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Große Enttäuschung für die Reiseradler

Geld-Lappen und Männer mit roten Zähnen: Die Reiseradler schieben in Myanmar Frust – und treffen eine Entscheidung.
Von Sybille Fleischmann

Das sollte der einzige Tempel bleiben, den die Fleischmanns in Myanmar zu Gesicht bekommen. Ihre Reisepläne haben sich nach nur wenigen Stunden in dem Land geändert.
Das sollte der einzige Tempel bleiben, den die Fleischmanns in Myanmar zu Gesicht bekommen. Ihre Reisepläne haben sich nach nur wenigen Stunden in dem Land geändert. Foto: Fleischmann

Runding.Der Körper wacht langsam auf, doch der Geist wehrt sich noch. Wo sind wir? Max und Michael liegen neben mir… Aber irgendwas stimmt nicht. Die Luft ist abgestanden und zeugt von Klimaanlagen-Filtern, die dringend gewechselt werden müssten – angereichert mit einer Duftnote von Toiletten-Abfluss, die vom Badezimmer herüberweht. Der Ruf der Natur hat mich geweckt, und ich wälze mich von der schwammigen Matratze herab, um leicht wankend den Weg zum Bad anzutreten – immer der Nase nach. Ein vorsichtiger Blick aus halb geöffneten, verquollenen Augen schafft Gewissheit: Wir sind nicht mehr in dem schönen Zimmer in Thailand, wo wir so lange gewohnt haben. Stattdessen ist das hier eine Art wahrgewordener Hotel-Alptraum.

Auf dem Weg zur Toilette und zurück ins Bett ist mir alles wieder eingefallen, was wir seit der Einreise in Myanmar erlebt hatten: Ungute erste Eindrücke von dichtem, drängelnden Verkehr, in dem wir uns mit den Fahrrädern gleich viel verletzlicher gefühlt hatten als in Thailand.

Ein Stopp am Straßenrand für die Suche nach einem Geldwechsler, da war mir ein bekannter Geruch in die Nase gestiegen: ein Gemisch aus Sandelholz, Körperausdünstungen, Parfüm und diesen speziellen Räucherstäbchen… „Das riecht wie in Indien!“, hatte ich ausgerufen. „Und es sieht auch so aus“, bestätigte Michael. Ich war seinem Blick zu einem Grüppchen Menschen mit orientalisch aussehenden, runden Gesichtern und großen Augen gefolgt. Die Frauen waren in Tücher gewickelt, die Männer hatten fast alle rote, faulige Zähne.

Zwei Hunderter ohne Knicke

Maximilian spielt mit einem einheimischen Jungen.
Maximilian spielt mit einem einheimischen Jungen. Foto: Fleischmann

Es folgte ein zähes Feilschen um einen guten Wechselkurs für unsere Euro-Banknoten, die wir wohlweislich mit größter Vorsicht behandelt hatten. „In Myanmar brauchen wir nagelneue, einwandfreie Geldscheine“, hatte mir Michael immer wieder eingebläut – und nun war der Zeitpunkt gekommen, da er genau solche mit fast feierlichen Gesten aus seiner Tasche zauberte. Bestmöglich geschützt in unserem Reiseführer: zwei grüne Hunderter, quasi druckfrisch und völlig frei von Knicken, Rissen oder anderen Verunreinigungen.

Mit mindestens genauso viel Ehrfurcht und spitzen Fingern hatte die Geldwechslerin die Scheine entgegengenommen und sich auch bereiterklärt, etwas mehr dafür zu bezahlen, als anfangs angekündigt. Doch die Freude über diesen Erfolg hielt nur so lange an, bis Michael in Augenschein nehmen konnte, was er für unser so sorgfältig behütetes Geld bekam: „Schau Dir mal diese Lumpen an“, meinte er, während er das Bündel schmuddliger Scheine sortierte.

Ein seltsamer Widerspruch

Fortan ärgerte er sich beinahe jedes Mal, wenn er etwas bezahlen musste, über diesen seltsamen Widerspruch: „Von uns wollen sie druckfrisches Geld und verweigern die Annahme, sobald nur der kleinste Riss drin ist – und selbst benutzen sie solche schmierigen Lumpen, die fast schon zerfallen!“ Anscheinend gehört es unter den mächtigen Beamten des Landes zum guten Ton, schönes, neues, ausländisches Geld zu haben – passend zum sehr gepflegten Äußeren der Uniformierten, die wir hier gesehen hatten. Es fügt sich gut ins Bild: Die Machthaber präsentieren sich mit der sprichwörtlichen weißen Weste, während der „Schmutz“ gut verwahrt im Land verbleibt.

Hier lesen Sie weitere Berichte unserer Reiseradler.

