MyMz
Anzeige

Abenteuer

Radeln, wo die Sonne im Zenit steht

Die Chamer Reiseradler Sybille und Michael Fleischmann kämpfen in Thailand mit der Hitze — und erwarten Nachwuchs.
Von Sybille Fleischmann

Die Umgebung ist schattig und lädt zum Erkunden ein – und zum Entspannen.
Die Umgebung ist schattig und lädt zum Erkunden ein – und zum Entspannen. Foto: Fleischmann

Cham.„Wo steht die Sonne im Zenit?“ – Die Frage meines Erdkundelehrers aus der siebten Klasse, die auf einmal als Erinnerung in meinem Gehirn auftaucht, trifft mich unvorbereitet. Wie war das noch mal mit dem Sonnenstand? Je senkrechter, desto heißer, klar. Ganz senkrecht – im 90-Grad-Winkel, also „im Zenit“ - furchtbar heiß. Mein Blick fällt nach unten auf die Straße– wo ist mein Schatten? Ah, da ist er ja, direkt unter meinem Fahrrad, so klein, dass ich ihn unter den Taschen kaum sehen kann.

Ganz klar: Die Sonne steht hier im Zenit, genau hier, Herr Lehrer, hier im Nordwesten von Thailand, da brennt sie mir gerade völlig ungebremst und senkrecht auf den Schädel und malträtiert mein Gehirn, das sich vor lauter Verzweiflung in alte Erinnerungen aus der Schulzeit flüchtet, die sich aber doch unweigerlich um dasselbe leidige Thema drehen: die Hitze.

„Es sind immer noch weit über zehn Kilometer!“, flucht Michael von hinten, dem das Radeln in der prallen Sonne noch viel mehr zusetzt als mir, weil er davon juckenden Ausschlag bekommt. Maximilian in seinem Anhänger ist noch am besten vor der Sonne geschützt und guckt aus müden Augen in die Landschaft – bestimmt schläft er bald noch mal ein, der Glückspilz! Und wir Glückspilze, denn mit einem schlecht gelaunten Kleinkind wäre diese Tour nicht nur strapaziös, sondern ein echtes Martyrium.

Tapfer bergauf leiden

Die UV-Belastung erfordert ab 9 Uhr eine dicke Schicht Creme.
Die UV-Belastung erfordert ab 9 Uhr eine dicke Schicht Creme. Foto: Fleischmann

Tapfer radeln wir weiter, voran und dann langsam hinauf, rein in die dicht bewaldeten Hügel, wo direkt neben der Straße der thailändische Dschungel beginnt. Und dann zahlt es sich doch noch aus, dass wir heute morgen bereits vor Sonnenaufgang aufgestanden sind, denn das Leiden und Schwitzen hat schon um kurz nach zwölf Uhr ein Ende.

Wir sind von der Hauptstraße abgebogen und haben uns vier Kilometer weit (und um die hundertfünfzig Höhenmeter hoch) gekämpft und unser heiß ersehntes Ziel erreicht: Den Phacharoen Wasserfall im gleichnamigen Nationalpark. Hier gräbt sich ein gewaltiger Gebirgsbach seinen Weg durch Dschungel und Steine, ergießt sich über mehrere Stufen und Becken über malerische Felsvorsprünge, zwängt sich durch schmale, tiefe Schluchten und bietet eine einmalige Naturkulisse. An vielen Stellen kann man in den natürlichen Pools schwimmen, ringsum sind überall zauberhafte Plätze zu entdecken, die zu einem Picknick einladen: Dort oben auf dem großen Felsen oder lieber halb versteckt am Waldrand in der Hängematte? Ein Paradies, das erkundet werden möchte - zumal es vom immergrünen Blätterdach des Urwaldes bedeckt ist, das zur Vollkommenheit des Ortes beiträgt: Fast überall ist es schattig und kühl!

Baden unter dem Wasserfall

Herrlich kühl! Nach der anstrengenden Etappe durch glühende Hitze folgt die Belohnung: Ein Bad im Wasserfall.
Herrlich kühl! Nach der anstrengenden Etappe durch glühende Hitze folgt die Belohnung: Ein Bad im Wasserfall. Foto: Fleischmann

Für unsere hitzegeplagten Körper ist es wie eine Oase, die wir uns schöner nicht hätten ausmalen können. Schnell streifen wir uns die Sachen vom Leib und springen in ein brusttiefes Wasserbecken, das von fröhlich sprudelnden, kleinen und großen Strömen gespeist wird, die direkt aus den Bergen kommen. „Kalt!“, ruft Maximilian, als Papa ihn vorsichtig ins Wasser hebt, doch viel zu schön fühlt sich das klare Nass auf der salzigen, staubigen Haut an und so planschen wir bald alle drei jauchzend umher.

Hier lesen Sie weitere Berichte unserer Reiseradler.

Der Wasserfall und seine Umgebung wurde von der Verwaltung des Nationalparkes zugänglich gemacht, mit einem Tourist-Info-Center und einem kleinen Shop versehen, man kann übernachten und es gibt ein paar verstreute Restaurants. Momentan ist außer uns fast niemand hier. Im Wasser sind wir sogar ganz alleine … oder doch nicht?

