MyMz
Anzeige

MZ-Serie

Das kleine Wunder heißt Ludwig

Seine Eltern sind mit dem Fahrrad um die halbe Welt gefahren. Ihr zweiter Sohn ist jetzt in Tschechien auf die Welt gekommen.
Von Sybille Fleischmann

Turbulente Geburt –gesundes Baby! Der kleine Ludwig Fleischmann und seine Mama sind wohlauf.
Turbulente Geburt –gesundes Baby! Der kleine Ludwig Fleischmann und seine Mama sind wohlauf. Foto: Fleischmann

Cham.Nervös wie kurz vor einer Prüfung trete ich zu der Frau hinter der Theke und versuche ein Lächeln: „Verstehen Sie Deutsch? Ich möchte das bezahlen bitte“, sage ich mit möglichst fester Stimme und überreiche ihr die Rechnung und meine Kreditkarte. Langsam wendet sich die Dame von ihrem Fernsehbildschirm ab und mustert mich skeptisch von Kopf bis Fuß, so dass mir noch ein wenig unwohler wird.

Zugegeben, ich sah schonmal besser aus. Aber ich bin auch nicht auf einem Galaabend, sondern im Krankenhaus! Dennoch erscheint Geringschätzung in ihren Augen, als ihr Blick von meinem labbrigen T-Shirt über die ausgebeulten Jogginghosen hinunter zu meinen Schuhen wandert. Die ausgetretenen Wanderstiefel haben sicher schon bessere Tage gesehen – vielleicht so vor fünf Jahren – aber sie sind bequem und das ist doch das wichtigste, oder etwa nicht?

Eine Geburt per Kreditkarte

„Du siehst aus wie der Zachäus“, hat Michael vorhin schon kopfschüttelnd festgestellt – mit liebevollem Lächeln zwar, aber auch ihm war nicht entgangen, dass die Leute hier – besonders die Frauen –sehr gepflegt daherkommen, sogar an einem Ort wie diesem.

So plagt mich also neben der Frage, ob die Kreditkarte akzeptiert wird und ob die Frau mich überhaupt versteht, auch noch das ungute Gefühl, schlecht gekleidet zu sein, obwohl das wirklich egal sein sollte. Den komischen Eindruck hinterlassen wir so oder so, sicher wird über uns getuschelt: „Was wollen wohl die beiden Deutschen hier? Können kein Wort unserer Sprache …“.

Dabei haben die Sprachbarrieren noch die wenigsten Probleme verursacht. Viele hier sprechen Deutsch oder Englisch; davon abgesehen kann beinahe alles auch nonverbal kommuniziert werden. Natürlich macht es aber die Dinge viel einfacher und schneller, wenn man sich in irgendeiner Sprache verständigen kann. So wie jetzt bei der Dame hinter der Theke.

Die Krankenkasse sperrte sich

Unbeschwerte Zeit in den Tropen: In Asien ist das Baby im Bauch herangewachsen.
Unbeschwerte Zeit in den Tropen: In Asien ist das Baby im Bauch herangewachsen. Foto: Fleischmann

„Kontrolle hier bittäschön“, sagt sie und überreicht mir die Quittung, die das Kartenlesegerät ausgespuckt hat. „Verkauft“ steht in fetten Buchstaben ganz oben –auf Deutsch sogar. Der Anblick dieses Wortes löst Erheiterung bei uns aus – und Erleichterung. Bezahlt – verkauft!

Ich unterschreibe und bestätige damit die Abbuchung von knapp 28 000 Kronen von unserem Konto. Das ist der Moment, in dem das endlose Gedankenkarussell, das sich seit Monaten in unseren Köpfen dreht, endlich zum Stillstand kommt. Jetzt kommt zur Freude, die wir erlebt haben, eine große Portion Unbeschwertheit hinzu.

Mit beschwingtem Schritt (in ausgelatschten Schuhen) eilen wir zurück ins Zimmer. Jetzt können wir uns ums Wesentliche kümmern, denn dort wartet der Grund für all die Aufregungen der letzten Zeit: Unser wunderschönes Baby liegt selig schlafend in seinem kleinen Bettchen!

Bruder Maximilian und sein Papa freuen sich riesig über das neue Familienmitglied.
Bruder Maximilian und sein Papa freuen sich riesig über das neue Familienmitglied. Foto: Fleischmann

Ein Anblick, bei dem uns das Herz aufgeht und all die Sorgen und Nöte vergessen sind. So winzig und zart… so hilflos…, so zauberhaft! Da ist er – unser zweiter Sohn: Ludwig Michael Fleischmann. Wenn ich sein kleines Gesicht ansehe, fühle ich großes Glück und Dankbarkeit, weil alles gut ausgegangen ist.