Diesen Geldschein-Schmutz hatten wir also mit leichtem Widerwillen in unsere Taschen geschoben, um uns ein Zimmer zu suchen. Eine Herausforderung in der überteuerten Grenzstadt, doch nach längerer Suche und einigen Verhandlungen hatten wir ein Hotel gefunden, wo wir für „nur“ 25 Dollar übernachten konnten – in einem sehr einfachen Zimmer im vierten Stock, natürlich ohne Aufzug. Und so waren wir in besagtem Raum mit der abgestandenen Luft gelandet.

Jede unserer Gepäcktaschen – es sind genau so viele, dass wir es gerade nicht schaffen, zu zweit alles auf einmal zu tragen – haben wir in den vierten Stock gebracht, doch etwas anderes war unterwegs abhandengekommen. Irgendwo zwischen roten Betelnuss-Zähnen und den amüsierten Blicken des Hotelpersonals, das tatenlos dabei zusah, wie wir uns im Treppenhaus mit unseren Taschen abmühten, hatten wir etwas verloren, was zur Weiterreise dringend notwendig gewesen wäre: Die Lust auf dieses Land.

Die Reiseradler

  • Weltreise

    Michael und Sybille Fleischmann sind seit Sommer 2010 mit dem Fahrrad auf Weltreise unterwegs und berichten regelmäßig in unserer Zeitung.

  • 11 000 Kilometer

    Von bisher 18 500 Kilometern haben sie tatsächlich 11 000 mit den Rädern zurückgelegt.

  • Myanmar

    Sie waren in Serbien, Rumänien, Georgien, Kasachstan, China, Laos und Thailand; jetzt haben sie die Grenze nach Myanmar – das frühere Burma – überschritten.

  • Kambodscha

    In Kambodscha ist 2013 ihr Sohn Max geboren. Die Familie hat sich dort anschließend für über ein Jahr heimisch gemacht. In Kambodscha hat das reisefreudige Paar auch geheiratet.

  • Gomolf und Diu

    Die Hunde Gomolf und Diu waren von Anfang an mit auf Reisen. Gomolf ist aber in Kambodscha gestorben.

  • Pause

    Im vergangenen Jahr haben Sybille und Michael eine Pause auf ihrer Weltreise eingelegt und sich mit Sohn Max daheim in Niederrunding ein wenig von den Strapazen erholt.

  • Neuland

    Jetzt setzen sie ihre Tour fort. In Myanmar betraten sie, wenn auch nur kurz, völliges Neuland.

Auch der weitere Verlauf des Abends hat nichts daran ändern können. Die Menschen – egal ob als Fußgänger oder mit dem Fahrzeug unterwegs – rückten uns viel näher zu Leibe, als uns lieb war; sie behandelten uns neutral bis unfreundlich.

Ein weiterer Mythos stirbt

Sehr negativ überrascht haben uns die vielen Männer mit den roten Zähnen, die oft mit stumpfem Blick in die Gegend stieren. Sogar einen Betelnuss-kauenden Mönch haben wir getroffen, der vermutlich nicht zu jenen mutigen Glaubensanhängern gehört, die immer wieder gegen das totalitäre Regime des Landes protestierten. Tatsächlich eröffnet er uns in einem kurzen Gespräch (in perfektem Englisch) seine absolut regierungstreue Gesinnung – und zerstört damit bei uns einen weiteren Myanmar-Mythos.

Papa probiert das Myanmar-Lagerbier.
Papa probiert das Myanmar-Lagerbier. Foto: Fleischmann

Ganz kurzzeitig wurde es besser, als wir eine Flasche Myanmar-Lagerbier probierten, während Maximilian mit ein paar einheimischen Kindern spielte. Letzten Endes konnte das Bier aber nur den Schrecken abmildern, den Michael kurz darauf erlitt: Mit bestürztem Blick kehrte er von einem kurzen Fußmarsch zurück und erzählte, wie er in einer dunklen Gasse von zwei käuflichen Damen angesprochen wurde – die eine mindestens 50, die andere noch älter. All das – und noch viele andere, schwer zu beschreibende Kleinigkeiten – sorgten dafür, dass die Sache mit Myanmar für uns gelaufen war, noch bevor wir auch nur eine einzige Sehenswürdigkeit besucht hatten – abgesehen von einem Tempel am Straßenrand.

Es ist eine der größten Enttäuschungen unserer ganzen Reise: Zehn Jahre hatten wir gewartet, bis es möglich war, das Land mit den eigenen Fahrrädern zu besuchen; so viele Pläne hatten wir geschmiedet. Und das alles, um nun schon nach ein paar Stunden festzustellen, dass wir uns hier nicht wohlfühlen. Die Enttäuschung über das, was wir verpassen könnten, bleibt – doch es kommt auch Erleichterung auf, als wir uns dafür entscheiden, alles zu verwerfen und am nächsten Tag zurück nach Thailand zu fahren. Vielleicht müssen einfach noch einmal zehn Jahre ins Land gehen...

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