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Endlich ein Dach über dem Kopf!

Die Chamer Reiseradler haben über 40 000 Kilometer Weltreise zurückgelegt. Doch nichts war so schwierig, wie die Rückkehr.
Von Sybille Fleischmann

Wieder „dahoam“: Die neue Unterkunft ist nicht weit von der Burgruine Runding entfernt; perfekt für einen sportlichen Ausflug.
Wieder „dahoam“: Die neue Unterkunft ist nicht weit von der Burgruine Runding entfernt; perfekt für einen sportlichen Ausflug. Foto: Fleischmann

Cham.Wir sind mit dem Fahrrad und zwei Hunden auf Weltreise gegangen und haben über 40 000 Kilometer zurückgelegt. Wir haben im Zelt gewohnt und beinahe alle Klimazonen durchquert. Wir haben in Kambodscha ein neues Leben aufgebaut, einen geliebten Hund beerdigt, einen Sohn bekommen. Erneut gingen wir auf die Reise – mit einem verbliebenen Hund und einem Kleinkind.

Oftmals haben wir uns im wahrsten Sinne des Wortes durchgekämpft: Über Berg und Tal mit dem Fahrrad, gegen sture Behörden, gegen unsere eigenen Zukunfts- und Versagensängste. Viel haben wir erlebt und durchgemacht, sind an unsere körperlichen und psychischen Grenzen gegangen und darüber hinaus, haben Pläne geschmiedet und wieder verworfen, haben viel improvisiert und teils mit viel Hängen und Würgen Auswege gefunden. Aber nichts davon, liebe Leser, erschien so schwierig, wie unsere letzte Rückkehr von Asien nach Deutschland.

Ein neuer Lebensabschnitt

Klar birgt es immer Herausforderungen und Unwägbarkeiten, wenn ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Doch in unserem Fall begann auch noch ein neues Leben: Ich war hochschwanger als wir zurückkehrten – so kugelig, dass ich Glück hatte, dass mich die Fluggesellschaft überhaupt noch an Bord gehen ließ. Zurück in Deutschland waren wir ohne Wohnsitz und ohne Auto, tingelten zwischen Freunden und Familie hin und her, mussten dabei immer mit einplanen, dass jederzeit die Geburt losgehen konnte.

Die Reiseradler

  • Die Weltreise

    Michael und Sybille Fleischmann sind seit Sommer 2010 mit dem Fahrrad auf Weltreise unterwegs und berichteten regelmäßig in unserer Zeitung.

  • Radlmarathon

    Von bisher 18 500 Kilometern haben sie tatsächlich 11 000 Kilometer mit den Rädern zurückgelegt. Sie waren unter anderem in Serbien, Rumänien, Georgien, Kasachstan, China, Laos und Thailand.

  • Familienzuwachs

    In Kambodscha ist 2013 ihr Sohn Max geboren. Die Familie hat sich dort für über ein Jahr heimisch gemacht und dort auch geheiratet.

  • Pause

    Im vergangenen Jahr haben die Fleischmanns auf ihrer Weltreise ein Pause eingelegt.

  • Geburt

    Der zweite Sohn Ludwig kam in Domažlice in Tschechien zur Welt, weil die Krankenkasse die Geburt in Deutschland nicht bezahlen wollte.

  • Dach über dem Kopf

    Extrem schwierig war es für die Fleischmanns, eine Wohnung oder ein Zuhause zu finden. Jetzt hat es endlich geklappt, sie haben ein Dach über den Kopf.

Zu allem Überfluss war ich einer Fehlinformation von einem Kundenbetreuer der Krankenkasse aufgesessen: „Klar können wir Sie nach Ihrer Rückkehr aus dem Ausland wieder versichern“, hatte der gesagt. Doch als es soweit war, warteten wir vergeblich auf eine Bestätigung dieser Aussage. Stattdessen die verheerende Nachricht einer anderen Mitarbeiterin: „Nein, tut mir Leid, Sie waren zu lange weg, da gibt es eine Sperrfrist. Hm, der Kollege weiß das nicht, der ist noch nicht so lange bei uns …“

Kein zu Hause

Geschafft, aber glücklich: Die Mama mit dem kleinen Ludwig auf der Wiese vor ihrem neuen zu Haus in der Nähe von Runding.
Geschafft, aber glücklich: Die Mama mit dem kleinen Ludwig auf der Wiese vor ihrem neuen zu Haus in der Nähe von Runding. Foto: Fleischmann

So war es also gekommen, dass wir alles selbst bezahlen mussten und unser Sohn Ludwig im – vergleichsweise preisgünstigen – tschechischen Krankenhaus zur Welt gekommen ist. Doch nachdem das überstanden war, war der Trubel noch lange nicht vorbei. „Morgähn, Sie gähen nach Hause“, hat die tschechische Krankenschwester wenige Tage nach der Entbindung zu mir gesagt und mich aufmunternd angelächelt. Mit viel Mühe war es mir gelungen, ihr Lächeln zu erwidern und den Kloß im Hals herunterzuschlucken. Nach Hause? Wenn die wüsste! In diesem „Zuhause“ hatte ich gerade mal eine halbe Stunde verbracht – und keine Ahnung, wie es dort momentan aussah.

Jeder, der schon mal auf Haus- oder Wohnungssuche gewesen ist, weiß, dass dies enorm schwierig sein kann. Bei uns kam hinzu, dass wir weniger als einen Monat Zeit hatten und über keinerlei klassische Reputation als Mieter verfügten. Festes Arbeitsverhältnis? Bestätigung des früheren Vermieters? –Fehlanzeige. Eines war schnell klar: Wenn wir irgendwo etwas finden können, dann nur hier in der Region. Hier, wo solche Vereinbarungen noch per Handschlag getroffen werden. Wo es etwas zählt, dass Michael hier geboren ist und die Ho-ho-Sprache spricht. Wo wichtig ist, wer wen kennt und was über uns gesprochen, Verzeihung, geschmaatzt wird.

Hier finden Sie die Berichte der Chamer Reiseradler.

Das erste per-Handschlag-gemietete Haus hat sich allerdings schnell als Flop entpuppt: „Ihr könnt schon einziehen, aber das Wasser geht nicht. Vielleicht könnt ihr vom Nachbarn einen Gartenschlauch rüberlegen.“ Mühsam hatten wir uns mit diesem Gedanken angefreundet: In Kambodscha war die Wasserversorgung oft genug zusammengebrochen und auf Reisen – im Zelt – ist Wasser sowieso immer stark limitiert.

Christliche Nächstenliebe

Dieses Bauernhaus bietet der Familie Fleischmann ein Dach über dem Kopf. Hier können sie für eine Weile einziehen.
Dieses Bauernhaus bietet der Familie Fleischmann ein Dach über dem Kopf. Hier können sie für eine Weile einziehen. Foto: Fleischmann

Dennoch sind wir klargekommen. „Wenn das jemand hinbekommt, dann wir“, versuchten wir, uns die Gartenschlauch-Lösung schmackhaft zu machen. Ein Freund von uns sah das allerdings anders: „Ihr könnts doch net… und des mit zwoa Kindern! I frog amal meine Leit wega dem oidn Haus.“ Michael war Feuer und Flamme gewesen, als er mir davon erzählt hat – ich blieb skeptisch. Schon früher hatten wir die Erfahrung gemacht, dass zwar sehr viele „oide Häuser“ unbewohnt herumstehen, doch vermieten wollen die wenigsten. „Oh mei, de oide Hütt’n… naaa, de reiss‘ ma irgendwann weg, bis dahin soll’s bleiben wie’s is.“ Leer nämlich. Aber dann kam die unglaubliche Nachricht: Die Eltern unseres Freundes – ein Landwirts-Ehepaar – hatten sich tatsächlich von ihrem Sohn überzeugen lassen und würden uns das „oide Haus“ für eine Weile vermieten.

Ich konnte es kaum glauben. „Warum machen die das? Die kennen uns doch gar nicht… und auch noch Landwirte!“ Natürlich kam mir gleich das alte Sprichwort über Bauern und ihre Essgewohnheiten in den Sinn (Was der Bauer nicht kennt…) – schließlich könnten ihr und unser Lebensentwurf unterschiedlicher kaum sein. Für meinen Mann hingegen war die Frage nach dem „Warum“ schnell beantwortet: „Christliche Nächstenliebe. Die helfen uns in der Not“, meinte er nur. So beendete auch ich mein Grübeln darüber und war einfach nur dankbar.

Kurz bevor ich ins Krankenhaus musste, habe ich es anschauen dürfen, das oide Haus. „Bloß keinen Sprung ins Fettnäpfchen!“, habe ich mir selbst immer wieder eingeschärft – denn die Angst war groß, dass ich die fragile Vereinbarung zunichtemachen könnte, wenn sich herausstellt, dass ich die Ho-ho-Sprache nicht spreche und noch nicht einmal die einfachsten Dorftraditionen kenne.

Natürlich gelang es mir trotzdem – entgegen aller guten Vorsätze – meine totale Ahnungslosigkeit zu demonstrieren: „Und da wurde früher wirklich die Glocke geläutet?“, entfuhr es mir mit echtem Erstaunen, als ich das Türmchen auf dem Dach und das Seil im Inneren des Hauses entdeckt hatte. Der Blick, den ich dafür von der Hausherrin erntete, ließ mich nervös lächeln und eine weitere, völlig überflüssige Aussage treffen: „Ich bin nicht vom Land“. Wundersamerweise wurde die Zusage aber trotzdem nicht widerrufen. Und mir ist klar geworden: Ich würde dort noch eine Menge lernen können.

Hier lesen Sie weitere Meldungen aus dem Landkreis Cham.

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