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MZ-Serie

Der Weg als Ziel – das ist Freiheit

Die Weltreise-Radler aus Niederrunding lassen sich in Thailand treiben, wo keine Touristen sind. Und sie landen bei Buddha.
Von Sibylle Fleischmann

Seinen Segen haben wir: Das Oberhaupt des Tempels lädt uns ein, für eine Nacht zu bleiben – unser Ludwig fühlt sich wohl bei ihm. Foto: Fleischmann
Seinen Segen haben wir: Das Oberhaupt des Tempels lädt uns ein, für eine Nacht zu bleiben – unser Ludwig fühlt sich wohl bei ihm. Foto: Fleischmann

Runding.„I want to ride my … biiiiiiicycle … biiiiiicycle … biiiiiiicycle …“, trällern wir übermütig einen unserer Lieblings-Songs von Queen – und unsere Laune hebt sich mit jeder Zeile, höher als die Stimme von Freddie Mercury. Der tönt aber doch mindestens genauso motiviert wie wir aus unseren kleinen Reise-Lautsprechern, die wir auf meiner Lenkertasche befestigt haben – und setzt gleich noch eins drauf: „Don’t stop me nooooow … I’m having such a good time!“ – und dann die beste Liedzeile für alle Fahrradfahrer, die wir extra-laut mitsingen: „I’m travelling at the speed of liiiiiiiiight …!“ – ja, wir reisen mit Lichtgeschwindigkeit!

Bei so viel Euphorie ist es nämlich ganz egal, ob wir lediglich mit 15 km/h auf dem Seitenstreifen dahingurken, ob alle Autos und Mopeds mit lautem Dröhnen an uns vorbeirasen und ob jeder gefahrene Meter mühsam erstrampelt werden muss – bei so viel Übermut spüren wir hauptsächlich die Freude über unsere Unabhängigkeit, weil wir alles, was wir brauchen, dabei haben.

Einfach fahren, wohin wir wollen

Wir spüren die Freiheit, weil wir dahin fahren können, wo wir hin wollen – und wir spüren absolute Gelassenheit, weil es egal ist, wie lange wir dafür brauchen. Zum Beispiel fünf Tage für 150 Kilometer – das ist die Strecke von Surat Thani nach Nakhon Si Thammarat, die uns auf dem schmalen Zipfel von Thailands Süden immer weiter Richtung Malaysia führt.

Mit Lichtgeschwindigkeit durch den Morgendunst: Um nicht zu sehr in der Hitze fahren zu müssen, starten wir schon vor Sonnenaufgang. Foto: Fleischmann
Mit Lichtgeschwindigkeit durch den Morgendunst: Um nicht zu sehr in der Hitze fahren zu müssen, starten wir schon vor Sonnenaufgang. Foto: Fleischmann

Dass unser Start in Thailand gar nicht so einfach war, dass wir heute schon um 4.30 Uhr morgens aufgestanden sind, dass unsere Kinder noch (!) schlafen und die Sonne noch (!) nicht wie verrückt auf uns herunterbrennt, trägt alles zu unserem Übermut bei: So soll sich Radreisen anfühlen! Wir versuchen, die Sorgenfreiheit so lange und so gut wie möglich auszukosten – wohlwissend, dass sie schnell zu Ende sein kann.

Sind wir bald da?“ – Radreisen mit kleinen Kindern ist eine Herausforderung; langweilig wird es jedenfalls nie. Foto: Fleischmann
Sind wir bald da?“ – Radreisen mit kleinen Kindern ist eine Herausforderung; langweilig wird es jedenfalls nie. Foto: Fleischmann

Irgendwas wird bald passieren: Unser Ludwig (11 Monate) könnte anfangen zu schreien, Maximilian (3 Jahre) könnte aufwachen und auf die Idee kommen, dass er jetzt einen Joghurt möchte (was eigentlich nicht schlimm ist, denn wir haben sogar noch einen – aber wo ist er bloß … natürlich irgendwo in einer unserer acht großen Gepäcktaschen … nur in WELCHER?!); einer von uns könnte bieseln müssen, was Stehenbleiben erfordern und damit höchstwahrscheinlich das Erwachen mindestens eines Kindes nach sich ziehen würde… oder nicht zuletzt könnte Freddie Mercury vom Knurren unserer Bäuche übertönt werden. Doch diesmal kam es anders – kein dringendes Bedürfnis zwang uns zum Stehenbleiben, stattdessen entdeckten wir etwas, was einem Stopp absolut würdig erschien: „Schau mal, was für ein cooler Laden“, ruft Michael und deutet an den linken Straßenrand, „da will ich ein bisschen stöbern!“

Die weiteren Geschichten der Reiseradler finden Sie hier.

Ich bremse ab und folge seinem Blick: Ein riesiges Geschäft mit Gebrauchtwaren – wahrscheinlich aus Japan. Solche Geschäfte haben wir schon oft in Asien gesehen – ein Besuch lohnt sich eigentlich immer. Wie in einem großen Flohmarkt findet sich in der Lagerhalle reichlich Unnützes neben kleinen und großen Schätzen. Unser äußerst begrenzter Platz für Gepäck bewahrt uns zuverlässig davor, irgendwas zu kaufen, was wir nicht brauchen – und ist gleichzeitig die Grundlage für einen Running-Gag, den wir uns auch diesmal verkneifen können: „Wie wär’s mit der Massivholz-Schrankwand da hinten?“ – „Ja. Nicht schlecht … die könnten wir auf dem Anhänger festmachen … aber ist die nicht etwas zu klein für unser Zelt?“

Die Weltreise-Radler

  • Route:

    Michael und Sybille Fleischmann sind seit Sommer 2010 mit dem Fahrrad auf Weltreise unterwegs. Von ihren Erlebnissen berichten sie seitdem regelmäßig in unserer Zeitung. Von bisher 18 500 Kilometern haben sie tatsächlich 11 000 mit den Rädern zurückgelegt. Sie waren schon in Serbien, Rumänien, Georgien, Kasachstan, China, Laos und Thailand.

  • Hochzeit:

    In Kambodscha ist 2013 ihr Sohn Max geboren worden. Die Familie hat sich dort anschließend für über ein Jahr heimisch gemacht. In Kambodscha hat das reisefreudige Paar auch offiziell geheiratet. Die Hunde Gomolf und Diu sind von Anfang an mit auf Reisen gewesen. Gomolf ist aber in Kambodscha gestorben. Im vergangenen Jahr haben die Sybille und Michael eine Pause auf ihrer Weltreise eingelegt und sich mit Sohn Max daheim in Niederrunding ein wenig von den Strapazen erholt.

  • Buch:

    Jetzt setzen sie ihre Tour fort. In Thailand geht’s weiter. Ein Buch über die Radreise ist inzwischen auch erschienen mit dem Titel „Sieben Räder und acht Pfoten“ 248 Seiten, 15,90 Euro (Taschenbuch) bzw. 10,99 Euro (E-Book).

Am Ende verlassen wir den Laden um nur etwa 150 Gramm schwerer beladen: Eine kleine blaue Schaufel und einen passenden Rechen haben wir für die Kinder erstanden – Sandspielzeug, das sie (hoffentlich sehr) bald am Strand benutzen können. Auf der Suche nach touristisch unerschlossenen Zielen strampeln wir weiter gen Süden…

Die Erlösung im Nirgendwo

Von Mönchen erfährt Michael Wissenswertes über den Neubau dieser Anlage, die von Burmesen errichtet wurde, weil diese günstiger arbeiten. Foto: Fleischmann
Von Mönchen erfährt Michael Wissenswertes über den Neubau dieser Anlage, die von Burmesen errichtet wurde, weil diese günstiger arbeiten. Foto: Fleischmann

Weitere drei Stunden später zeigt uns die nackte Realität von Radreisen in Asien ihr hässlichstes Gesicht: Ludwig schreit aus vollem Halse, Max quengelt („Wo ist mein Joghurt? Wann sind wir endlich am Strand?“), Michael und ich fühlen uns wie zwei Grillhendl, denn klugerweise haben wir nur die Kinder vor der Sonne geschützt, uns selbst aber gehörig die Arme und Gesichter verbrannt … und wir sind im absoluten Nirgendwo, ohne Aussicht auf Schatten, ein kühles Getränk, geschweige denn eine Klimaanlage.

In der Tempelanlage gibt es viel zu entdecken. Unser kleiner Ludwig hat auch schon einen neuen Freund gefunden. Foto: Fleischmann
In der Tempelanlage gibt es viel zu entdecken. Unser kleiner Ludwig hat auch schon einen neuen Freund gefunden. Foto: Fleischmann

Doch dann, ganz kurz vor der Verzweiflung, biegen wir ohne groß zu überlegen nach links in eine Tempelanlage ein – und siehe da, alles löst sich in Wohlgefallen auf. Obwohl wir eigentlich nur eine kurze Pause im Schatten einlegen wollten, entscheidet das 89-jährige Oberhaupt des Tempels, dass wir bis morgen früh bleiben sollen. Die Mönche teilen ihr Essen mit uns und weisen uns ein kleines Häuschen zu, in dem wir übernachten dürfen. Perfekt für uns, um für den nächsten Tag neue Kräfte zu sammeln, denn morgen geht es wieder weiter – mit Lichtgeschwindigkeit.

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