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Daheim ist da, wo die Kühe grasen

Für Lena-Maria Irrgang ist Heimat eine Pflichtaufgabe. 75 Kühe sind auf dem Hof zu Hause. Ein Aufgabe, die Herzblut verlangt.
Von Michael Gruber

Sie nimmt ihre Zukunft in die Hand. Die junge Landwirtin Lena Irrgang (22) lebt für ihren Vilzinger Hof. Fotos: Gruber
Sie nimmt ihre Zukunft in die Hand. Die junge Landwirtin Lena Irrgang (22) lebt für ihren Vilzinger Hof. Fotos: Gruber

Vilzing.Die Silage für den Nachmittag ist verteilt. Berta, Zenzi und ihre 73 gefleckten Mitbewohnerinnen machen ihren Job: Fressen, Wiederkäuen, Schlafen, Milch geben. Lena-Maria Irrgang hat eine Atempause, bevor es an den Melkstand geht. Sie stellt den Motor des grünen Leaders ab, steigt aus dem zehn Tonnen schwerer Futtermischwagen, den ihr Vater geleast hat. Vor den Augen der 22-jährigen Vilzingerin liegt ihre Welt. Ein Flecken Land, 60 Hektar groß, auf dem sie von Kindesbeinen an steht.

Rechts der Kaltstall mit den Mutterkühen, links der Stall mit den Jungtieren, am Horizont der grüne Buckel des Lambergs. „Darauf haben unsere Kühe inzwischen den besten Panoramablick“, sagt die junge Landwirtin, „den gönne ich ihnen aber.“ Der Kuhstall, den ihr Vater Josef vor 15 Jahren bauen ließ, liegt zwischen ihrem Elternhaus und den weiten Äckerfluren, die vor Vilzing in die Ferne führen. Regensburg, München, Berlin, London, New York – die weite Welt lockt viele Frauen in ihrem Alter. Lena aber hat sich ihrer Heimat verpflichtet. Vilzing, der Hof und die Kühe – 365 Tage im Jahr, 10 Stunden am Tag. Sieben Mal die Woche.

Eines Tages wird die junge Vilzingerin den Milchbauernhof ihrer Eltern übernehmen. Nicht weil sie muss. Sondern weil sie den Alltag im Stall, die Arbeit draußen auf dem Feld, das Silieren und Heign im Sommer nicht anders kennt – und das Leben so liebt. „Es gibt nichts Schöneres, als auf einem Bauernhof mit den Tieren groß zu werden“, sagt Lena. „die Naturverbundenheit, die Verbindung zu den Viechern, das gehört einfach zum Beruf. Ohne diese Verbindung zur Heimat könnte man diese Arbeit auch keine 365 Tage durchhalten.“

Lena Irrgang und ihre Pflichtheimat

Die Zweite gibt Hundertprozent

Eines Tages wird die junge Vilzingerin den Milchbauernhof ihrer Eltern übernehmen.
Eines Tages wird die junge Vilzingerin den Milchbauernhof ihrer Eltern übernehmen.

Heimat – Lena-Maria Irrgang trägt sie im Blut. Im Herzen. Im Kopf und in den Händen. Deshalb hat sich die junge Frau nach dem Abschluss ihres Fachabiturs gegen ein Studium entschieden. „Ich wollte gleich etwas Praktisches machen“, sagt sie. Ein Landwirtschafts-Studium in Weihenstephan schwebte ihr vor. Doch sie entschied sich für die Ausbildung im Betrieb. In einer Landwirtschaft in Furth perfektionierte sie als angehende Gesellin das Handwerk– eine muss es ja machen. Ihre jüngere Schwester, die 17-jährige Christina, geht derzeit noch zur FOS und strebt ihr Fachabitur an. Lenas ältere Schwester arbeitet als Psychologin in einer Chamer Klinik. „Eigentlich müsste der Hof ja an die Erste gehen, wenn’s schon keine Söhne gibt“, scherzt Lena.

