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Abenteuer

Eine Rad-Etappe im Zug nach Bangkok

Auf dem Weg von Cham um die Welt kämpfen die Fleischmanns mit der Frage: Wie bringe ich einen ganzen Hausstand auf ein Radl?
Von Sybille Fleischmann

  • Abschied aus Wathna Nakhon: Unser Gastgeber und seine Frau bringen uns zum Zug nach Bangkok. Foto: cfi
  • Unsere Räder – voll bepackt und 25 Kilo schwer Foto: cfi
  • Reiskuchen satt gab’s als Reiseproviant für den kleinen Max. Foto: cfi

Cham. Wo soll ich das nur alles unterbringen?!“, fragte mein Mann mit leiser Verzweiflung in der Stimme. – „Stopf‘ es einfach in die Tüten.“ Dafür erntete ich einen ziemlich gereizten Blick. „So so, Miss Superschlau. Dann schau‘ mal, was da an der Türe steht. Irgendwie müssen wir das ja auch alles noch transportieren!“

Ich guckte in die angezeigte Richtung: Fünf große Plastiktüten, randvoll gestopft mit Kleidung, Spielzeug, Windeln, – und unsere Fahrradtaschen, die Rucksäcke und die Anhänger waren auch schon bepackt bis oben hin. Hilflos blickte ich mich in dem schönen Zimmer um, das die letzten Tage unser Zuhause geworden war: Noch immer lagen überall irgendwelche Sachen verstreut, die uns gehörten.

Dinge, an denen das Herz hängt

Es war wie verhext: Seit wir unseren Haushalt in Kambodscha aufgegeben hatten, schafften wir es nicht, unser Gepäck auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren – und das, obwohl wir ständig Dinge aussortierten, verschenkten, wegwarfen und zurückließen. Waren wir mit den Fahrrädern unterwegs, dann ging es einigermaßen – doch sobald wir mal einige Tage irgendwo häuslich lebten und alles ausgepackt hatten, wie jetzt im Gästezimmer von Colonel Channarong, so war es uns ein absolutes Mysterium, wie wir all unsere Dinge je hatten transportieren können

„Lassen wir den Rest doch einfach hier“, stöhnte ich entmutigt, denn nichts von den übrigen Gegenständen war so wichtig, dass wir es nicht entbehren konnten. Und doch: An manchen Gegenständen hingen wir einfach – wie das Kuschelschaf von Maximilian, das einst von seiner Oma höchstpersönlich bis nach Asien gebracht worden war – und dann hatten wir da noch mancherlei Verbrauchsmaterialien wie Mückenschutzmittel, Sonnencreme oder Geschenke für Kinder.

Kleine Geschenke für die Kinder

Das alles würde noch monatelang reichen und es war blanker Irrsinn, größere Vorräte davon herumzutragen. Doch es stammte alles aus Deutschland und war auf aufwändige Weise hierher gebracht worden – per Post oder per Oma – da konnten wir es doch jetzt schlecht einfach zurücklassen?

„Hier, gib‘ das den Kindern von den Arbeitern! Ja, alles!“, entschied mein Mann und drückte mir ein Päckchen mit Stiften, Luftballons, Süßigkeiten und Spielzeug in die Hände. Dies haben wir von der Sparkasse Cham bekommen und nutzten seitdem jede Gelegenheit, um damit Kinder zu beglücken.

Irgendwie gelang uns schließlich doch das Kunststück, das Zimmer komplett zu räumen und sogar noch rechtzeitig zu starten: Wir mussten zum Bahnhof. Da uns das heiße Klima langsam gehörig auf die Nerven ging, wollten wir unbedingt in den Norden von Thailand. Langstrecken-Radeln kam mit unserem kleinen Maximilian nicht mehr infrage, also war geplant, auf einen Zug zu steigen. „Wir nehmen den Morgenzug nach Bangkok, verbringen dort ein paar Stunden und fahren dann weiter nach Chiang Mai“, hatten wir geplant.

Radverladung durchs Zugfenster
Radverladung durchs Zugfenster Foto: cfi

Plan und Realität klaffen leider bei einer solchen Reise oft ziemlich weit auseinander. Obwohl wir es noch rechtzeitig zum 6:40-Uhr-Zug geschafft hätten, fuhr dieser ohne uns ab. „Die Waggons sind zu klein für eure Fahrräder und die Anhänger“, erklärte unser Freund Colonel Channarong, der uns mit seiner Frau zum Bahnhof begleitet hatte und nun als Dolmetscher fungierte.

