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Geburt auf der Radtour um die Welt

Einen Augenblick finden die Rundinger Reiseradler auf ihrer Weltreise in einem Bett Ruhe – bis sich das Baby im Bauch regt.
Von Sybille Fleischmann

„Papa, was ist das?“ Auf der Reise durch die Tropen gibt es vieles zu entdecken.
„Papa, was ist das?“ Auf der Reise durch die Tropen gibt es vieles zu entdecken. Foto: cfi

Runding.Ein sehr junger Morgen. Ein wohlbekanntes Zimmer. Wir alle drei in unserem Bett. Das ist etwas Besonderes: Kein Hotelbett, kein Gästebett, keine Camping-Schlafmatte – nein, unser Ehebett. Und wir alle darin: Michael, eingerollt auf der linken Seite, Maximilian in der Mitte – wie immer querliegend, so dass er mehr Platz braucht als sein Papa – und ich mit dem riesigen Kugelbauch ganz rechts.

Ich atme tief durch. Wie herrlich es ist, hier mit meiner Familie zu liegen – in unserem Bett. Mehr als ein halbes Jahr lang waren wir wieder auf Reisen, sind von einem Bett ins nächste gewechselt. Selten waren wir länger als zwei Wochen am selben Platz. Das hat seinen Reiz, denn wir haben viel erlebt. Und es ist anstrengend. So anstrengend, dass ich nun froh bin, in diesem wohlbekannten Zimmer aufzuwachen: Auch „nur“ ein Gästezimmer, aber immerhin haben wir den ganzen vergangenen Sommer hier gewohnt und es fühlt sich an wie „Zu-Hause-sein“. Eine lange entbehrte Empfindung: Wir sind zu Hause.

Noch nicht einmal 6 Uhr

Warum bin ich eigentlich aufgewacht? Es ist noch vor 6 Uhr früh, alles ist ruhig, Mann und Sohn atmen tief und schnarchen nicht. Aber… da kommt es schon wieder: Ein Ziehen in meinem dicken Bauch. Oh Mann, ehrlich? Jetzt?! Hätte das nicht noch ein bisschen Zeit gehabt, ein paar Tage wenigstens? Nein, kein Zweifel. Dieses Ziehen: Es verheißt Veränderung. Und das Ende von „Zu-Hause-sein“ in diesem schönen Zimmer.

Mit Rädern auf der Fußgängerbrücke in Tak, Nordthailand
Mit Rädern auf der Fußgängerbrücke in Tak, Nordthailand Foto: cfi

Turbulente Zeiten liegen hinter uns. Turbulente Tage durchleben wir gerade. Und turbulente Wochen liegen vor uns. Vergangenen Herbst haben wir das schöne, wohlbekannte Zimmer verlassen und sind ins Flugzeug nach Asien gestiegen. Eine aufregende Reise: Wunderschöne Naturerlebnisse in den Bergen von Nordthailand, ein kleiner Kulturschock in Myanmar, einige tausend Fahrrad-Kilometer, Nächte im Zelt zu dritt. Doch nach und nach wurde mein Bauch immer größer – und mein Bedürfnis nach Ruhe und viel Schlaf ebenso.

Einige Wochen entspannen

Deswegen gönnten wir uns am Ende der Reise einige Wochen Erholung und Entspannung in wohlbekannten Gefilden: Die Südküste von Kambodscha. Im Ferienort Sihanoukville ist unser großer Sohn geboren und wir haben lange genug dort gewohnt, um uns jetzt mühelos zurechtzufinden. „Eigentlich wollten wir doch nicht mehr nach Kambodscha“, hatte ich zu Bedenken gegeben, als wir diesen letzten Abschnitt der Reise planten. – „Ich weiß schon“, gab Michael stets zurück, „aber es ist die beste Lösung. Wir sprechen die Landessprache, wir werden schnell ein kleine Wohnung zur Miete finden, wir können beide arbeiten… und nicht zuletzt ist die Struktur für uns dort am besten.“

So war es gekommen, dass zumindest für ein paar Wochen Ruhe einkehrte. Wir genossen sie sehr – gingen im Meer baden, besuchten unseren Lieblings-Wasserfall, ließen uns in unseren Stamm-Restaurants verwöhnen – aber bald begannen wir, uns nach „Hause“ zu sehnen, auch wenn wir eigentlich keines hatten.

„Euren Buam mog i ja sakrisch gern. Aba wenn des Baby kimmt… des schreit ja an ganzen Tog umananda. Des holt i net aus, so leid’s ma duad. Da müsst’s eich wos anders suacha.“ Mit diesen Worten war besiegelt, dass wir im schönen Zimmer in Runding nicht bleiben können. Mein dicker Bauch war zur tickenden Zeitbombe geworden: Wenn das Baby kommt, müssen wir raus. Aber wohin?

