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Chams kasachischer Steppenwolf

Philipp Assilin wuchs im Landkreis auf und hat seine Heimat Moskau im Herzen. Doch auf dem Papier ist er Niemandslandsbürger.
Von Michael Gruber

Cham.Heimat braucht kein Ortschild. Es ist kein bestimmter Breitengrad, kein Haus mit Gartenzaun, Blumenbeet und Carport. Heimat ist das, was Du in deinem Herzen hast – und das von Philipp Assilin schlug schon früh für das Leben eines Steppenwolfs. Wer dem 30-Jährigen heute begegnet, hat das Bild eines Mannes vor Augen, der nicht anders konnte, als anders zu sein und das zur Kunst des Lebens erklärt hat.

Barfuß, Bob-Marley-Shirt und lange schwarze Haare – schon damals zog der Quergeist die Blicke der Lehrer des Fraunhofer-Gymnasiums auf sich. Wer aber genau dieser junge Mann ist, der über zwei Jahrzehnte im Landkreis Cham aufwuchs, diese Frage gibt den Behörden bis heute Rätsel auf. Denn aus rechtlicher Sicht ist Philipp Assilin kein Deutscher. Er ist kein Bayer und auch kein Chamer. Assilin ist Bürger in einem Niemandsland.

„Lange Zeit habe ich geglaubt, Heimat ist das, was Du im Herzen hast. Inzwischen finde ich, gehört mehr dazu. Nämlich die Menschen, die einem wichtig sind.“

Philipp Assilin

„XXA“ prangt als Vermerk auf seinem Ausweis. Zu seinem 16. Geburtstag bekam er diesen Aufenthaltstitel vom Chamer Landratsamt erstmals ausgestellt. Die Abkürzung bedeutet, dass Philipp Assilin keinem Staat der Welt angehört, er ist „staatenlos“ – und wird seit seiner Kindheit in Deutschland nur geduldet. Als Assilin vor 25 Jahren mit seinen Eltern und seiner Schwester in den Landkreis kam, durchlebte die Welt ein politisches Erdbeben, das Millionen Menschen vor Augen führte, wie vergänglich Heimat sein kann, wenn man sie auf eine Flagge schwört.

Sein Vater, ein gebürtiger Kasache, reiste kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach Deutschland, nahm zunächst einige Tagelöhnerjobs als Handwerker an. Seine Frau, mit Sohn Philipp und Tochter Albina, ließ daraufhin Moskau hinter sich. Als Asylbewerber landete die Familie im Gasthof Waller in Furth. Schnell machte sich die Familie einen Namen bei Vereinen und der Pfarrgemeinde, Philipp kickte für den 1. FC Zandt, seine Schwester sorgte als Turnerin des ASV Cham oberpfalzweit für Aufsehen.

Ein Leben auf gepackten Koffern

Das Chamer Landratsamt aber lehnte den Antrag der Familie ab: „Eigentlich sollten wir abgeschoben werden. Nur wussten die Behörden nicht wohin“, erklärt Assilin, „die Sowjetunion existierte nicht mehr und die russischen Behörden fühlten sich nicht zuständig.“ Bayerisch sprechen, zur Schule gehen, Freundschaften schließen – hier daheim sein, obwohl man es eigentlich nicht darf. Mit der drohenden Abschiebung im Nacken wuchs in Philipp der Steppenwolf heran, der gelernt hat, dass zu Hause da ist, wo ein gepackter Koffer steht. Seine Mutter hatte diesen über zehn Jahre lang im Wohnzimmer verstaut. Assilin erinnert sich noch gut, wie er als Fünfjähriger im Zeugenstand des Amtsgerichts zum laufenden Asylverfahren aussagte. Damals berichtete er dem Richter, dass seine Mutter die ganze Nacht weint, weil sie Angst hat, wieder zurück nach Russland zu müssen. „Und das war nicht gelogen“, erinnert sich Philipp heute zurück.

„Die Mentalität der Menschen im Bayerischen Wald ist viel herzlicher und gemütlicher als in Brandenburg.“

Philipp Assilin

Liebesgeschichten aus seiner „Sturm und Drang“ - Zeit, wie er sagt, seien letztlich auch der Grund gewesen, warum er das Gymnasium in der zwölften Klasse vorzeitig an den Nagel gehängt hat. Fernab von dem Alltag und bayerischen Konventionen lebt Assilin heute am „schlafenden Fuß“, einem Wohnprojekt an einem Vorort von Potsdam – in einem kleinen Bauwagen. Auf sieben Quadratmeter hat er ein Hochbett, einen Schreibtisch und seine Plattensammlung untergebracht. „Mehr brauch ich nicht zum Leben“, sagt Assilin. Anfangs waren es noch Film-Jobs in Berlin, mit denen er sich über Wasser hielt. Doch drangen die bayerischen Wurzeln bei der Berufswahl am Ende durch. In einer Potsdamer Biobrauerei legte Assilin letztes Jahr als Jahrgangsbester die Gesellenprüfung zum Brauer ab.

Bayerische Sehnsucht

Wie aber steht es heute mit dem Blick auf das Leben im Bayerischen Wald? Und was heißt Heimat für jemanden, der bis heute auf dem Papier keinem Staat angehört? „Lange Zeit habe ich geglaubt, Heimat ist das, was Du im Herzen hast. Inzwischen aber finde ich, gehört mehr dazu“, sagt Assilin, „nämlich die Menschen, die einem wichtig sind und bei denen man sich wohl fühlt.“ Genau aus diesem Grund zieht es den jungen Brauer derzeit wieder nach Bayern. Für einige Tage kam Assilin zum Probearbeiten in eine Brauerei in den Landkreis. „Die Mentalität der Menschen im Bayerischen Wald ist viel herzlicher und gemütlicher als in Brandenburg“, findet der Chamer Steppenwolf, der anders als seine Mutter und seine Schwester auf die Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft nach Ablauf von sechs Jahren verzichtet hat. Nach dieser Aufenthaltsdauer können Personen einen Antrag auf Einbürgerung stellen, sofern sie ausreichend deutsche Sprachkenntnisse nachweisen können. Erst mit dem Erhalt des Personalausweises genießen die Betroffenen alle staatsbürgerlichen Rechte, wie etwa das Wahlrecht.

Philipp Assilin jedoch weiß nicht, welcher Partei er seine Stimme geben sollte. Auch Reisen im Schengen-Raum seien für ihn problemlos möglich. Am Ende gibt es nur eine einzige Staatsbürgerschaft, für die sich der Brauer begeistern könnte. „Wenn dann müsste es die bayerische sein.“ Bis dahin zieht Chams kasachischer Steppenwolf weiter.

Worum geht es in unserer aktuellen Heimat Serie? Lesen alsses dazu hier.

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