„Aber am Nachmittag fährt ein anderer Zug mit geräumigeren Waggons – der wird euch mitnehmen.“ – „Dann sind wir also erst abends in Bangkok – das wird zwar stressig, doch wir sollten gerade noch den Nachtzug erreichen“, überlegten wir optimistisch.

Mit dem Fahrrad um die Welt

  • Viele Länder bereist:

    Sybille und Michael Fleischmann aus Niederrunding reisen mit dem Fahrrad um die Welt. Für unsere Zeitung berichten sie von ihren Erlebnissen. Seit Sommer 2010 sind die Radler unterwegs – sie waren schon in Serbien, Rumänien, Georgien, Kasachstan, China, Laos und Thailand.

  • Freude über den Sohn:

    In Kambodscha ist 2013 ihr Sohn Max geboren und sie machten sich dort seitdem für über ein Jahr heimisch.

  • Wieder auf Achse:

    Jetzt sind sie wieder unterwegs. Die hier geschilderte Hochzeit fand allerdings noch in Kambodscha statt.

  • Zwei Hunde waren dabei:

    Die Hunde Gomolf und Diu waren von Anfang an mit auf Reisen. Gomolf ist aber in Kambodscha an einer Krankheit gestorben. Mehr Infos gibt es im Internet unter der Adresse http://cycle-for-a-better-world.org .

Ein paar Stunden später standen der Colonel und seine Frau erneut mit uns am Bahnsteig und drückten uns die Daumen, dass es diesmal klappen möge. Wie gut, dass sie dabei waren! Das Eisenbahnpersonal hätte uns am liebsten wieder abgewimmelt, („die Räder sind zu groß, das Gepäck zu viel, der Hund braucht einen Maulkorb, …“) doch am Ende erklärten sie sich bereit, uns mitzunehmen - unter erschwerten Vorzeichen: „Ihr müsst das Fahrrad durchs Fenster heben!“, übersetzte unser Freund mit unsicherem Lächeln im Gesicht.

Für Sohn Max ist der Zug ein Abenteuerspielplatz.
Für Sohn Max ist der Zug ein Abenteuerspielplatz. Foto: cfi

Wenig später saßen wir endlich auf den staubigen Sitzen des Gepäckabteils, und Michael, der unsere bis zu 25 Kilo schweren Gefährte eigenhändig durch die Fenster bugsiert hatte, rieb sich leise fluchend seinen schmerzenden Arm. „Das war nur ein Versuch, um uns loszuwerden“, waren wir uns einig, „die Räder hätten locker auch durch die Türe gepasst!“

Und wo gibt’s ein Bett in Bangkok?

„Willst Du noch einen Reiskuchen?“, versuchte ich zu trösten. – „Nein Danke, ich hatte schon mindestens sieben“, gab er lächelnd zurück. So versuchte ich mein Glück bei den anderen Reisenden: Wir mussten unbedingt das viele Essen loswerden, das unsere Gastgeber uns zum Abschied geschenkt hatten – ungeachtet der Tatsache, dass wir mehr als hoffnungslos überladen waren, hatten sie uns noch tütenweise Obst, Kuchen, süßen Reis, herzhaften Reis und noch einiges mehr mitgegeben.

Erst als die Sonne längst untergegangen war, erreichte unser Zug die Millionenmetropole Bangkok. Unser kleiner Sohn – der beinahe jeden Fahrgast persönlich kennengelernt und bezaubert hat – war total überdreht, Hündin Diu unausgelastet und nervös, und wir beide kaputt und am Ende mit den Nerven.

Gut, dass wir jetzt noch nicht wussten, dass das erst der Anfang war! „Ich kümmere mich ums Gepäck, Du besorgst uns die Tickets zur Weiterfahrt“, schlug Michael vor, nachdem wir Taschen, Anhänger und unsere Räder (durch die Türen!) auf den Bahnsteig gebracht hatten.

Wenig später sah man uns mit langen, müden Gesichtern den Bahnhof verlassen. Kaum zu glauben: Alle Züge in den Norden waren ausgebucht – nicht nur heute und morgen, sondern für die nächsten sieben Tage! Und so hatten wir nun ein Problem, das wir schon Jahre zuvor als „unlösbar“ eingestuft haben: In Bangkok – wo sich die Touristen nur so tummeln und niemand ’unbequeme‘ Gäste aufnehmen will – ein Zimmer finden, mit Hund, Kleinkind und so viel Gepäck, wie nie zuvor.

„Das klappt nie“, dachten wir beide, doch keiner sprach es aus, denn was sollte das nützen? Also fuhren wir einfach los und unsere Rückstrahler verschwanden bald im Lichtermeer der Großstadt.

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