Lesen Sie hier die weiteren Teile unserer Serie über die Chamer Reiseradler.

Die Vorzeichen für Ludwigs Start ins Leben waren nicht die einfachsten: Wegen unseren langen Auslandsreisen hat unsere Krankenversicherung eine Kostenübernahmesperre von sechs Monaten verhängt. Fatal, denn eine Geburt in Deutschland ist ziemlich teuer. Lange haben wir darüber gegrübelt, wie und wo wir unser Kind zur Welt bringen sollen, ohne uns finanziell zu ruinieren.

Der Mut der Verzweiflung ließ uns alle Möglichkeiten in Betracht ziehen, auch unkonventionelle. Letztendlich lag die Lösung nur wenige Kilometer entfernt: Da, wo fast jeder aus dem Landkreis regelmäßig hinfährt, um günstiges Benzin und Zigaretten einzukaufen, sollten auch die Preise der Krankenhäuser deutlich billiger sein als in Bayern: die Tschechische Republik.

Die Reiseradler

  • Die Weltreise

    Michael und Sybille Fleischmann aus Niederrunding sind seit Sommer 2010 mit dem Fahrrad auf Weltreise unterwegs und berichten regelmäßig in unserer Zeitung.

  • 11 000 Kilometer

    Von bisher 18 500 Kilometern haben sie tatsächlich 11 000 mit den Rädern zurückgelegt.

  • Gomolf und Diu

    Die Hunde Gomolf und Diu waren von Anfang an mit auf Reisen. Gomolf ist aber in Kambodscha gestorben.

  • Stationen

    Sie waren in Serbien, Rumänien, Georgien, Kasachstan, China, Laos und Thailand und zuletzt in Myanmar (früher Burma)

  • Der erste Sohn

    In Kambodscha ist 2013 ihr Sohn Max geboren. Die Familie hat sich dort anschließend für über ein Jahr heimisch gemacht. In Kambodscha hat das reisefreudige Paar auch geheiratet.

  • Pause

    Im vergangenen Jahr haben Sybille und Michael eine Pause auf ihrer Weltreise eingelegt und sich mit Sohn Max daheim in Niederrunding ein wenig von den Strapazen erholt.

  • Der zweite Sohn

    Ludwig Michael Fleischmann ist jetzt in Domazlice in Tschechien auf die Welt gekommen, weil die Krankenkasse wegen der langen Auslandsaufenthalte eine Geburt in Deutschland nicht bezahlen wollte.

Viel Recherche und ein obligatorischer Besuch des Krankenhauses in Domazlice bestätigten unsere Vermutung. Und doch brauchte ich eine Weile um mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass ich schon wieder im Ausland entbinden werde. „Ist doch auf jeden Fall viel besser als Kambodscha“, haben mir im Vorfeld viele gesagt – aber ist es das wirklich?

Als ich mit Wehen im Krankenhaus ankam habe ich leider schnell gemerkt, dass das gutgläubige Vertrauen, das ich den tschechischen Geburtshelfern entgegenbrachte, keineswegs auf Gegenseitigkeit beruhte: Da kommt diese (schlecht gekleidete) Deutsche daher und will ausgerechnet in Domazlice entbinden?

Und dann noch meine äußerst fragwürdige Vorgeschichte: „Sie hatten einen Kaiserschnitt in … Kambodscha?!“, hat der tschechische Arzt völlig verdutzt wiederholt – und uns nicht geglaubt, dass es dafür keine medizinische Notwendigkeit gegeben hat, sondern der kambodschanische Doktor nur mehr Geld verdienen wollte.

Seit dieser Erklärung war der tschechische Arzt vermutlich geplagt von der Vision, dass die alte Kaiserschnittnarbe aus Kambodscha jeden Moment aufreißen könnte – oder dass ich ihm etwas verschweigen würde. So nahmen die Dinge ihren Lauf, bis ich am Ende auch hier auf dem OP-Tisch gelandet bin. Wieder ein Kaiserschnitt!

Und doch wieder ein Kaiserschnitt!

Die zweifelhafte Erfahrung, bei lebendigem Leibe aufgeschlitzt und das Baby herausgerissen zu bekommen beinhaltet zum Glück diesen einen Moment, der alles Leiden bei weitem aufzuwiegen vermag. Der eine Moment, der uns die Freudentränen in die Augen trieb und den wir nie wieder vergessen werden: Der Moment, da unser Baby seinen ersten Schrei tat. Wieder dürfen wir das kleine Wunder erleben und das unbeschreibliche Glück erfahren, dass wir einem kleinen Menschen das Leben geschenkt haben. – Und jetzt können wir ihn endlich mit nach Hause nehmen.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht