzelnd. Sie weiß noch genau, wie sie zum ersten Mal aus dem Auto stieg und den Wasserbrunnen im Hof sah. „In New York kauft man Trinkwasser in riesigen Plastikbehältern und hier kommt das Wasser aus dem eigenen Brunnen. Das ist Luxus!“

Anfangs behalten die Spingers ihre Wohnung in New York City. Schon nach drei Monaten war klar: Hier ist das neue Zuhause. Der kleine Frederic kam damals in die erste Klasse der Bad Kötztinger Grundschule – ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Nach zwei Monaten verstand er die Lehrer und seine Mitschüler problemlos, erzählt die Mutter. Tochter Isabella besucht heute die vierte Klasse. Sie könne sogar auf Knopfdruck bairisch reden. Roberta selbst ist nicht zufrieden mit ihren Sprachkenntnissen. Sie hat Integrations- und Deutschkurse an der Vhs Cham besucht, für einen Intensivkurs fuhr sie monatelang täglich nach Regensburg. Heute fühle sie sich immer noch unsicher und rettet sich gelegentlich ins Englische. Deutsch sei nun einmal sehr schwer zu lernen, sagt Roberta. „Die Leute, mit denen ich portugiesisch spreche, kennen viel mehr von mir, als die, mit denen ich Deutsch spreche.“ Auch Ironie sei in einer anderen Sprache einfach viel schwerer. Wäre ihr Mann kein Deutscher, gibt sie zu, würde sie manchmal verzweifeln.

Hawaiianer im Paradies

Oft kommt Besuch nach Bonried. „Ihr lebt wie im Paradies“ sollen Freunde aus Hawaii gesagt haben. Zur Zeit ist ein Fußballspieler aus Brasilien da. Er spielt bei verschiedenen Klubs in der Region vor und hofft so, irgendwann in der Deutschen Bundesliga zu spielen. „Das ist der Traum von vielen jungen Brasilianern“, sagt der junge Mann.

Roberta schätzt vor allem die Ruhe und die Natur. Hier können ihre Kinder ohne Großstadtstress aufwachsen. „Als ich hierherkam, dachte ich, die Uhr tickt langsamer.“ Sie hatte den Eindruck, als lebe man hier wie vor hundert Jahren, nur mit der Technologie von heute – sehe man einmal von der Internet-Geschwindigkeit ab.

So langsam die Uhr hier auch ticken mag: Roberta hat viel zu tun auf dem großen Gutshof. Als Konzertpianistin ist sie nur noch selten unterwegs. Dafür unterrichtet sie zu Hause Klavierschüler. Sie selbst stammt aus einer Familie mit vielen Künstlern. Seitdem sie sechs Jahre alt ist spielt sie Klavier. Musik ist ihre große Leidenschaft. „Ich könnte den ganzen Tag spielen!“

Roberta fühlt sich hier im Bayerischen Wald zu Hause. Doch sie vermisst den Strand in Brasilien (Roberta lebte in Rio nur zwei Blocks von dem bekannten Strand von Ipanema entfernt) und das Essen, viel Obst und Gemüse. Bevor sie nach Bayern kam, ernährte sie sich vegetarisch. „Das geht hier nicht“, sagt sie und lacht. An New York vermisst sie die Kinos. Die amerikanischen Filme seien in Originalsprache einfach viel besser. Und sie denkt oft an die verrückten Cocktailpartys von verrückten Künstlern, jeden Tag eine andere Vernissage.

Brahms, Bach, Beethoven, Mozart – als Roberta damals nach Deutschland kam, dachte sie, ein jeder weiß, wie die Werke der großen Komponisten klingen. Dafür nahm sie es Deutschen nicht übel, wenn die dachten, dass alle Brasilianerinnen Samba tanzen. Das nämlich, gibt Roberta zu, könne sie nicht besonders gut.

In unserer Serie stellen wir jede Woche Menschen vor, die aus anderen Ländern nach Bad Kötzting gekommen sind. Lesen Sie im nächsten Teil: Kuldip Krämer aus Indien lebt seit 24 Jahren in Bad Kötzting und kann kein Hochdeutsch, nur Bairisch.

Alle Teile können im Internet unter www.mittelbayerische.de/vielfalt nachgelesen werden.

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