Wenig Zeit bis zur Geburt bleibt

Zwischen unserer Rückkehr nach Deutschland und dem errechneten Entbindungstermin lagen drei Wochen – eigentlich viel zu wenig Zeit, um eine Unterkunft zu finden, umzuziehen und den Alltag so zu organisieren, dass wir für das Leben mit dem neuen Erdenbürger gerüstet sind.

Seidenproduktion zum Anfassen: Die grünen Seidenraupen lassen sich von Maximilian mit Blättern füttern.
Seidenproduktion zum Anfassen: Die grünen Seidenraupen lassen sich von Maximilian mit Blättern füttern. Foto: cfi

So war ich mit Maximilian von einem Bett zum nächsten gewandert – ein paar Tage bei Freunden, bei den Eltern, ein wenig hier, ein wenig dort – während Michael alles versuchte, um uns ein Heim zu besorgen. Keine gemeinsamen Nächte im Ehebett, dafür war Ungewissheit und ständiges Improvisieren-müssen unser täglich Brot. „So eine Geburt ist ein logistischer Alptraum!“, haben wir in der Zeit des Pläne-Schmiedens und -verwerfens oftmals zähneknirschend festgestellt. Aber jetzt, da das Ziehen in meinem Bauch begonnen hatte, wusste ich zumindest, dass das ständige Abwarten ein Ende haben würde.

Mein Blick wandert zu meinem schlafenden Mann. Ich sollte ihn noch so lange wie möglich in Ruhe lassen. Das ist es, was er momentan eigentlich am dringendsten braucht: Ruhe. Schon auf der Reise war jegliches hantieren mit schwerem Gepäck allein an ihm hängen geblieben und nun hatte er die Aufgabe gehabt, unseren finanziellen und logistischen Neustart in Bayern zu organisieren.

Die Reiseradler

  • Weltreise

    Michael und Sybille Fleischmann sind seit Sommer 2010 mit dem Fahrrad auf Weltreise unterwegs und berichten regelmäßig in unserer Zeitung.

  • 11 000 Kilometer

    Von bisher 18 500 Kilometern haben sie tatsächlich 11 000 mit den Rädern zurückgelegt.

  • Myanmar

    Sie waren in Serbien, Rumänien, Georgien, Kasachstan, China, Laos und Thailand; jetzt haben sie die Grenze nach Myanmar – das frühere Burma – überschritten.

  • Kambodscha

    In Kambodscha ist 2013 ihr Sohn Max geboren. Die Familie hat sich dort anschließend für über ein Jahr heimisch gemacht. In Kambodscha hat das reisefreudige Paar auch geheiratet.

  • Gomolf und Diu

    Die Hunde Gomolf und Diu waren von Anfang an mit auf Reisen. Gomolf ist aber in Kambodscha gestorben.

  • Pause

    Im vergangenen Jahr haben Sybille und Michael eine Pause auf ihrer Weltreise eingelegt und sich mit Sohn Max daheim in Niederrunding ein wenig von den Strapazen erholt.

  • Neuland

    Jetzt setzen sie ihre Tour fort. In Myanmar betraten sie, wenn auch nur kurz, völliges Neuland.

Nun würde er den Umzug machen müssen – wieder alleine. Gestern Abend hatten wir uns trotz Erschöpfung dazu hinreißen lassen, ein wenig länger wach zu bleiben als sonst. „Morgen kommt das Baby bestimmt nicht“, hatte ich mit tiefer Überzeugung versprochen. Tja… hoffentlich hat Michael seine hochschwangere, von Hormonen verwirrte Frau nicht allzu ernst genommen.

„Wo willst Du denn entbinden?“, wollten die Leute immer von mir wissen – nichtsahnend, dass diese Frage die schwierigste von allen ist. „Die Krankenkasse übernimmt die ersten sechs Monate nach Ihrer Heimkehr keine Kosten, weil Sie so lange im Ausland waren“, hatte mir eine AOK-Mitarbeiterin erklärt.

Ein Notfallplan muss her

Da waren wir auf einmal in einer Situation, die noch weitaus schwieriger erschien, als die Geburt unseres großen Sohnes im Drittweltland Kambodscha. Denn dieses Mal ist nicht die Qualität der medizinischen Versorgung das Problem, sondern der Preis: In Deutschland mehrere tausend Euro. Ein Notfallplan musste her!

Wehmut erfüllt mich, als es erneut in meinem Bauch zieht. Wie gerne hätte ich noch zwei, drei Tage und Nächte hier mit meiner Familie verbracht, bevor das Chaos wieder ausbricht. Denn gewiss ist: Sobald Michael aufwacht und ich ihm sage, dass heute unser Kind zur Welt kommt, ist es vorbei mit Ruhe. Schon bald würde sich herausstellen, ob unser gewagter Plan funktionieren kann.

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