Macht aber nichts: die Zweite gibt für den Beruf mehr als Hundertprozent.

Als eine der Jahrgangsbesten legte sie letzten Herbst die Prüfung zum „staatlich geprüften Wirtschafter für Landbau“ an der Chamer Landwirtschaftsschule ab, den sie auf den Gesellenbrief satteln wollte. Neben dem täglichen Einsatz als Vollzeitkraft am elterlichen Hof schreibt Lena derzeit an ihrer Meisterarbeit zum Thema Jungrinder-Aufzucht. 16 Schüler besuchen ihren Meisterjahrgang – Lena ist die einzige Frau. Und ja: „Unter all den Männer ist es schwieriger, sich in dem Fach zu behaupten“, sagt die 22-Jährige. Hinzu kommt das, was viele Landwirte vor die Existenzfrage stellt: niedrige Milchpreise, teure Bodenpacht und eine Imagekrise der Viehhaltung, die von Verbrauchern und Tierschützern heftig torpediert wird.

Alle Teile unserer Heimat-Serie lesen Sie hier.

Eine Kämpferin schreitet zur Tat

Doch steckt in Lena Irrgang eine Kämpferin, die nicht nur über die Zukunft der Landwirte redet, sondern zur Tat schreitet. Letztes Wintersemester stachen ihr die Milchtankstellen ins Auge, mit denen viele Landwirte inzwischen ihre Produkte selbst vermarkten. Ihre Idee: Was wäre, wenn die Tankstelle gleich im Supermarkt neben dem Milchregal steht und so für Kunden viel bequemer zu erreichen ist? Über ein halbes Jahr klapperte Lena Veterinäramt, Maschinenring und Supermärkte ab – seit November steht ihr „Milchhaisl“ im Chamer Rewe-Markt. So hat die Landwirtin die oberpfalzweit erste Milchtankstelle in einem Supermarkt getauft, mit der die Irrgangs ihre Milch direkt vertreiben. Und nach der ersten Zwischenbilanz trifft Lenas Idee einen Nerv der Kunden: „20 Prozent der Milch, die in den letzten drei Monaten über die Ladentheke ging, stammt aus unserer Tankstelle“, sagt sie. Täglich um sechs Uhr früh reinigt sie den Automaten – jeden zweiten Tag bringt sie zwei Milchkannen mit und füllt 100 Liter pasteurisierte Milch nach.

Alle Milchtankstellen im Landkreis finden Sie auf karte.mittelbayerische.de:

Ohne ihren Einfall und die Investition in die Anlage, hätte sich ihr Einsatz als Vollzeitkraft am heimischen Hof wirtschaftlich nicht gerechnet, sagt Lena. „Wahrscheinlich hätte ich dann noch nebenbei für den Maschinenring arbeiten müssen.“ Geklappt hätte es auch nicht ohne das Herz des Betriebs: die Familie. „Es ist das Schönste, wenn man sieht, wie die nächste Generation den Hof übernimmt“, findet Vater Josef Irrgang (52), dessen Eltern im Erdgeschoss wohnen. So geht das auf diesem Flecken Land schon seit acht Generation. Seit dem Jahr 1730.

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Der Bauernhof Irrgang

  • Tradition:

    Die Geschichte des Bauernhofs der Familie Irrgang reicht über acht Generationen bis ins Jahr 1730 zurück. Jahr 1990 übernahm Josef Irrgang den Hof von seinem Vater.

  • Milchkrise:

    In den 90ern lag der Milchpreis noch bei 80 Pfennig. Genug, um mit 20 Kühen zwei Familien zu ernähren. Dafür braucht ein Landwirt heutzutage mindestens 70 Kühe.

  • Menge:

    Im Schnitt produzieren die Kühe der Irrgangs 1300 Liter Milch pro Tag. 50 Liter gehen an die Tankstelle.

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