„Da beißt was an meinem Fuß!“

„Iiiiiiiek! Da beißt was an meinem Fuß!“, kreische ich unvermittelt, und rette mich mit einem wenig eleganten Sprung auf einen Felsen an den Rand. Auch Maximilian wird auf Papas Arm plötzlich nervös. „Hey, das da!“, ruft er empört und deutet ins Wasser. – „Das sind Putzerfische“, erklärt Michael lächelnd, „die knabbern die alte Haut von euren Füßen. Fühlt sich komisch an, oder?“ – „Ja“, antwortet unser Junior unsicher und versucht erfolglos, die kleinen Tiere zu vertreiben. „Sind das die Fische, die es auch in den Schönheitssalons gibt?“, will ich wissen. „Genau. Das ist der vielgepriesene „Dr Fish“‘, der Fußkosmetik-Spezialist. Haben wir doch auch schon ausprobiert.“

Obwohl ich mich wieder erinnere, meine Füße schonmal in eins dieser Glasbecken getaucht zu haben, wo eine Vielzahl der grau-grünen Fische sich sofort auf Fußsohlen, Zehen und Fersen stürzen, um abgestorbene Hautzellen abzuknabbern, ist es doch etwas ganz anderes, diese Tiere in freier Wildbahn anzutreffen.

Raupe mit stierem Blick

Auch in den nächsten Tagen scheint die Natur sich einen Spaß daraus zu machen, uns zivilisations-verwöhnte Menschen ein bisschen zu ärgern und zu erschrecken. Am ersten Abend entdecken wir eine fingerdicke, knapp zehn Zentimeterlange Raupe, die unbeweglich auf einem Baum sitzt. Sie rührt sich auch nicht, als Michael sie neugierig mit einen Stock anstupst. Allerdings öffnet sich daraufhin in der Körpermitte des Tieres ein schwarzer Schlitz mit einem roten Kreis drin, der aussieht wie ein Auge, dass uns unverwandt anstiert!

Die Reiseradler

  • Weltreise

    Michael und Sybille Fleischmann sind seit Sommer 2010 mit dem Fahrrad auf Weltreise unterwegs und berichten regelmäßig in unserer Zeitung.

  • 11 000 Kilometer

    Von bisher 18 500 Kilometern haben sie tatsächlich 11 000 mit den Rädern zurückgelegt.

  • Myanmar

    Sie waren in Serbien, Rumänien, Georgien, Kasachstan, China, Laos und Thailand; jetzt haben sie die Grenze nach Myanmar – das frühere Burma – überschritten.

  • Kambodscha

    In Kambodscha ist 2013 ihr Sohn Max geboren. Die Familie hat sich dort anschließend für über ein Jahr heimisch gemacht. In Kambodscha hat das reisefreudige Paar auch geheiratet.

  • Gomolf und Diu

    Die Hunde Gomolf und Diu waren von Anfang an mit auf Reisen. Gomolf ist aber in Kambodscha gestorben.

  • Pause

    Im vergangenen Jahr haben Sybille und Michael eine Pause auf ihrer Weltreise eingelegt und sich mit Sohn Max daheim in Niederrunding ein wenig von den Strapazen erholt.

  • Neuland

    Jetzt setzen sie ihre Tour fort. In Myanmar betraten sie, wenn auch nur kurz, völliges Neuland.

Wir verlieren sofort jegliche Lust auf weitere Überraschungen, die das Tier möglicherweise zu bieten hat. Fast genau so irritierend war ein „spezieller“ Kontakt mit der Vegetation: In völliger Ahnungslosigkeit pflückten wir von einem Palmenbaum ein paar grüne, kirschgroße Früchte, weil unser Sohn damit spielen wollte. Dies bereuten wir kurz darauf ganz bitterlich, denn die Pflanzensäfte lösten bei uns allen Dreien einen scheußlichen Juckreiz am ganzen Körper aus, der erst nach quälenden 20 Minuten wieder verging.

Wie schon oft auf dieser Reise haben wir einen Ort gefunden, an dem uns die Natur mit ihrer Schönheit bezaubert – und gleichzeitig demonstriert, wie ungemütlich sie sein kann. Ebenfalls nicht zum ersten Mal erleben wir, wie sehnsüchtig wir uns deswegen darauf freuen, wieder zurück in die Zivilisation zu kommen. Diesmal ist das nach drei Tagen der Fall, als wir beschwingt unser Zelt und die Siebensachen wieder einpacken.

Nachwuchs kündigt sich an

Der Rückweg ist zum Glück einfacher als der Hinweg und doch ist es mal wieder ein ganz schöner Kraftakt. Wie gut, dass wir in Form sind – und dass die „besonderen Umstände“ nicht über Gebühr an meinen Kräften zehren. Denn es kündigt sich wieder Familiennachwuchs an.

Hier lesen Sie weitere Meldungen aus dem Landkreis Cham.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht